Mehr Streit, aber richtig!

Russland hat mich trotz scharfer Kritik an der Kirche in die grösste Talkshow eingeladen. Ringier aber lädt mich aus seinem Debattenformat «Denkwerkstatt» aus.

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Vor ein paar Wochen verspottete mich Ringier-Publizist Frank A. ­Meyer in einem Essay als «Liliput-Lenin» und «Parlaments-Verächter», ich konterte in meiner letzten Kolumne mit einem Verriss von Meyers «Blick»-Videoblog. Das war zu viel der Polemik: Einen Tag später wurde ich, obwohl bereits aus Deutschland angereist, aus dem Ringier-Debattenformat «Denkwerkstatt» ausge­laden. Meine Kolumne in der SonntagsZeitung sei, liess Ringier in einer Rund-Mail verlauten, «aufs Persönliche abzielend». Alle Versuche, im Anschluss mit den Ringier-Verantwortlichen einen inhaltlichen Austausch zu entfachen, scheiterten.

In bald 20 Jahren als politischer Regisseur und Autor ist das meine erste persönliche Ausladung. In Russland konnte ich mich, zwei Tage nachdem ich die orthodoxen Kirchenführer in den «Moskauer Prozessen» blossgestellt hatte, in der grössten Talkshow des Landes erklären. In Berlin nahmen im November an meinem «Weltparlament» und dem darauf folgenden «Sturm auf den Reichstag» – unter dem Motto «Sie nennen es Parlament, wir nennen es Mafia» – zehn Abgeordnete des Bundestags teil. «Das Kongo-Tribunal» führte zur Entlassung zweier Minister, trotzdem wurde im Kongo der Film in mehreren Städten gezeigt. Und als ich in Belgien von Kindern die Affäre um den Kindermörder Marc Dutroux nachspielen liess, sassen die Angehörigen der Opfer in der Premiere.

«Denn das Beleidigtspielen ist das undemokratische Diskurstool par excellence.»

Der Schweizer Ringier-Verlag dagegen – der mit dem «Blick» seit 50 Jahren programmatisch «aufs Persönliche abzielt» – verwies mich wegen einer satirischen Kolumne des Hauses. Den krassen Widerspruch zwischen eigener Praxis und Fremdanspruch mal beiseite lassend, drängt sich die Frage auf: Hat die «Helvetosklerose», wie der Philosoph Hans Saner die schweizerische Diskursfeindlichkeit einmal nannte, nun auch die Boulevardmedien infiziert? Denn das Beleidigt-spielen, das jeder Argumentation ein Ende setzt, ist das undemokratische Diskurstool par excellence.

Nun bin ich natürlich der Falscheste, mich zum Stilrichter aufzuschwingen. Sind doch meine Kolumnen oft nichts anderes als oberflächlich getarnte Retourkutschen. Aber darum geht es nicht. Beunruhigend ist, dass der grösste Schweizer Verlag wegen privater Beleidigtheiten einen Künstler auslädt, der mit seinen Journalisten über politische Debattenkultur hätte sprechen sollen. Und auch das wäre egal, würde es nicht einen Trend bezeichnen: die Selbstverstümmelung einer ohnehin von allen Seiten bedrohten Schweizer Debattenkultur im Rahmen ihrer Privatisierung.

Als Gegenmittel empfehle ich: die unverkrampften, permanent aufs Persönliche (und damit aufs Politische) zielenden Kolumnen, Gedichte und Videoblogs von Nora Gomringer und Hazel Brugger! Streiten wir uns, persönlich und politisch! Einen guten Rutsch und ein gutes neues Jahr!

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