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Sitzen, warten, der absurden Welt zuschauen

Elia Suleiman ist Nachfolger grosser Komiker wie Buster Keaton: Ohne eine Miene zu verziehen, bringt er den globalen Irrsinn auf den Punkt.

«Die Welt trinkt, um zu vergessen. Palästina trinkt, um sich zu erinnern.» Bierernst oder weinselig wird Elia Suleiman in seinen Filmen aber nie. Foto: PD
«Die Welt trinkt, um zu vergessen. Palästina trinkt, um sich zu erinnern.» Bierernst oder weinselig wird Elia Suleiman in seinen Filmen aber nie. Foto: PD

Sie sind aus Palästina? Wie können Sie da überhaupt lustige Filme drehen? Das bekam Elia Suleiman vor allem zu Beginn seiner Karriere immer wieder zu hören. Einmal wurde er gar aus dem Büro eines bekannten Produzenten geschmissen, weil dieser genaue Vorstellungen davon hatte, wie ein Werk über den Konflikt mit Israel zu sein habe: zornig, thesenhaft, mit verwackelter Kamera gefilmt. Der potenzielle Geldgeber brach das Gespräch ab, indem er den Regisseur, der eine poetische Komödie drehen wollte, als «falschen Palästinenser» bezeichnete.

Falsch. Elia Suleiman könnte authentischer nicht sein. Aber er liefert keine politischen Traktate. Sondern ist ein genauer Beobachter von Alltagssituationen, die er ins Absurde steigert. Das kann ein Luftballon sein, der über die schwer bewachte Grenze in Jerusalem schwebt. Es kann aber auch ein Mann sein, der eine Aprikose isst, den Stein achtlos aus dem fahrenden Auto wirft, worauf am Strassenrand ein israelischer Panzer explodiert. Das ist natürlich auch politisch – nur anders.

Diese Szenen stammen aus «Intervention Divine», mit dem Suleiman 2002 im Westen schlagartig bekannt wurde. Er selber spielte in dieser Komödie die Hauptrolle und galt von da an als moderner Buster Keaton: Wie der grosse Stummfilmstar stellte er sich dem Irrsinn der Welt, indem er keine Miene verzog. Das ist bis heute so geblieben. Auch wenn er im neuen Film «It Must Be Heaven» einige Worte spricht.

«Ich bin Palästinenser»: Elia Suleiman unterwegs um die halbe Welt. Foto: PD
«Ich bin Palästinenser»: Elia Suleiman unterwegs um die halbe Welt. Foto: PD

Es sind genau vier. Suleiman sitzt dabei in einem New Yorker Taxi. Der Fahrer will wissen, wo er denn herkomme. «Nazareth», antwortet sein Gast. «Ist das ein Land?», wundert sich der Fahrer. Worauf drei weitere Worte folgen: «Ich bin Palästinenser.» Jetzt legt der Fahrer eine Vollbremsung hin. Was ist passiert? Wird er den Gast gleich aus dem Auto schmeissen, ihn vielleicht verprügeln, ausrauben? Nein, der Mann am Steuer ruft seine Frau an, fragt sie, ob sie je einen echten Palästinenser gesehen habe. Und hat so viel Freude am Gast, dass er ihm die Fahrt schenkt.

«Eigene Erfahrungen sind essenziell»

Elia Suleiman hat das erlebt, als er zwischen 1981 und 1993 in New York wohnte, wo er erste Kurzfilme drehte. Der Fahrer sei damals, als das noch gefährlich war, mit ihm in eine dunkle Ecke von East-Harlem gefahren, und er habe tatsächlich um sein Leben gefürchtet, erzählt Suleiman. Sagt dann: «Eigene Erfahrungen sind essenziell für meine Filme.» Und: «Alles, was darin vorkommt, ist mir irgendwie selber widerfahren. Aber ich brauche sehr lange, bis ich es zu einer Filmszene umgearbeitet habe.» Wie machen Sie das? «Ich warte!»

