Vorwurf an Kesb – nun liegen Zahlen vor

Werden die Angehörigen bei Kesb-Entscheiden wirklich übergangen? Eine Umfrage mit Beispielen spricht Klartext.

Wer ist für das Kindswohl verantwortlich – nur die Familie oder auch der Staat? Foto: Andre Zelck/Laif

Wer ist für das Kindswohl verantwortlich – nur die Familie oder auch der Staat? Foto: Andre Zelck/Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die neunjährige Angela lebt bei ihrem Vater. Nach längerer Arbeitslosigkeit wird der Mann zum Alkoholiker, im Suff schlägt er seine Tochter. Sie hat blaue Flecken an den Handgelenken und rote Striemen an den Beinen. Angelas Mutter lebt ohne Kontakt zur Familie im Ausland. Die Grosseltern kümmern sich zeitweise um Angela. Die Grossmutter ist es auch, welche die Kinder- und Erwachsenenschutz­behörde (Kesb) alarmiert.

Angela muss fremdplatziert werden. Doch wie geht die Kesb vor? Werden Angehörige in die Abklärungen einbezogen? Mit solchen brisanten Fragen setzen sich die Schutzbehörden tagtäglich auseinander. Und oft heisst es, die Kesb setze sich über die Köpfe der Angehörigen hinweg.

Doch dieses Vorurteil ist falsch, wie eine Studie der Hochschule Luzern zeigt. Die Wissenschaftler haben die Geschichte von Angela und ihrem alkoholkranken Vater als Fallbeispiel konstruiert und zusammen mit anderen, leicht abgewandelten Versionen fast 200 Kesb-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in der Schweiz vorgelegt. Das Resultat der repräsentativen Umfrage: 90 Prozent der Befragten gaben an, sie würden im Platzierungsprozess Verwandte oder nahestehende Personen, im vorliegenden Beispiel vor allem die Grosseltern, einbeziehen.

Für die Studienautoren um Tanja Mitrovic, Andreas Jud und Daniel Rosch ist das ein guter Wert. «Die Kesb gewichtet das Abstammungsverhältnis bei Kindesplatzierungen hoch», schreiben sie.

Wie weit soll sich der Staat in die Familien einmischen?

Das Ergebnis ist umso interessanter, weil die Kesb-Gegner um den Schwyzer SVP-Nationalrat Pirmin Schwander just diese Woche die Unterschriftensammlung zu ihrer Kesb-Initiative lanciert haben. Darin klingen ähnliche Fragen an wie in der Studie: Wie weitgehend soll sich der Staat in die Familien einmischen, wenn es Probleme gibt? Zum Beispiel wenn alte Menschen dement werden und sich nicht mehr um ihre finanziellen Angelegenheiten selber kümmern können. Oder wenn Eltern ihre Kinder schlagen – und Letztere geschützt werden müssen. Die Initianten wollen einen Automatismus einführen, sodass in der Regel die Familienangehörigen zuständig sind.

Kein Wunder, hält Schwander nichts vom Ergebnis der Studie. Die Schlussfolgerung sei «schlicht falsch», sagt er. «In der Praxis erleben wir immer wieder Fälle, die vom Schreibtisch aus entschieden werden, ohne dass das Umfeld auch nur ansatzweise einbezogen wird.» Auch der Bundesrat sehe aufgrund der Studie Handlungsbedarf.

Grafik vergrössern

Tatsächlich hält die Landesregierung in einem dazugehörenden Bericht fest: Die Nichtberücksichtigung der Familienangehörigen könne eine «schwerwiegende Verletzung der Grundsätze des neuen Rechts» darstellen. Der Bundesrat lässt nun prüfen, ob das Gesetz angepasst werden muss.

Für die Studienautoren um Professor Rosch ist dies allerdings bloss ein politischer Schachzug, um die Kesb-Gegner zu besänftigten. Eine Nulltoleranz im Sinne einer «dogmatischen Formel» zum Einbezug von Angehörigen könne kein Ziel sein, schreiben sie. Der Einbezug von «nachweislich gewalttätigen Verwandten» zum Beispiel berge die Gefahr, dass die missliche Situation des Kindes einfach anderswo weitergehe. Die Aussage im Bericht des Bundesrats sei wohl eher «politisch als Zugeständnis hinsichtlich der Initiative von Nationalrat Pirmin Schwander zu werten».

