Räum dich doch selber auf!

Kreatives Chaos war gestern. Heute sollen Wohnungen möglichst unbelebt aussehen – weil die Beseitigung aller unnötigen Dinge angeblich glücklich macht.

Ordnung im Schrank gleich Ordnung im Kopf: So lautet die schlichte Gleichung des Ausmistens. Bild: Shutterstock

Ordnung im Schrank gleich Ordnung im Kopf: So lautet die schlichte Gleichung des Ausmistens. Bild: Shutterstock

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Es gibt in der Schweiz Menschen, die nicht wollen, dass ihre Socken traurig sind. Darum knüllen sie sie nicht mehr brutal zusammen, ­sondern falten sie zu einer Art ­Sockenorigami. Manche räumen gar jeden Abend ihre Handtasche aus und bedanken sich bei ihr für ihre guten Dienste. Aussen­stehende mögen nun die Stirn ­runzeln. Eingeweihte erkennen ­sofort: Hinter diesem seltsamen Gebaren steckt die Räum-auf-und-alles-wird-besser-Philosophie von ­Marie Kondo.

Die Japanerin hat mit ihrem Bestseller «Magic Cleaning» vor fünf Jahren einen riesigen Hype um eine Tätigkeit ausgelöst, die bis dahin so alltäglich wie unbeliebt war: aufräumen und ausmisten. Kondos Credo: Wenn mich ein Gegenstand nicht (mehr) glücklich macht, muss er weg. Was übrig bleibt, bekommt einen genau zugewiesenen Platz in der Wohnung. Den Restbesitz soll man wertschätzen, und darum darf man sich ­ruhig auch bei den beiden Handtaschen bedanken, die die Radikalkur überlebt haben. Aus Platzgründen muss man seine Kleider überdies auf etwa ein Viertel ihrer Grösse zusammenfalten. Socken lassen sich danach zwar kaum noch von Unterhosen unterscheiden, aber Millionen von Menschen finden das offenbar total praktisch.

Aufräumen befriedigt mehr als Sex

Schlimmer noch: Sie platzen geradezu vor Stolz, weil ihre Schränke aussehen wie akkurat sortierte Modeboutiquen, und sind ob ihrer halb leeren Wohnung derart aus dem Häuschen, dass sie die «stylishe Ruheoase» penetrant auf ­Social Media promoten. Seht her und likt mich!

Selbst Ikea ist dem Ordnungswahn verfallen. In einem TV-Spot reisst sich ein Pärchen leidenschaftlich die Kleider vom Leib, doch bevor es zur Sache geht, muss der smarte Jüngling sorgfältig Hemd, Hose und Socken falten, damit er alles im akribisch geordneten Schrank versorgen kann. Seinem Date vergeht derweil die Lust. Die kühne Botschaft: Aufräumen befriedigt mehr als Sex.

Der Hype ist ein Rätsel. Weshalb tun auf einmal erwachsene Menschen so, als hätten sie nie aufräumen gelernt? Und was genau versprechen sie sich von einer Wohnung, die aussieht, als wäre sie unbewohnt? Selim Tolga glaubt nicht, dass Socken Gefühle haben, er lässt seine Kunden auch nicht mit Handtaschen sprechen. Aber wie Marie Kondo verdient er sein Geld damit, anderen beim Aufräumen zu helfen. Als sich der Zürcher vor zehn Jahren selbstständig gemacht hatte, also lange vor dem ganzen Ordnungsfimmel, wurde er belächelt. Heute kann er vom Aufräumcoaching leben, ziemlich gut sogar.

«Allgemein sind es Menschen, die in irgendeiner Form Ballast abwerfen wollen, nicht selten nach einer Scheidung oder dem Tod von Familienangehörigen.» 

«Es stimmt eben nicht, dass jeder weiss, wie man aufräumt», sagt der 38-Jährige. Bei vielen hätten die erzieherischen Bemühungen in dieser Hinsicht leider versagt. Es fehle nicht selten an grundsätzlichem Know-how, zum Beispiel wie man Ordnung in Schubladen behält. Ausserdem, gibt Tolga zu bedenken, «sind viele mit den unzähligen Konsummöglichkeiten überfordert». Sie kaufen wahllos Dinge ein und häufen Sachen an, die sie eigentlich nicht brauchen. Tolgas Vermutung: «Sie wissen nicht, was sie wirklich wollen. ­Solche Wohnungen widerspiegeln dann oft eine grundsätzliche Überforderung im Leben.»

Die meisten seiner Kunden sind zwischen 45 und 75 Jahre alt, eher alleinstehend und zu rund zwei Dritteln weiblich. Frauen versprechen sich von Tolga nebst einer aufgeräumten Wohnung oft auch Lebenshilfe. Männer wollen lieber ihren Bürokram ordnen, um produktiver im Job zu sein. «Allgemein sind es aber alles Menschen, die in irgendeiner Form Ballast abwerfen wollen, nicht selten nach einer Scheidung oder dem Tod von Familienangehörigen.»

