Mehr Opfer haben den Mut zur Anzeige

Die Meldungen sexueller Übergriffe in der katholischen Kirche haben stark zugenommen. Nun soll es eine strengere Meldepflicht und Sex-Kurse für Priester geben.

Der Papst bezeichnet die Missbrauchsfälle als schweren Skandal. (Reuters)

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Sexuelle Übergriffe innerhalb der katholischen Kirche machen seit Jahren weltweit Schlagzeilen. Auch in den letzten Tagen dominiert das Thema die Medien rund um den Globus. Im US-Bundesstaat Pennsylvania offenbarte ein Untersuchungsbericht, dass gegen 300 Priester seit den 50er-Jahren etwa 1000 Minderjährige missbraucht hatten – und die Kirche die Fälle vertuschte, statt sie aufzuklären.

Selbst Papst Franziskus gerät in den Fokus. Carlo Maria Vigano, bis 2016 Botschafter des Vatikans in den USA, kritisierte letzte Woche, Franziskus habe Missbrauchsvorwürfe gegen einen US-Kardinal zu lange ignoriert. Daraufhin skandierten Gläubige am Mittwoch auf dem Petersplatz in Rom Viganos Namen. Die Rede ist von einem Putschversuch durch konservative Kreise. Auf jeden Fall rumort es in der katholischen Kirche.

Auch in der Schweiz melden sich immer mehr Opfer, die von Kirchenleuten belästigt oder missbraucht wurden. Im vergangenen Jahr kam es zu 65 neuen Meldungen. Das ist ein markanter Anstieg. Von 2011 bis 2016 waren es jährlich zwischen 11 und 24 Missbrauchsfälle. Höher war die Zahl mit 115 gemeldeten Übergriffen nur 2010, nachdem sich die Bischöfe bei den Opfern entschuldigt und sie dazu aufgerufen hatten, von ihrem Leid zu berichten.

Bischöfe prüfen Verschärfung der Meldepflicht

Die Gesamtzahl liegt jetzt bei 283 Vorfällen, die den kirchlichen Fachgremien gemeldet wurden. Die allermeisten liegen weit zurück und sind verjährt. Drei der 2017 gemeldeten Vorfälle passierten seit 2010. Die Opfer sind Erwachsene. So berichtete beispielsweise eine Frau, sie habe bei einem Seelsorger Hilfe gesucht, weil sie schwer krank geworden und mit der Situation in der Familie überfordert war. Sie traf sich mit dem Kirchenmann mehrere Male, bis er sie eines Abends im Auto auf einen Parkplatz dirigierte und sexuell überwältigte. Oft geht es in den Berichten um anzügliche Bemerkungen oder ungebührliche Berührungen, welche die Opfer belasten.

Es gibt verschiedene Gründe für die steigende Zahl der Meldungen. Einerseits luden die Bischöfe Ende 2016 zu einer Gebets- und Bussfeier für die Opfer ein. Sie folgten damit dem Wunsch von Papst Franziskus, der solche Anlässe weltweit gefordert hatte. Andererseits haben sich Betroffene vermehrt öffentlich geäussert. Sylvie Perrinjaquet, Präsidentin von Cecar, der unabhängigen Kommission für sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche in der Westschweiz, sagt: «Die Zunahme hat auch damit zu tun, dass von Kirchenleuten missbrauchte Menschen vermehrt feststellen, dass ihr Leid ernst genommen wird. Sie hören von Meldungen anderer Opfer und sehen, dass diese respektiert und für ihr Leid finanziell entschädigt werden. Das motiviert sie, sich selber zu melden.»

«Ich warne die Kirchenleute mit Nachdruck davor, in ernsthaften Fällen selbstständig Abklärungen zu treffen.Elmar Tremp, St. Galler Staatsanwalt

Ab Montag tagt die Schweizer Bischofskonferenz in St. Gallen. Sie wird am Mittwoch an einer Pressekonferenz die neuen Zahlen zu den Übergriffen im Detail bekannt geben. Die Bischöfe werden auch darüber beraten, ob sie die Meldepflicht bei sexuellen Übergriffen verschärfen wollen. Die Sonntagszeitung hatte Anfang Jahr berichtet, dass die Kirche in einigen, zum Teil heiklen Fällen Untersuchungen selber durchführt, statt sie den Staatsanwaltschaften und damit der staatlichen Justiz zuzuführen. Dies besonders dann, wenn Opfer keine Anzeige wollen.