Immer mehr Menschen von Kesb-Entscheiden betroffen

Auslöser für die Initiative der Kesb-Gegner war der Fall Flaach: Im Januar 2015 hatte eine Mutter ihre zwei Kinder erstickt, die nach den Ferien in ein Heim zurückgehen sollten. Davor hatten die Grosseltern bei der Kesb erfolglos um eine Platzierung der Kinder bei ihnen gekämpft. In U-Haft nahm sich die Mutter schliesslich das Leben – und die Kesb wurde danach heftig kritisiert.

Die Aufarbeitung des Falls im Kanton Zürich belegte allerdings keinen Zusammenhang zwischen der Tötung der Kinder und dem Handeln der Kesb. Trotzdem passte Zürich die Praxis der Schutzbehörden geringfügig an.

Auch wenn die Empörung inzwischen zurückgegangen ist – die Skepsis gegenüber der Kesb bleibt gross. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass immer mehr Menschen von Entscheiden der Schutzbehörde betroffen sind. Per Ende des Jahres 2016 unterlagen in der Schweiz 89'605 Erwachsene und 42'767 Kinder einer Schutzmassnahme der Kesb.


Bilder: Ehepaar entführt eigene Kinder


Tendenz steigend: «Ich gehe davon aus, dass die Schutzmassnahmen 2017 leicht höher sein werden als 2016», sagt Diana Wider, Generalsekretärin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz. «Wir rechnen mit einem Anstieg zwischen 3 bis 4 Prozent. Damit setzt sich der kontinuierliche Anstieg fort, wie wir ihn seit Mitte der 90er-Jahre haben.» Als Hauptgrund für die Zunahme bei den Erwachsenen nennt Wider das Bevölkerungswachstum. Dass es auch im Kinderschutz einen Anstieg gibt, hat laut Wider «mit immer mehr streitenden Eltern zu tun». Denn bei der Mehrzahl der Massnahmen im Kinderschutz handle es sich um Beistandschaften, die wegen Besuchsrechtsstreitigkeiten errichtet würden.

Zunehmen dürfte laut Experte bald auch die Zahl der Gefährdungsmeldungen, die Kinder betreffen – insbesondere im schulischen Umfeld. Denn vermutlich ab Anfang nächsten Jahres haben nicht mehr nur Lehrer, sondern auch Aushilfskräfte und Kita-Angestellte eine Meldepflicht.

Ob diese greift, ist allerdings fraglich. In einer diese Woche publizierten Umfrage bei 156 Lehrpersonen im Kanton Bern gab nur gerade jeder dritte Befragte an, über ein solides Wissen betreffend Gefährdungsmeldungen zu verfügen. Das führt laut den befragten Lehrpersonen zum Teil dazu, dass sie auf eine Meldung verzichten, auch wenn Verdacht auf eine Gefährdung bestünde.

Meldungen an Kesb erfolgen oft sehr spät

Zudem werde mit einer Gefährdungsmeldung an die Kesb bei Schülern oft sehr lange gewartet – weil eine solche Meldung als «ein Scheitern» der schulischen Sozialarbeit betrachtet werde, schreibt Studienautor Andreas Jud. Doch es stelle sich die Frage, ob eine Meldung «im letzten Moment überhaupt noch rechtzeitig sein kann». Professor Jud plädiert daher für eine «Förderung der kinderschutzspezifischen Weiterbildung im schulischen Kontext».

Auch der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz sieht «dringenden Handlungsbedarf», wie Zentralsekretärin Franziska Peterhans sagt. Nötig seien Verbesserungen bei der Grund- und Weiterbildung. Der Arbeitgeber habe dafür zu sorgen, dass die Lehrpersonen ihre «komplexe und schwierige Aufgabe im Zusammenhang mit Gefährdungsmeldungen» wahrnehmen könnten.

Oft fehlt es den Lehrern laut Peterhans aber nicht nur am Wissen, sondern auch an der Zeit. Bis eine Gefährdungsmeldung erfolge, investiere eine Lehrperson meist viel Zeit in Gespräche und Abklärungen. Der Lehrerverband verlangt daher, dass Klassenlehrer zusätzlich zwei Lektionen pro Woche zur Verfügung haben. In dieser Zeit sollen sie sich unter anderem um mögliche Kesb-Fälle kümmern. Bislang hat dies jedoch kaum ein Kanton umgesetzt.

Derweil dürfte die Kritik an der Kesb bestehen bleiben. Initiant Schwander kündigt bereits an, man werde nun «zusammen mit Betroffenen Beispiele zu unseren Problemthemen veröffentlichen». Damit die Bevölkerung wisse, «wovon wir sprechen».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2018, 10:09 Uhr

Das Modell der Kesb-Gegner erinnert an China

Forschungsprojekt vergleicht Erwachsenenschutzrechte auf internationaler Ebene.