Der materielle Ballast eines Durchschnittseuropäers lässt sich konkret beziffern: Wir besitzen rund 10 000 Dinge, davon sind ­allerdings nur 20 Prozent in Gebrauch. Deshalb will Tolga, der selbst gerade mal 500 Sachen besitzt, seine Kundschaft dazu animieren, das «Richtige» zu besitzen. «Die Wohnung muss nicht wie ein Hotelzimmer aussehen. Was man behält, soll aber ent­weder nützlich sein oder Freude machen.» Klingt verlockend, und sicher fühlt es sich befreiend an, wenn man nicht ständig sein Zeug suchen und Hunderte von Gegenständen heben muss, um darunter staubzusaugen. Doch Zweckmässigkeit allein löst noch keinen weltweiten Hype aus.

Die Verzichtswelle entbehrt nicht einer gewissen Ironie

Wie bei jedem neuen Lifestyle geht es bei der aktuellen Aufräum­euphorie letztlich darum, sich selbst zu finden: Entrümple deine Wohnung, und dein wahres Ich kommt quasi von selbst zum Vorschein. Der Trend nährt die trügerische Hoffnung, dass Ordnung von aussen automatisch Ordnung von innen schafft. Statt langwierige Psychotherapien über sich ergehen zu lassen, kann man einfach die Umgebung verändern und – schwups – ist man ein anderer, ein besserer Mensch. Also lernen auf einmal Millionen Erwachsene, ihre Wäsche neu zu falten, als wäre es ein Befreiungsakt. Sie werfen haufenweise lieb gewonnene Dinge weg, weil sie sich von ihrer Vergangenheit lösen wollen. Denn, so findet Marie Kondo, erst durch einen radikalen Aufräumakt wird ein «drastischer Bewusstseinswandel» ausgelöst. Für konsumüberdrüssige Westler klingt das wie eine Verheissung: Verzichte, und du wirst glücklich.

Besitz war also gestern. Zu sehr Mainstream, zu ordinär. Wer heute etwas auf sich hält, übt sich in ­Enthaltsamkeit. «Minimalismus» nennt sich das Ganze übrigens. Dummerweise entbehrt die aktuelle Verzichtwelle nicht einer gewissen Ironie: Das Bedürfnis nach einem konsumfreien Lebens­wandel schafft wiederum neue Konsumfelder. Der Buchmarkt ist von Aufräumratgebern geradezu überschwemmt, inzwischen gibt es Minimalismus-Volkshochschulkurse und natürlich jede Menge Aufräumcoaches, die bei Besserverdienenden den nötigen Platz zur Selbstentfaltung schaffen. Wer kein Geld hat, kann immer noch unzählige Youtube-Tutorials und Entrümpelungs-Blogs konsultieren.

In dieses wachsende Business ist vor einigen Jahren auch die ­Psychologin Cary Fortin eingestiegen. Gemeinsam mit der Innen­designerin Kyle Quilici hat sie ­soeben den Ratgeber «Simplify Your Home» herausgegeben. Sie propagieren darin den «neuen Minimalismus», eine abgespeckte Kondo-Variante für die weniger Mutigen. Am Schluss geht es aber wie immer ums Loslassen von Dingen, was wir laut Fortin nicht gelernt haben: «Ausmisten gehört nicht zu unserer Alltagsroutine. Wenn wir Zeit haben, fahren wir lieber in die Ferien oder putzen vielleicht mal die Fenster.» Dabei liege der Vorteil einer entrüm­pelten Wohnung klar auf der Hand: «Statt ­dauernd unser ­angehäuftes Zeug aufzuräumen, gewinnen wir Zeit, über uns selbst nachzudenken.»

Kein unverbindlichesSelbstfindungsprojekt

Doch so sinnvoll es klingt, so anstrengend ist es: «Es reicht nicht, sich von ein paar Konsumgütern zu trennen. Man muss die minimalistische Philosophie leben, damit der Aufräumprozess langfristig wirkt», sagt Fortis. Sprich: Man muss seine Gewohnheiten umkrempeln. Denn «weniger ist mehr» bedeutet primär, nachhaltig zu leben. Die neue Billigkollektion von H&M ist ab sofort tabu. Brauchen Minimalisten Kleider, dann am besten secondhand. Aus ökologischen Gründen haben sie immer auch ihren eigenen Coffee-to-go-Becher dabei. Und Gästen machen sie klar, ihr Geschirr bitte selber mitzunehmen, weil der eigene Vorrat nur für zwei reicht. Spätestens da werden sich die meisten fragen, ob etwas mehr Zeug nicht doch besser zu ihnen passt.

Und sich eingestehen: Minimalismus ist wohl doch kein so gutes Selbstfindungsprojekt. Mit etwas Glück nimmt man bei der Schufterei höchstens ein paar Kilo ab. Aber nur weil man jetzt in einer ordentlichen Umgebung wohnt, wird die Ehe nicht automatisch prickelnder, und auch der Traumjob wird nicht vom Himmel fallen, wie das manche Ratgeber prophezeien.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 15:29 Uhr

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