Migros und Coop ärgern Kunden mit Plastikverpackungen

Mit laufend neuen ­Convenience-Food-Produkten sorgen Detailhändler für Abfallberge – Angaben zu ihrem Kunststoff-Verschleiss verweigern sie.

Egal, ob Obst, Gemüse oder Salat: Zerteilt in mundgerechte Stücke, kommt alles in Plastik. Bild: Gaetan Bally/Keystone

Egal, ob Obst, Gemüse oder Salat: Zerteilt in mundgerechte Stücke, kommt alles in Plastik. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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In den Apfel beissen? Das wollte die Migros ihren Kunden nicht zumuten. Stattdessen stellte sie in Plastik verpackte Apfelschnitze ins Regal. Bequem soll es sein, und schnell muss es gehen beim sogenannten Convenience-Food. Egal, ob vorgeschnittenes Gemüse und Obst oder einzelne Panettonescheiben: Schweizer Grossverteiler und Discounter hüllen alles Mögliche in Plastik für den praktischen Verzehr. Ein Geschäft, das Wachstum und hohe Gewinnmargen verspricht –und wachsende Abfallberge.

Nicht bei allen Kunden kommt das gut an. «Eine unsinnige Plastik-Verpackungswut», schreibt eine Nutzerin auf Facebook. Die von Coop in einer Aluminiumschale verkauften Baked Potatoes mit Sour Cream im Beutel – zusammen verschweisst mit Plastik – stossen auf Kritik. «Wie schön, dass Betty Bossi auch die dümmsten Schwachköpfe unter ihren Kunden ernst nimmt», kommentiert ein Coop-Kunde auf dem sozialen Netzwerk.

Auch Greenpeace hält nichts von solchen Produkten. Laut Marco Pfister, Fachexperte für Plastik bei der Umweltschutzorganisation, verleiten die Händler ihre Kunden zum Wegwerfkonsum. «Die Detailhändler schaffen mit absurden Convenience-Produkten ein Bedürfnis. Sie fördern damit den Plastikverbrauch», sagt Pfister.

Gewisse Verpackungen sind laut Bundesamt überflüssig

Greenpeace wollte genauer wissen, wie hoch der Verbrauch von Einweg-Plastikverpackungen bei Schweizer Detailhändlern ist. Die Organisation schickte deshalb im Juni einen Fragebogen zum Thema an Migros, Coop, Lidl, Aldi und andere Händler. Diese zeigten sich zum Thema allerdings zugeknöpft. «Wir sind enttäuscht von den Rückmeldungen», sagt Marco Pfister. «Die Detailhändler wollen keine Angaben zu ihrem Plastikverbrauch machen. Das ist intransparent und zeigt, dass sie dem Problem zu wenig Bedeutung beimessen.» Die Migros sagt auf Anfrage, sie gebe keine absoluten Zahlen zum Plastikverbrauch bekannt. Coop erhebt diese Zahlen laut eigenen Angaben nicht einmal. Dennoch beteuern die Grossverteiler, dass sie ihre Verpackungsmengen in den letzten Jahren stark reduziert hätten. Man achte auf ökologische Aspekte und prüfe ständig Möglichkeiten zur Optimierung. Bei den deutschen Harddiscountern klingt es ähnlich. Man wolle Abfall bestmöglich vermeiden.

Doch wie passt in Plastik verpacktes, vorgeschnittenes Obst und Gemüse zu diesen Absichten? «Wir stellen fest, dass die Konsumenten Früchte und Gemüse, welche bereits zum Verzehr bereit sind, sehr schätzen», sagt eine Migros-Sprecherin. «Convenience ist weiterhin im Trend», heisst es bei Coop.

Für Greenpeace ist das ein ­Widerspruch: «Zwar beteuern die Grossverteiler stets ihre Bemühungen zur Abfallvermeidung. Gleichzeitig führen sie aber neue Convenience-Produkte mit viel Plastik ein», sagt Pfister.Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) steigt die Menge an Plastikabfall in der Schweiz. Dies auch wegen der Schnellverpflegung. «Der Trend, unterwegs statt daheim zu essen, sorgt für einen höheren Plastikverbrauch», sagt Irene Epp, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bafu. Dabei nehmen Hersteller und Händler offenbar nicht immer Rücksicht auf die Umwelt. «Gewisse Verpackungen sind überflüssig und dienen in erster Linie als Marketinginstrument und nicht zum Schutz des Produktes», sagt Epp.

Nach Proteststurm aus dem Sortiment genommen

Andere Ein­weg­verpackungen wie Papier oder Karton sind laut Greenpeace keine sinnvollen Alternativen. Sie unterstützen die Wegwerfmentalität und kurbeln die Ressourcenverschwendung weiter an, so die Organisation.

Als Lösung sieht Greenpeace Mehrwegverpackungen bei Take-away-Angeboten. Das Start-up Recircle will Anbieter dazu bringen, vom Wegwerfgeschirr wegzukommen. Bereits 260 Schnellimbisse machen mit. Kunden können innerhalb des Netzwerks die wieder verwendbaren Recircle-Schalen ­zurückbringen. Auch die Migros nützt das Angebot, verwendet allerdings separat gekennzeichnete Behälter, die nur beim Grossverteiler zurückgegeben werden können. Laut Recircle-Geschäftsleiterin Jeannette Morath ist das Unternehmen mit weiteren interessierten Detailhändlern im Gespräch.

Mehr als 60 Länder sagen Plastik den Kampf an

Denn der Handel ist unter Druck. Auf Drängen der Politik haben die Einzelhändler bereits eine Gebühr für Plastiksäcklein eingeführt. In anderen Ländern haben die Regierungen Plastiksäcke gleich ganz verboten. Zuletzt gaben Neuseeland und Chile solche Schritte bekannt. Laut UNO-Angaben haben mehr als 60 Länder Verbote gegen Einweg-Plastikgegenstände erlassen, oder sie verlangen spezielle Abgaben.

In der Schweiz sind die Konsumenten zunehmend auf das ­Thema sensibilisiert. Die Apfelschnitze im Plastikbeutel hat die Migros jedenfalls schnell wieder aus dem Sortiment genommen. Allerdings erst nach einem Proteststurm im Internet. Ein Beitrag auf Facebook sorgte für Hunderte hämischer Kommentare. Für die Obstliebhaber des Grossverteilers gilt deshalb wieder: Kaumuskulatur statt Kunststoff.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.08.2018, 21:21 Uhr

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