RAV können Inländervorrang nicht wie gefordert umsetzen

Arbeitsvermittlungszentren fehlen Software und Know-how für eine effiziente Personalvermittlung.

Zementierer im Gotthardbasistunnel: Bauarbeiter sollen künftig zuerst im Inland rekrutiert werden, bevor freie Jobs 
im Ausland ausgeschrieben werden.

Zementierer im Gotthardbasistunnel: Bauarbeiter sollen künftig zuerst im Inland rekrutiert werden, bevor freie Jobs im Ausland ausgeschrieben werden. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Über drei Jahre nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) war letzten Dezember endlich eine Lösung gefunden, die im Parlament eine Mehrheit fand: der Inländervorrang light. Seit der Bundesrat Ende Juni die Vernehmlassung über die Verordnung eröffnet hat, sind auch die Eckwerte klar. Um Bewerbern aus der Schweiz bei Stellenbesetzungen einen Vorrang gegenüber Ausländern zu gewähren, müssen Arbeitgeber freie Stellen in Berufen mit einer landesweiten Arbeitslosenquote von mindestens 5 Prozent zunächst den Arbeitsämtern melden. Die Mitarbeiter in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) haben dann drei Tage Zeit, um den Unternehmen geeignete Kandidaten für die freien Stellen vorzuschlagen.

Doch genau diese Vorgaben werden gemäss Recherchen bis zum geplanten Start Anfang 2018 nicht umsetzbar sein. Der Grund: ineffiziente Informatik­programme in den RAV. Wie stark die Arbeitslast in den Ämtern zunehmen wird, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bereits geschätzt. Arbeitgeber müssen jährlich etwa 218 000 offene Stellen melden, das sind rund 180 000 mehr, als in den betreffenden Berufsarten 2016 freiwillig gemeldet wurden. Für den Mehraufwand müssen rund 270 neue Stellen in den RAV geschaffen werden. Doch der Stellenaufbau allein reiche nicht aus, heisst es unter Arbeitsmarktexperten innerhalb und ausserhalb der Behörden. «Die jetzige IT ist für die Menge an Dossiers in der kurzen vorgegebenen Frist ineffektiv», sagt Bruno Sauter, Präsident des Verbands Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden und Chef des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich. Tino Senoner von der Schweizerischen Stiftung für Arbeit und Weiter­bildung, die insbesondere Ausgesteuerten neue Jobs vermittelt, hält die Systeme ebenfalls für unzureichend. «Die Programme müssten dringend weiterent­wickelt werden.» Die Zeit dafür drängt: Schon Anfang des Jahres sollen die neuen Regelungen in Kraft treten.

Arbeitslosigkeit und Zuwanderung Grafik vergrössern

Auch RAV-Mitarbeiter befürchten, die ehrgeizigen Vorgaben des Bundesrats nicht umsetzen zu können. «Das Risiko ist hoch, dass viele Arbeitgeber innerhalb der drei Tage keine Rückmeldungen über geeignete Kandidaten erhalten», sagt ein RAV-Berater, der anonym bleiben will.

Das Problem beschäftigt die obersten Regierungsebenen und Arbeitsämter in den Kantonen. Christoph Brutschin, Präsident der Volkswirtschaftsdirektoren und Basler Regierungsrat, räumt ein: «Es wird schwierig sein, die Stellenmeldepflicht ab 1. Januar 2018 echt umzu­setzen.» Anpassungen bei der IT seien hierfür zwingend. Das Kernproblem der derzeitigen Software: Der Abgleich von Bewerberprofilen und ausgeschriebenen Jobs ist nicht automatisiert. Viele Informationen – bei Informatikern wären das beispielsweise Kenntnisse über Programmiersprachen und Programme – werden gar nicht erfasst. Die RAV-Mitarbeiter können allenfalls ziemlich breite Suchanfragen stellen und müssen sich dann durch eine lange Trefferliste arbeiten, um zu schauen, ob Stellenprofil und Bewerber tatsächlich zusammenpassen. Das kostet viel Zeit. Anders funktionieren automatisierte Programme von privaten Stellenvermittlern: Sie durchsuchen Zeugnisse und Lebens­läufe nach Stichworten und gleichen diese mit den Jobangeboten ab. So ergibt sich eine wesentlich präzisere ­Trefferliste.