Der St. Galler Staatsanwalt Elmar Tremp sagte damals: «Ich warne die Kirchenleute mit Nachdruck davor, in ernsthaften Fällen selbstständig Abklärungen zu treffen. Die Vertreter der Kirche, die solche Untersuchungen führen, sind zwar im Kirchenrecht gut ausgebildet, das macht sie aber nicht zu kompetenten Ermittlern.» Tremp ist Mitglied des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz und berät die Kirche.

Der Medienbericht löste kirchenintern dem Vernehmen nach intensive Diskussionen aus. Nun beantragt das Fachgremium der Bischofskonferenz, die Richtlinien so anzupassen, dass es in jedem Fall zu einer Anzeige bei der Justiz kommen muss, wenn es Hinweise auf ein Offizialdelikt gibt. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein Täter ein Opfer nicht nur verbal belästigt, sondern in seine sexuellen Handlungen mit einbezieht. Bisher war dies nur für minderjährige Opfer so klar formuliert. Bei Erwachsenen hatte die Kirche einen gewissen Spielraum.

Priester sollen sich mit ihrer Sexualität befassen

Die Bischöfe wollen zudem die Prävention gegen sexuelle Übergriffe verbessern. Sie haben ihre Fachstelle beauftragt, dazu ein Konzept zu erarbeiten. Künftig soll die Missbrauchsbekämpfung verbindlicher in die Aus- und Weiterbildung der Kirchenleute einfliessen. Präventionskurse sollen für Priester und Laienseelsorger obligatorisch werden, so eine Idee.

Giorgio Prestele, Präsident des Fachgremiums, sagt: «Ich kann mir auch vorstellen, dass Priester und Laientheologen vor der Anstellung ein Assessment durchlaufen müssten, in dem evaluiert wird, wie sie sich mit dem Thema der eigenen Sexualität auseinandersetzen.» Auch später, in eigentlichen WK-Kursen, müssten sie sich immer wieder mit der Frage befassen, «wie sie mit ihrer Sexualität umgehen, die trotz Zölibat vorhanden ist», sagt er.

Auch für Sylvie Perrinjaquet muss die Kirche die Prävention zwingend verbessern. «Es sollte genauer abgeklärt werden, welches die Motivation eines jungen Mannes ist, Priester zu werden. Die Kirche muss klarstellen, dass das Priesteramt kein Ort für Personen mit pädophilen Neigungen ist.» Es brauche auch eine psychologische Begleitung der Anwärter in der Ausbildung und später im Amt.

Recherchehinweise an: recherchedesk@tamedia.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2018, 20:31 Uhr

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Geld für die Opfer

Die Kirche hat 2016 einen Genugtuungsfonds eingerichtet, um die Opfer von verjährten Übergriffen durch Kleriker zu entschädigen. Über die Anträge entscheidet eine unabhängige Genugtuungskommission. 2017 erhielten 33 Geschädigte Beiträge zwischen 5000 und 20 000 Franken. Weitere 6 Geschädigte erhielten Beiträge bis zu
5000 Franken.

Die unterschiedliche Höhe der Zahlungen hat im Frühjahr zu einem Disput zwischen den verschiedenen Fachgremien der Bischofskonferenz geführt. Besonders die Westschweizer Kommission gegen sexuelle Übergriffe in der Kirche (Cecar) sprach sich gegen unterschiedliche Abfindungen aus. Nach einer Aussprache im Juni beschloss die Bischofskonferenz deshalb, an die Opfer künftig einen Pauschalbetrag auszuzahlen – unabhängig von der Schwere des Missbrauchs.

Im laufenden Jahr hat die Genugtuungskommission unter der Leitung von Liliane Gross bisher
28 Gesuche gutgeheissen und Zahlungen in der Höhe von 380'000 Franken getätigt. Über vier weitere Anträge hat sie noch nicht entschieden.

Laut Gross ist bereits jetzt klar, dass das Geld im Fonds nicht ausreicht, um alle Opfer entschädigen zu können. Nachdem die ersten 500'000 Franken rasch aufgebraucht waren, sprachen die drei Geldgeber – die Bischofskonferenz, die Vereinigung der Höheren Ordensoberen der Schweiz und die Landeskirchen – Ende 2017 eine weitere halbe Million Franken. Auch dieser Betrag ist verbraucht, ein Antrag für weitere 500'000 Franken ist gestellt.

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