Nichts für Schlampen

Modest Fashion ist ein neuer Begriff in der Mode. Frauen werden damit in anständig und unanständig eingeteilt – und niemand stört sich daran.

Das US-somalische Model Halima Aden präsentiert im Februar 2017 mit festgezurrtem Kopftuch die neue Kollektion von Max Mara. Foto: AFP

Das US-somalische Model Halima Aden präsentiert im Februar 2017 mit festgezurrtem Kopftuch die neue Kollektion von Max Mara. Foto: AFP

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In zwei Wochen eröffnet in San Francisco die Ausstellung «Contemporary Muslim Fashions», eine Ausstellung über muslimische Mode. Die Mode ist momentan ein beliebtes Sujet; «Heavenly Bodies – Fashion and the Catholic Imagination», seit Mai im New Yorker Metropolitan Museum zu sehen, schlägt schon jetzt alle Rekorde und zog in den ersten drei Monaten eine Million Besucherinnen und Besucher an. Deshalb also: Mode im Museum. Noch besser: Mode, die latent skandalträchtig ist. Muslim Fashion kann genau das bieten. Nicht nur, weil sie politisch aufgeladen ist wegen der ­Debatte über das Kopftuch und die Burka, sondern auch, weil sie neugierig macht und etwas Ver­botenes verspricht: nämlich einen Blick auf das, was sich da unter den ­wadenlangen, meist schwarzen Umhängen verbirgt.

Und dann springt man damit auch auf einen Zug auf, der gerade am Anrollen ist, denn das ­grosse Thema der Mode heisst seit geraumer Zeit Modest Fashion: züch­tige Kleidung für Musliminnen. Ein gigantischer Markt ist das, er wird bis 2022 auf 373 Milliarden Dollar geschätzt. Davon wollen alle etwas haben. Die Anbiederung läuft.

Weshalb H&M bereits 2015 mit einem Kopftuch tragenden Model warb. Ein Jahr später lancierten Dolce & Gabbana als erstes internationales Luxuslabel eine Kollektion eigens für Musliminnen: lange Mäntel und lange Kleider mit dazu passenden, aufwendig bestickten Kopftüchern. Kurz darauf folgte Nike mit einem Schleier für Sportlerinnen, das britische Kaufhaus Marks & Spencer bietet seit letztem Herbst eine ganze Sektion mit dem Namen «Modest» an, ­inklusive Burkinis, Mango eine Kollektion namens «Ramadan», bei der japanischen Kette Uniqlo gehören Hidschabs aus atmungsaktiven High­techmaterialien zum Standardsortiment.

Max Mara schickte Halima Aden als erstes Model mit fest­gezurrtem Kopftuch über den ­Laufsteg, die britische «Vogue» hievte sie auf das Titelblatt der Mai-Ausgabe. Diversität!, schrien Branche und Publikum gleichermassen hingerissen.

Das immense Marktpotenzial beugt das Rückgrat

Der Einzige, der das anders sah und sich laut und deutlich dagegen verwahrte, dass westliche Firmen Burkinis verkaufen, ist genau vor einem Jahr 87-jährig gestorben: Pierre Bergé, der Lebens- und ­Geschäftspartner von Yves Saint Laurent, unter François Mitterrand Direktor der Pariser Oper, fester Bestandteil der französischen Kulturelite und Retter der Zeitung «Le Monde», reagierte mit Abscheu auf die Entwicklung: «Ich bin geschockt. Designer sollten Frauen schöner machen, ihnen Freiheit geben und nicht kolla­borieren mit Diktatoren, die sie auf unsichtbar machen wollen.» Designer, die das täten, machten sich mitschuldig an der Versklavung von Frauen. ­Bergé schäumte: «Verzichtet auf das Geld und zeigt Rückgrat.»

Er blieb ein einsamer Rufer in der Wüste, jedenfalls auf offizieller Modeseite – da will es sich niemand mit dem gigantischen Markt verscherzen. Und so fragt auch ­niemand, inwiefern denn nun ein Kopftuch tragendes Model für ­Diversität stehen soll. Ob dieses Kopftuch nicht einfach in erster ­Linie sagt, dass seine Trägerin ­muslimischen Glaubens sei. Und weshalb einen das als Kundin interessieren soll.

Man könnte diese demonstrative Zurschaustellung der Religion gar als offensiv empfinden. Denn der Laufsteg war eben gerade immer neutrale Zone – da konnten Frauen frei sein, frei von all dem, was ihnen die Gesellschaft aufzwang. Mode hatte immer mit weiblicher Selbstbestimmung zu tun und damit, den weiblichen Körper zurückzuerobern.

Und deshalb handelt es sich bei Modest Fashion im engeren Sinn nicht um Mode – weil es dabei eben gerade nicht um Freiheit geht, sondern um Vorschriften. «Modest» heisst so viel wie anständig. Wer von Modest Fashion spricht, sagt damit indirekt, dass es auch Immodest Fashion gebe, also unanständige Mode. Und damit auch: unanständige Frauen. Damit wird die Sprache jener übernommen, die Frauen in zwei Gruppen unterteilen, in ehrbare Frauen und Schlampen, denen man die Würde abspricht.

Ein Trend mit unerträglichem Namen

Wer den Ausdruck Modest Fashion verwendet, übernimmt das Gedankengut dahinter. Das ist bereits ­salonfähig: Modest Fashion wird auch als Begriff für die neue körperumspielende Silhouette verwendet, denn eng ist endgültig vorbei. Der Trend wurde schon so gedeutet, dass Emanzipation heute eben darin bestehe, den Körper zu verhüllen und sich dem männlichen Blick zu entziehen, es war gar davon die Rede, das sei befreiend. 

Dabei hat die neue Weite nichts damit zu tun, dass bis vor kurzem noch Mini tragende Westlerinnen nun kollektiv auf den Weg der ­Tugend gefunden hätten. Es ist schlicht eine Folge der ewigen ­Gezeiten, denen die Mode unterliegt und die für sie überlebenswichtig sind: Auf uni folgt bunt, auf kurz lang, auf eng weit. Modest Fashion ist nichts mehr als ein Trend, wenn auch einer mit einem unerträglichen Namen. Der Unterschied zur tatsächlichen Modest Fashion besteht nämlich darin, dass all jene, denen der Sinn jetzt nach wallenden Kaftanen steht, die Freiheit haben, jederzeit wieder knalleng zu tragen, wenn ihnen danach ist.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 18:15 Uhr

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