Nestlé und Migros reagieren auf Kritik an Palmöl

Nahrungsmittelhersteller und Detailhändler ersetzen den umstrittenen Rohstoff in ersten Produkten – die Alternativen verbrauchen allerdings mehr Ressourcen.

Lässt die Emotionen der Schweizer Konsumenten hochkochen: Ernte von Palmölfrüchten in Malaysia Foto: AFP

Lässt die Emotionen der Schweizer Konsumenten hochkochen: Ernte von Palmölfrüchten in Malaysia Foto: AFP

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Regenwälder werden abgeholzt, Orang-Utans verlieren ihren Lebensraum: Laut Greenpeace sind riesige Palmölplantagen der Grund dafür, besonders in Indonesien. Nestlé, Coop und Migros betonen, sie förderten die nachhaltige Palmölproduktion. Doch das kaufen ihnen die Konsumenten offenbar nicht ab.

Beim Thema Palmöl kochen die Emotionen hoch. Kunden setzten Hersteller und Handel unter Druck, die Zutat aus ihren Produkten zu verbannen. Die Firmen reagieren, obwohl die Alternativen nicht unbedingt nachhaltiger sind.

420'000 Tonnen Palmöl für Nestlé im 2016

«Palmöl wird zu einem emotionalen Thema», sagt Patrice Bula, Geschäftsleitungsmitglied von Nestlé. Besonders in einigen europäischen Ländern seien Konsumenten auf das Thema stark sensibilisiert. Nun reagiert der Schweizer Grosskonzern, sagt Firmenchef Mark Schneider. Nestlé wolle Palmöl wo immer möglich ersetzen oder dessen Einsatz minimieren. Die Frage sei aber, ob es bessere Alternativen gebe. Zudem müsse das Produkt ohne die Zutat gleich gut schmecken. Der Konzern verarbeitet enorme Mengen des Rohstoffs: Im Jahr 2016 kaufte Nestlé 420'000 Tonnen Palmöl.

Dass viele Kunden bei der Zutat rot sehen, zeigen Einträge in sozialen Netzwerken. «Wann bekommt Ihr es mit, dass der Konsument liebend gerne auf Palmöl verzichten würde?», schreibt ein Migros-Kunde auf der Onlineplattform Migipedia und ergänzt: «Mein Einkaufskorb bei der Migros wird jedenfalls immer kleiner.» Auf der Facebook-Seite von Coop schreibt ein Nutzer. «Aufruf an Coop: Bitte verzichtet auf Produkte, die Palmöl enthalten! Rettet damit die letzten Regenwälder und Orang-Utan-Bestände.»

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Die Migros betont, dass der Anbau von Palmöl fünf- bis zehnmal effizienter als bei anderen Pflanzen­ölen sei. Dessen Anbau benötige deshalb viel weniger Fläche. Dennoch hat der Grossverteiler auf den Druck der Konsumenten reagiert. Täglich gebe es Anrufe zum Thema Palmöl auf der hauseigenen Hotline. Auf Wunsch von «zahlreichen Kunden» hat Migros im vergangenen Jahr eine Margarine ohne Palmöl in die Regale gebracht. Stattdessen enthält sie Kokos- und Rapsöl. Die Ökobilanz fällt allerdings im Vergleich zu Palmöl-­Margarinen schlechter aus. «Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist das Produkt weniger ressourceneffizient», räumt eine Sprecherin ein.

Laut Coop würde eine Verschiebung der Nachfrage zu anderen pflanzlichen Ölen den Landbedarf im Anbau und damit die ökologische Belastung massiv vergrössern. Doch auch der Detailhändler sieht bei Palmöl ein Imageproblem. «Wir widmen uns dem Thema verstärkt und prüfen Alternativen», sagt ein Sprecher.

Bilder: Umstrittener Rohstoff

Nestlé hat bereits gehandelt. Der Verzicht auf Palmöl sei für viele Verbraucher ein wichtiges Kriterium beim Kaufentscheid, so eine Sprecherin. In einer neu lancierten Biobabymilch verzichtet der Konzern auf die Zutat. Auch das gesamte Cailler-Schokoladensortiment komme ohne Palmöl aus.

Kriterien für Lieferanten nicht strikt genug

Das Unternehmen aus Vevey hat schon seine Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Vor einigen Jahren beschuldigte Greenpeace Nestlé, für den Schokoladenriegel Kitkat Palmöl aus Plantagen in Indonesien zu beziehen, für die Urwälder abgeholzt wurden. In einer weltweiten Kampagne veranschaulichte das die Umweltschutzorganisation mit einem Film, in dem beim Aufreissen eines Kitkat-Riegels statt der gewohnten Waffel mit Schokolade der blutende Finger eines Orang-Utans zum Vorschein kam.

Heute verweist Nestlé auf zahlreiche Kriterien, die Lieferanten des Rohstoffs erfüllen müssen. Unter anderem erwähnt der Konzern den Standard des «runden Tischs für nachhaltiges Palmöl». Auch Coop und Migros setzen auf das Label, das nachhaltige Methoden für den Anbau von Ölpalmen gewährleisten soll. Doch dieses Label ist umstritten. Umweltschutzorganisationen bemängeln, die Kriterien seien nicht streng genug. Anfang Jahr haben indonesische Non-Profit-Organisationen bemängelt, die Label-Organisation habe geduldet, dass ein Konzern aus Malaysia Land von indonesischen Ureinwohnern geraubt habe. Selbst Coop und Migros geben zu, dass eine Verschärfung der Kriterien notwendig ist.

Palmöl hat einen wichtigen Vorteil: Es ist billig

Auch die jüngsten Schlagzeilen zum Palmölproduzenten Repsa helfen nicht, das Image des Rohstoffes zu verbessern. Der guatemaltekische Konzern ist in einen Korruptionsskandal verwickelt. Zuvor beschuldigten Non-Profit-Organisationen das Unternehmen, einen Fluss in Guatemala mit Pestiziden verseucht zu haben. Jüngst gab Nestlé bekannt, die Zusammenarbeit mit Repsa zu beenden.

Trotz der Proteste von Konsumenten wird Palmöl aus zahlreichen Produkten wie Schokolade, Backwaren und Kosmetikartikeln nicht so schnell verschwinden. Denn neben dem neutralen Geschmack und dem vergleichsweise geringen Landbedarf beim Anbau hat der Rohstoff noch einen weiteren gewichtigen Vorteil: Er ist billiger als andere Öle. Wird er durch andere Zutaten ersetzt, müssen Hersteller und Handel entweder die Preise für die Produkte erhöhen oder tiefere Gewinnmargen in Kauf nehmen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 19:32 Uhr

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