Schützenfische und Luxus-Drachen

Sonntagsausflug ins Wasserparadies Aquatis nach Lausanne, wo der Komodowaran im Privatjet einfliegt und Damen auf ihre Garderobe achten müssen.

So empfindsam wie ein Hund: Eines der beiden Krokodile im Aquatis in Lausanne Foto: Nicolas Righetti/Lundi13.

So empfindsam wie ein Hund: Eines der beiden Krokodile im Aquatis in Lausanne Foto: Nicolas Righetti/Lundi13.

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Der erste Blick nach unten erregt Schwindel: In der Tiefe waten viet­namesische Bauern im Wasser und bestellen die Felder, träge wälzt sich der Mekong zum Chinesischen Meer, ein Mopedfahrer knattert an den Reisterrassen vorbei. Der zweite Blick nach oben enthüllt des Rätsels Lösung: Täuschend echt ist die animierte Szene kopfüber unter der Decke installiert. Ein riesiger Spiegel, auf dem die Füsse stehen, reflektiert die Illusion eines asiatischen Landidylls aus der Vogelperspektive.

«Es geht ums Wasser», stellt Michel Ansermet klar. «Immer und überall geht es ums Wasser: Wir wollen zeigen, wie kostbar dieser Rohstoff ist und wie schutzbedürftig.» Das Süsswasser macht zwar nur vier Prozent des gesamten Wasservolumens auf dem Planeten Erde aus, die gewaltigen Eismassen an den Polen miteingerechnet, zugleich nährt und ermöglicht es alles Leben auf dem Land.

Was aber soll der optische Trick mit dem verspiegelten Boden? «Ein kleiner Gag», schmunzelt Ansermet, der sich mehr als Kurator, als «Botschafter der Natur» und «Teil der Seele» von Europas grösstem Süsswasseraquarium versteht denn als dessen Geschäftsführer. «Doch es gibt auch ein Problem damit; aber das ist uns erst nach der Eröffnung bewusst geworden, als es schon zu spät war.»

Begleitet von lautem Mediengetöse hat vor einem halben Jahr Aquatis die Tore geöffnet, ein opulent inszeniertes Wasserparadies mit angegliedertem Hotel und Kongresszentrum, das weder Zoo noch Museum und schon gar kein Disneyland sein will, «aber dennoch», sagt Ansermet, «von alldem was hat». Mehrere Becken und Biotope sind auf verschiedenen Ebenen mit insgesamt zwei Millionen Litern Wasser gefüllt und mit zehntausend Fischen sowie hundert Reptilien und Amphibien aus allen Kontinenten besiedelt worden. «Wir bieten jedem Tier exakt jene klimatischen Bedingungen, die es gewohnt ist – von der Luftfeuchtigkeit über die Temperatur bis zum pH-Wert», so Ansermet. «Die Tiere haben eine Mission, sie ermahnen uns: Tragt Sorge zu meiner Heimat! Rettet das Wasser!» Der Chef ist vor einer Glasscheibe stehen geblieben, hinter der eine Aquarium-Vivarium-Kombination Fische, Schlangen und Insekten beherbergt.

«Ich nahm allen Mut zusammen und rief Constantin an»

Knapp unter dem Wasserspiegel visiert ein karpfenartiger Fisch ein Blatt an, auf dem sich ein Käfer niedergelassen hat. Für den Bruchteil einer Sekunde taucht das Fischmaul auf, ein dünner, scharfer Strahl schiesst meterhoch aus dem Wasser, und der Käfer plumpst in die Tiefe – direkt in den Rachen des Schützenfischs. «Irgendwie erinnert mich der Kerl an meine eigene Karriere», grinst Ansermet, der einst, bevor er als Expeditionsleiter durch Urwälder und Wüsten zog, im Spitzensport von sich reden gemacht und vor achtzehn Jahren sogar eine olympische Silbermedaille gewonnen hat – als Sportschütze mit der Schnellfeuerpistole!

Bewegungslos schweben seine erklärten Lieblinge im Wasser. Doch sobald Michel Ansermet leise «Cleo!» ruft und «Farouche!», kommt Leben in die archaischen Leiber: Langsam schwimmen die beiden rund vierzig Jahre alten Reptilien zu dem Mann, der auf der anderen Seite der Scheibe wartet. «Sie reagieren auf ihre Namen, sie sind so empfindsam wie Hunde und bleiben dennoch wilde Tiere: unsere Krokodile!»

Nahezu zu jedem seiner Tiere weiss Michel Ansermet eine Anekdote zu erzählen. Die beste bietet zweifellos Naga, der einsame Komodowaran im benachbarten Vivarium.

Achtung, lebende Fracht: Die Ankunft des Komodowarans. Foto: Sebastian Feval

Naga war parthogenetisch im Prager Zoo geboren worden. Seine Mutter hatte sich selbst befruchtet, ohne die Beteiligung eines männlichen Artgenossen. Als die Reise nach Lausanne anstand, suchte Ansermet nach einer Möglichkeit, den ebenso gefährlichen wie sensiblen «Drachen», so nennen die indonesischen Insulaner ihren endemischen Mitbewohner, schonend zu transportieren. «Als mir ein befreundeter Journalist die Handynummer von Christian Constantin zusteckte, nahm ich allen Mut zusammen und rief ganz spontan den Präsidenten des FC Sion an.»

Constantin, millionenschwer, oft für einen Skandal und immer wieder auch für eine Überraschung gut, zögerte keine Sekunde und schickte seinen Privatjet nach Prag, um Naga von der Moldau an den Genfersee zu fliegen.

Inzwischen ist Ozeanien in der Tiefe erkennbar: Das Great Barrier Reef vor Australiens südlicher Küste ist das grösste und zugleich bedrohteste Korallenparadies der Erde ? noch so ein Mahnmal, dessen Inszenierung an die vietnamesischen Reisbauern erinnert, an den Trick mit dem Landschaftsmodell unter der Decke und dem Spiegel unter den Füssen.

Da war doch noch was . . . Wo ist das Problem?

«Bei gewissen weiblichen Besuchern», sagt Michel Ansermet und zeigt auf den verspiegelten Boden. «Hier empfiehlt es sich, Jeans anzuziehen. Und keine ­Miniröcke.»

Anreise: Per Metro vom Bahnhof Lausanne direkt zu Aquatis. Tickets: 29 Fr. Erw., 19 Fr. Kids Weitere Infos: www.aquatis.ch, www.lausanne-tourisme.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.04.2018, 10:06 Uhr

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