Radfahrer, du Trottel!

Was die Berliner in Rage bringt. Eine Kolumne von Milo Rau.

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Eines der grossen Rätsel des menschlichen Verhaltens ist die ­sogenannte Road Rage: die Aggressionen, die im Strassenverkehr wie Geysire aus den unauffälligsten Zeitgenossen hervorschiessen, nur um ebenso plötzlich wieder zu versiegen. Aktuell probe ich am Berliner Stadtrand. Mein Arbeitsweg führt mich von meiner Theaterwohnung an der Schaubühne am Kurfürstendamm durchs aufgebrezelte Charlottenburg bis ins abgefuckte Reinickendorf. Das bedeutet zwei Stunden Fahrradfahren täglich, hin und zurück durch einige der verkehrstechnisch nervenaufreibendsten Gebiete Berlins.

Wenn man die Rentner mit Aldi-­Taschen abrechnet, die wie zeternde Rachegötter jederzeit mitten auf einem Fahrradstreifen auftauchen können, dann werde ich im Schnitt dreimal täglich Opfer eines Road-­Ragers. Denn meistens gibt es sowieso keine Fahrradspur in Berlin, die nicht als Parkfeld genutzt würde. Ich fahre also zwangsläufig auf der Strasse – doch gleichgültig, wie weit rechts ich fahre: Man macht sich einen Spass daraus, mich hupend und aus dem Beifahrerfenster schreiend zu über­holen. Zur Inszenierung gehört auch, mich fast zu rammen und im ­allerletzten Moment auszuscheren. Gemäss der Logik: Ich konnte gerade noch ausweichen, du Trottel!

Was mich dabei verwirrt, ist die negative Intensität des Ganzen. Nicht mal die Autofahrer scheinen Spass zu haben an dem Spielchen. Der Schweizer Kleinbürger starrt vorwurfsvoll, murmelt in sich hinein. Aus den Stimmen der Berliner Autofahrer dagegen klingt etwas völlig Ungehemmtes, echte Mordlust, die sich selbst nicht unter Kontrolle zu haben scheint. Als wäre die Welt kurz angehalten worden ­angesichts der selbstherrlichen Böswilligkeit des Gegenübers, die unnachgiebig bestraft gehört.

Er habe sich aus dem Auto gestürzt, eine Fahrrad­fahrerin angeschrien, sie geschüttelt, zu Boden gestossen.

Ich sah gestandene Greise mit Schlagstöcken aus ihrem Auto springen, weil ich bei Grün nicht schnell genug losgeradelt war. Ich sah Papa-Moll-artige Familienväter Gas geben und meinen Tod in Kauf nehmen, wenn ich abbiegen wollte. Einer meiner Schauspieler erzählte mir heute bei einer der Psychositzungen, die ich zur Auflockerung in die Proben einbaue, gerade sei die Polizei bei ihm zu Hause gewesen. Er sei der Nötigung, Beleidigung und Fahrerflucht angeklagt. Denn gemäss Polizeiprotokoll habe er sich an einer Kreuzung aus dem Auto gestürzt, eine Fahrrad­fahrerin angeschrien, sie geschüttelt, zu Boden gestossen und sei wieder davongerast.

Erinnern könne er sich an nichts, das GPS aber beweise, dass er wirklich am Tatort gewesen sei. Zudem gebe es ein Handyfoto, das ihn eindeutig als den tobenden Irren identi­fiziere. Der feinsinnige Ibsen- und Shakespeare-Darsteller wirkte zerknirscht. «Wer versteht die geheimnisvolle, schwankende, böse Seele des Menschen?», wie er in meinem neuen Stück sagt.

Ja, wer versteht die Seele des Menschen? Ich jedenfalls nicht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2017, 20:50 Uhr

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