Narkosen stellen den Kopf auf den Kopf

Australische Forscher konnten nachweisen, dass Narkosemittel die Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn unterbrechen.

Anästhesisten beatmen Patienten unter Vollnarkose, weil auch deren Atemreflex unterdrückt wird. Foto: Getty Images

Anästhesisten beatmen Patienten unter Vollnarkose, weil auch deren Atemreflex unterdrückt wird. Foto: Getty Images

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Ärzte wenden sie täglich an und trotzdem weiss man noch ­immer nicht genau, was während einer Anästhesie im Gehirn des Patienten geschieht. Australische Forscher haben nun herausgefunden, dass das Narkosemittel Propofol weitreichendere Folgen für das Gehirn hat als bisher vermutet.

Eine Narkose knipst das Bewusstsein aus, ein bisschen wie der Schlaf, nur viel tiefer – so stellen sich viele Menschen die Anästhesie vor. Diese Vorstellung ist nicht falsch, Propofol wirkt tatsächlich auf den Schlaf-Wach-Mechanismus. Aber eben nicht nur: Die ­Wissenschaftler der Universität Queensland haben nachgewiesen, dass es auch die Kommunikation zwischen den Nerven­zellen im Gehirn, den Neuronen, unterbricht. Wenn die Neuronen miteinander sprechen, nützen sie Proteine als Nachrichtenübermittler. Propofol hemmt genau ein solches Protein, genannt Syntaxin 1A, und zwar im gesamten Hirn.

Vorsicht bei Kindern und Demenzkranken

Dieser neu entdeckte Zusammenhang könnte erklären, warum manche Menschen noch Wochen oder Monate nach einer Narkose Probleme mit dem Gedächtnis haben. Die australischen Forscher mahnen deshalb auch zur Vorsicht, dass Narkosen gerade bei Menschen mit einer beginnenden Demenz oder bei kleinen Kindern, deren Gehirne noch in Entwicklung sind, länger nachwirken könnten. Propofol ist, auch in der Schweiz, eines der gängigsten Mittel. Das Medikament erlangte Berühmtheit, weil Michael Jackson an einer Überdosis starb. Die neue Studie könnte helfen, noch gezielter wirksame Anästhetika zu entwickeln.

Dass man ein so häufiges Verfahren wie die Narkose nicht vollständig versteht, mag viele Patienten irritieren. «Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir noch immer keine klare Theorie haben, wie das Gehirn Bewusstsein schafft. Und die allgemeine Anästhesie soll ja das Bewusstsein ausschalten», sagt der Neurobiologe Thomas Lissek, der 2016 an der Charité Berlin ebenfalls eine Studie über die Wirkungsweise von Narkosen veröffentlichte.

Auch die Studie der Charité zeigte, dass im Hirn während der Narkose viel mehr läuft als nur ein Ausschalten des Bewusstseins. Die deutschen Forscher schauten sich die Wirkung der Anästhetika nicht auf der Ebene der Zellen an, wie die Australier, sondern sie studierten die Netzwerke im Gehirn. Dabei stiessen sie ebenfalls auf Erstaunliches: Die Neuronen sind während der Betäubung nicht etwa passiv, sondern im Gegenteil sehr aktiv, aber sie arbeiten anders als im Wachzustand. Ist jemand wach, feuern die Neuronen zu unterschiedlichen Zeiten. Während der Narkose jedoch sind sie synchron geschaltet, reagieren aber stark auf Umweltreize.

«Die australische Studie ist ein weiteres Puzzleteilchen auf dem Weg zu einem besseren Verständnis der Anästhesie», sagt Peter Biro, Leitender Arzt am Institut für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich. Dass eine genaue Erklärung für die Wirkmechanismen noch fehle, müsse die Patienten nicht beunruhigen. «Wenn der Zustand eintritt, können wir ihn ganz genau kontrollieren», sagt Biro. Um gut Auto zu fahren, müsse man einen Motor auch nicht bis ins Detail erklären können.

In den Anfangszeiten der Anästhesie im 19. Jahrhundert starben viele Patienten während der Operationen, nicht am Eingriff, sondern wegen der Betäubung. Diese Gefahr ist inzwischen gebannt. Riskant sind Vollnarkosen in Ländern mit einem guten Gesundheitssystem heute nicht mehr. In der Schweiz liegt die Wahrscheinlichkeit, während einer Vollnarkose zu sterben, bei 1:200'000.

Atmung reagiert stark auf eine höhere Dosis

Gefährlich ist es, wenn die Anästhesie nicht von Fachpersonal überwacht wird. Je höher man die Narkosemittel dosiert, umso stärker unterdrücken sie den normalen Atemreflex. Deshalb beatmen Anästhesisten die Patienten auch bei längeren Eingriffen.

Kurznarkosen, wie etwa bei einer Darmspiegelung, sind auch ohne Beatmung möglich. «Dabei ist es wichtig, dass ausgebildetes Personal die Vitalfunktionen beobachtet und sofort reagiert, wenn die Atmung nachlässt», sagt Biro. In Deutschland sind Kinder in Zahnarztpraxen unter Vollnarkose gestorben, weil die Überwachung fehlte.

Angst haben manche Patienten auch, dass sie während der Narkose ungeplant aufwachen. «Ich verstehe diese Angst», sagt Biro. Bei einer korrekten Überwachung könne dies allerdings kaum geschehen. Die Anästhesisten kontrollieren verschiedene Vorgänge im Körper, die signalisieren, wenn die Narkose nicht mehr tief genug ist. Der Patient reagiert schon früh, lange bevor er aufwacht oder etwas spürt, mit Stresssymptomen wie erhöhtem Blutdruck, Herzrasen, Schwitzen und Ähnlichem. Am besten funktioniere zudem die Überwachung mittels Hirnstrommessung.

Die Kunst ist es, die jeweils richtige Dosis zu finden. Wie jemand auf eine Narkose reagiert, weiss man nämlich im Voraus nicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 17:46 Uhr

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Diese Anästhesieformen gibt es

Allgemeinanästhesie

Umgangssprachlich auch Vollnarkose genannt. Bei langen und komplizierten Eingriffen ist sie meist unvermeidbar. Zur Anwendung kommen meist Narkosemittel und Opiate. Der Zustand ist mit einem Koma vergleichbar, Schmerz und Bewusstsein sind ausgeschaltet.

Spinalanästhesie

Die Narkosemittel spritzt der Anästhesist dem Patienten direkt in das Nervenwasser im Rückenmark. Der Patient bleibt wach, aber die untere Körperhälfte wird gefühllos.

Periduralanästhesie (PDA)

Bei der PDA sticht der Anästhesist nicht so tief wie bei der Spinalanästhesie und legt einen Katheter ein. Die PDA hilft vor allem gegen Schmerzen, zum Beispiel während des Gebärens.

Lokalanästhesie

Auch hier gibt es Abstufungen. Der Anästhesist kann das Gewebe oberflächlich betäuben oder, wie beispielsweise der Zahnarzt, gezielt einzelne Nervenbahnen ausschalten.

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