Warten ist ein Schlüsselwort zum Werk von Elia Suleiman. Zwischen der besagten «Göttlichen Intervention» im Jahr 2002 und dem aktuellen «It Must Be Heaven» hat der inzwischen 59-Jährige nur ein einziges Mal gedreht: «The Time That Remains», aber das ist auch schon zehn Jahre her. Die Langsamkeit ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass seine Filme schwer zu finanzieren sind, weil sie sich eben nicht bequem in die Politfilm-Schublade stecken lassen. Auch diese Erfahrungen sind Thema des neuen Films, der wie immer persönlich und allgemeingültig ist.

Er beginnt in Nazareth, wo der Mann, den Suleiman selber spielt, stundenlang auf seinem Balkon sitzt. Im Garten steht ein Zitronenbaum, an dem sich ein Nachbar hemmungslos bedient und sogar die Äste stutzt, damit es in Zukunft noch mehr Früchte gebe. Das könnte man leicht als Metapher für die Beziehung unter den Nachbarn in der Region verstehen. Aber so einfach macht es sich Suleiman nie. Deshalb haut er bald einmal ab, der Film spielt dann zuerst in Paris, später in New York.

Was ist da falsch? Elia Suleiman auf einem Touristenplatz in Paris. Foto: PD
Was ist da falsch? Elia Suleiman auf einem Touristenplatz in Paris. Foto: PD

In Paris sitzt er in Cafés. Oder besucht Plätze wie die Glaspyramiden des Louvre. Irgendetwas ist dabei irritierend, aber man braucht eine Weile, bis man merkt, was: Wo normalerweise Hunderte von Menschen hinpilgern, gibt es nur diesen einen Touristen mit Hut. Das Postkarten-Paris ist total leergefegt. Was einerseits eine logistische Meisterleistung ist («ich habe gute Beziehungen zum Bürgermeister», sagt der Regisseur). Andererseits ein Stück Humor, das an einen anderen grossen Komiker erinnert: Wie bei Jacques Tati erschliesst sich der Witz erst nach einer Weile – die moderne Welt ist so absurd, dass man ihrer zuerst optisch habhaft werden muss.

Polizistenballett, Brigitte und andere Tagträume

Es bleibt nicht beim menschenleeren Paris. Es tauchen mitten in der Stadt Panzer auf, und Soldaten paradieren. In New York kaufen die Menschen im Supermarkt ganz selbstverständlich mit umgehängter Waffe ein. Und es fallen Sätze wie: «Die Welt trinkt, um zu vergessen. Palästina trinkt, um sich zu erinnern.» Das kann man als Bonmot abtun. Aber Suleiman bekräftigt: «Wir können nicht vergessen, wir sind die Toten von gestern und die Toten von morgen. Das Einzige, was wir können, ist, genau hinzuschauen.»

«Wer lange wartet, kommt immer auf die richtige Idee.» Foto: PD
«Wer lange wartet, kommt immer auf die richtige Idee.» Foto: PD

Das tut er denn auch. Und findet so banale Dinge wie einen übervollen Glascontainer. Zwei japanische Touristen, die ihn fragen, ob er Brigitte heisse. Oder Verkehrspolizisten, die auf Elektroscootern ein absurdes Ballett aufführen. Das ist eigentlich völlig bedeutungslos, aber in der Art, wie Elia Suleiman es zusammenfügt, überaus vielsagend. «Wer lange genug wartet und in den Tag hinein träumt, kommt immer auf die richtige Idee», sagt er.

Also los, hinsetzen, nichts tun, träumen (aber dabei Hände weg von den ablenkenden Mobiltelefonen!). Einfach warten. Und sei es nur auf einen der raren und darum so kostbaren Filme von Elia Suleiman.

It Must Be Heaven: ab 19. März im Kino

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