Wer soll in die Bresche springen, wenn eine Person ihr Leben nicht mehr selber meistern kann? Braucht es für solche Vertretungen eine staatliche Kontrolle? Oder ist es besser, wenn Familienangehörige wie zum Beispiel Ehegatten die Hilfe in Eigenregie aufgleisen?

Die Organisation des Erwachsenenschutzes sorgt nicht nur in der Schweiz für Diskussionen. Das zeigen erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt der Hochschule Luzern unter der Leitung von Professor Daniel Rosch. Untersucht wird dabei unter anderem, welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Modelle bezüglich des Miteinbezugs von nahestehenden Personen mit sich bringen.

Österreich zum Beispiel hat den Erwachsenenschutz per Juli 2018 reformiert. Das neue Gesetz setzt stärker auf nahestehende Personen als Vertreter. Familienangehörige und weitere nahestehende Personen müssen sich aber in einem Vertreterverzeichnis eintragen. Genau umschrieben werden zudem die Aufgabenbereiche, welche die Vertreter übernehmen können. Damit geht Österreich weiter als die Schweiz, die seit 2013 die Vertretung bei Angehörigen, nahestehenden Personen sowie Ehegatten in unterschiedlichen Bereichen kennt.

Gewissermassen das Gegenmodell existiert in Deutschland – es gibt nämlich gar keine Angehörigenvertretung. Wenn zum Beispiel der eine Ehegatte an Demenz erkrankt und urteilsunfähig wird, so kann der andere Ehegatte nicht automatisch auf dessen Vermögen zugreifen – dazu braucht es stets eine Vollmacht oder einen Vorsorgeauftrag. Ursprünglich war geplant gewesen, eine solche Angehörigenvertretung in bestimmtem Umfang als Automatismus einzuführen. Die Idee wurde aber wieder fallen gelassen.

Kesb-Initiative lässt die Aufgaben der Beistände offen

Die Kesb-Gegner wollen mit ihrer Initiative das System in der Schweiz umkrempeln. Künftig soll nicht mehr die Kesb zuständig sein, wenn zum Beispiel ein Beistand benötigt wird, sondern automatisch ein Familienmitglied. Nicht weiter umschrieben sind in der Initiative allerdings die Aufgaben der Beistände. Auch spielt es bei der Kesb-Initiative keine Rolle, ob zwischen den betroffenen Personen aus der Familie tatsächlich eine Beziehung besteht.

Die Konstruktion erinnert an das System des Erwachsenenschutzes in China. Das sagt Jurist und Sozialarbeiter Rosch: «Man könnte meinen, als Vorbild für die Initiative in der Schweiz habe das Modell aus China gedient.» Erleiden in China Familienangehörige einen Schwächezustand und werden urteilsunfähig, werden automatisch Angehörige und weitere ­Personen in einer festgesetzten Reihenfolge zu Beiständen ernannt. «Eine staatliche Kontrolle oder eine Eignungsprüfung gibt es nicht», sagt Rosch. Für die Einsetzung eines Beistands spiele es auch keine Rolle, ob zwischen der urteilsunfähigen Person und dem Beistand eine Beziehung bestehe. An den ersten drei Stellen stehen Ehegatten, Eltern und die erwachsenen Kinder. In den chinesischen Medien häufen sich laut Rosch denn auch die Fälle von innerfamiliärer Ausbeutung und Missbrauch. Eine Tendenz weg von der Familie hin zu Fachpersonen gibt es auch beim Erwachsenenschutz in Japan und Südkorea. In beiden Ländern hatte es davor immer wieder Fälle von Missbräuchen innerhalb von Familien gegeben.

Einen Sonderfall stellt die Türkei dar. Das Land hat das Schweizer Zivilgesetzbuch fast unverändert übernommen – das war noch vor der Einführung der Kesb 2013. Bis heute gilt damit in der Türkei das alte Schweizer Vormundschaftsrecht. Dominik Balmer

Artikel zum Thema

Kesb-Warner bleiben nicht anonym

Wer eine Meldung über die Gefährdung von Personen erstattet, kann seinen Namen meist nicht geheim halten. Mehr...

Mit der Kesb am Krankenbett

SonntagsZeitung Neue Zahlen zeigen: Nur wenige Schweizer haben eine Patientenverfügung oder einen Vorsorgeauftrag. Die Folgen sind einschneidend. Mehr...

Kesb-Kritiker lancieren Volksinitiative

Video Das Volk soll darüber entscheiden, ob Befugnisse und Kompetenzen der Schutzbehörde zurückgebunden werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...