Raiffeisen kannte Vincenz’ Interessenkonflikte

Um ihren langjährigen Chef abzusichern, gab die Bank gleich drei Gutachten in Auftrag, ohne die heiklen Fragen zu stellen.

Sieht sich widrigen Winden gegenüber: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Foto: Keystone

Sieht sich widrigen Winden gegenüber: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Foto: Keystone

Arthur Rutishauser@rutishau

Es sind stürmische Tage, welche die Raiffeisenbank und ihr ­ehemaliger Chef Pierin Vincenz erleben. Grund sind die laufenden Untersuchungen der Eidgenössischen Finanzmarkt­aufsicht (Finma) und des Kreditkartenabwicklers Aduno. Aduno ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Raiffeisen-Gruppe mit anderen Banken, bei dem Vincenz lange Jahre als Verwaltungsratspräsident amtete, bevor er vergangenen Sommer zurücktrat.

Im Zusammenhang mit den dort getätigten Akquisitionen untersucht die Anwaltskanzlei Baumgartner Mächler, ob es allenfalls zu Interessenkonflikten gekommen sei. Dabei kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die Übernahme von Commtrain Card Solutions der heikelste Fall ist. Mit dem Kauf dieser Firma, die eine Software zum kontaktlosen Zahlen mit der Kreditkarte entwickelte, wollte Aduno den Durchbruch auf dem Schweizer Kreditkartenmarkt erzielen.

Beteiligung an Commtrain vor Übernahme?

Was damals für Aduno als idealer strategischer Kauf erschien, ist im Licht der heutigen Untersuchungen ein fragwürdiges Geschäft. Denn der Vorwurf steht im Raum, dass sich Vincenz im Vorfeld der Übernahme an Commtrain beteiligt hat. Genährt werden die Vermutungen durch Kontobewegungen zwischen Vincenz, dem späteren Aduno-Chef Beat Stocker und Commtrain. Von ­diesen hatte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» vor einem halben Jahr ­berichtet.

Offenbar wurde dieser Deal auch von den damals Verantwortlichen als heikel eingestuft. Denn Raiffeisen, nicht etwa Aduno, gab gleich drei Gutachten in Auftrag, die den Fall von verschiedenen Seiten her beleuchten sollten. Ein Auftrag ging an Peter Forstmoser, Professor und Anwalt bei der Zürcher Wirtschaftskanzlei Niederer Kraft & Frey. Er sollte abklären, ob beim Kauf aus der Sicht von Vincenz alles korrekt abgelaufen sei. Also, ob die Transaktion zu marktgerechten Preisen durchgeführt wurde – «at arms length», wie es im Jargon heisst. 45 Seiten schrieb der Professor dazu, und er kam zum Schluss, dass alles gut sei. Allerdings ist im Gutachten dem Vernehmen nach nichts zu den erwähnten Zahlungen zu finden, wie ein Insider berichtet.

Ein zweites Gutachten des Berner Finanzprofessors Claudio Loderer klärte ab, ob die Unternehmensbewertung korrekt erfolgt sei. In einem dritten Gutachten klärte das Beratungsunternehmen Helbling, ob die Buchprüfung des Unternehmens vor dem Kauf korrekt war. All das erfolgte im Auftrag von Raiffeisen, gemäss Insidern mit dem Wissen des damaligen Verwaltungsratspräsidenten Franz Marty.

Verdoppelung des Lohnes

Heute wollen die Beteiligten möglichst nichts mehr mit den heiklen Teilen der Abklärungen zu tun ­haben. Peter Forstmoser sagt, er könne sich nicht mehr an das Gutachten erinnern. Böse Zungen ­behaupten, das sei höchstwahrscheinlich damit zu erklären, dass Niederer-Kraft-Frey-Anwalt Peter C. Honegger, ein Bankenspezialist und heute Vincenz’ persön­licher Anwalt, das Gutachten zum grössten Teil geschrieben habe. Raiffeisen entschied sich gemäss Sprecherin Cécile Bachmann trotz anfänglicher Zusage, nach dreistündiger, immer wieder verlängerter Bedenkzeit nichts zu sagen.

Vincenz’ Beziehungen zu Niederer Kraft & Frey wurden in den Folgejahren immer enger. Forstmoser wurde im April 2012 Verwaltungsratspräsident des Derivatespezialisten Leonteq. Er half, diesen an die Börse zu bringen. 2013 kaufte die zur Raiffeisen-Gruppe gehörende Privatbank Notenstein von der Privatbank EFG International 20,25 Prozent von Leonteq. All jene, die an Leonteq beteiligt waren, profitierten von einem massiven Kursgewinn. Vincenz wurde dann auch rasch in den Leonteq-Verwaltungsrat gewählt. Forstmosers Lohn verdoppelte sich in der Folge. Als Vincenz später das Präsidium übernahm, verdoppelte sich die Entschädigung nochmals.

Das Vorgehen bei Commtrain wurde später bei der Beteiligungs­gesellschaft Investnet wiederholt. Dort ist nichts bekannt darüber, dass Vincenz selbst beim Kauf der Gesellschaft durch die Raiffeisen profitiert hätte. Heikel ist vielmehr, dass und wie sich Vincenz bei ­seinem Abgang bei Raiffeisen im Herbst 2015 an Investnet persönlich beteiligte.

Investnet gehörte Raiffeisen – und Vincenz

Im Sommer 2015 fusionierte die Raiffeisen-Gruppe ihre beiden Beteiligungsgesellschaften Investnet und KMU Capital zur Investnet-Holding. Diese hat zum Zweck, sich an Erfolg versprechenden Kleinunternehmen zu beteiligen, eine Art Private-Equity-­Gesellschaft also. In diese schoss Raiffeisen 100 Millionen Franken ein.

Doch Investnet gehört heute nicht Raiffeisen allein, sondern auch Vincenz persönlich. Er hält, wie auch Gründer Peter Wüest, 15 Prozent der Aktien. Andreas Etter, ebenfalls ein Gründervater, hält 10 Prozent der Anteile. Alle drei halten eine Put-Option, die ihnen das Recht gibt, ihr Paket an Raiffeisen zu verkaufen. Das ist in einem geheimen Aktionärs­bindungsvertrag fest­gehalten. Da Vincenz immer noch Verwaltungsratspräsident ist, erscheint das ­geradezu grotesk. Wie viel die ­Investnet-Holding im Zeitpunkt der Beteiligungsnahme von Vincenz wert war, ist hoch umstritten. Der Interessenkonflikt war offensichtlich.

Darum beauftragte Raiffeisen-Präsident Johannes ­Rüegg-Stürm noch zu Vincenz’ Zeiten das Beratungsunternehmen Pricewater­houseCoopers mit einem Gutachten. Gemäss Insidern, die Kenntnisse über den Inhalt der Untersuchungsberichte haben, gab es bei den Verhandlungen und beim ­Umgang mit den Ausstandsregeln Verstösse gegen die Richtlinien der Finma. Rüegg-Stürm selbst ist in der Sache im Ausstand und wird wahrscheinlich nicht mehr lange Raiffeisen-Präsident bleiben.

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