RAV-Angestellte müssen geschult werden

Zuständig für die landesweit ein­heitlichen IT-Systeme in den RAV ist das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Es reagiert nervös auf die Bedenken der Praktiker und will Fragen zur IT nicht beantworten – mit Verweis auf die laufende Vernehmlassung. Hinter den Kulissen ist das Thema virulent. Dem Vernehmen nach gibt es eine Arbeitsgruppe, in die auch die RAV eingebunden sind, um die Bedürfnisse der Mitarbeiter hinsichtlich künftiger Programme abzuklären. Angeblich will das Seco im Herbst eine Teillösung präsentieren. «Wir werden sehen, ob das dann ausreicht», sagt Bruno Sauter. Gemunkelt wird auch über eine bevorstehende Ausschreibung einer neuen IT-Lösung.

Wie ineffektiv die RAV-Programme sind, zeigte sich bereits im Urteil von Arbeitgebern über die Behörde. In einer 2014 durchgeführten Umfrage kantonaler Arbeitsmarktbehörden zum Thema Arbeitsmarktmobilität und Fachkräftemangel gaben mehr als 20 Prozent der Firmen an, die Auswahl und Erfassung von Kandidaten durch die RAV sei nicht optimal. Fast die Hälfte bemängelte, auf dem RAV würden keine Fachkräfte vermittelt. «Dabei stimmt das gar nicht, man kann sie im System nur nicht finden», sagt Senoner. Die RAV standen in der Gunst der Arbeitgeber auf Mitarbeitersuche erst an fünfter Stelle – hinter ­Online-Jobbörsen, Firmenwebsites, dem eigenen Kontaktnetzwerk und privaten Stellenvermittlern. Die Systeme sind auch deshalb nicht auf die Personalvermittlung ausgelegt, weil diese bei vielen RAV-Mitarbeitern bislang nur einen geringen Teil der Arbeit ausmacht. ­Primär geht es in den Zentren darum, Arbeitslose fitzumachen für den Arbeitsmarkt, etwa indem die Bewerbungsdossiers optimiert oder Weiterbildungsmassnahmen geplant werden. Zudem ver­wenden die Mitarbeiter viel Zeit darauf, Arbeitslose dazu zu bringen, sich um eine neue Stelle zu kümmern. «Die Selektion von passenden Dossiers für so viele ­Stellen ist für das RAV eine gewaltige neue Aufgabe», sagt Senoner.

Kosten: 40 bis 60 Millionen Franken

Christoph Brutschin schätzt, dass es auch Weiterbildungsmassnahmen für die RAV-Mitarbeiter brauchte, um die neue Aufgabe zu erfüllen. «Die Erkenntnis ­verdichtet sich auch hier, dass eine Umsetzung der Stellenmeldepflicht längere Zeit in Anspruch nehmen wird.»

Unklar ist noch, wie teuer die Um­setzung des Inländervorrangs light wird – also wie hoch die Summe ist, die für die Ausbildung von Mitarbeitern und den Aufbau der IT anfällt. Die Schätzungen des Bundes belaufen sich auf gut 40 Millionen Franken. Kantonale Behörden rechnen eher mit rund 60 Millionen ­Franken. Darüber, wer diese Kosten am Ende tragen muss, dürfte noch gestritten werden. Um das drohende ­Fiasko bei der Arbeitsbelastung abzuwenden, plädiert Brutschin zu Beginn für eine Meldepflicht ab einer Arbeitslosenquote von 8 ­Prozent statt 5. Auch Sauter sagt: «Damit würde man mehr Wert auf Qualität bei der Vermittlung setzen statt auf Quantität.» Die Frage sei, wie viel Zeit die Vollzugs­behörden erhielten «für eine saubere ­Lösung».

Auch eine längere Bearbeitungszeit von fünf statt dreier Tage würde wohl den Druck verringern, heisst es auf den kantonalen Ämtern. Denn dass die umfassende IT-Lösung rechtzeitig parat ist, glaubt niemand so recht. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass derartige Projekte keine leichte Aufgabe seien und mehrere Monate bis zu einem Jahr andauern könnten, sagt Brutschin. Nach Senoners ­Erfahrung benötigen solche Entwick­lungen gar mehrere Jahre, bis sie effizient eingesetzt werden können.

Zu verlieren gibt es vor allem eines: das Vertrauen der Arbeitgeber, von denen viele ohnehin über bürokratischen Mehraufwand klagen. In den RAV befürchten die Mitarbeiter, am Ende für die Nichtumsetzung der MEI verantwortlich gemacht zu werden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 23:02 Uhr

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