Massaker mitten in Münster

Ein psychisch auffälliger Deutscher hat einen Kleintransporter in ein Strassencafé gelenkt, dabei zwei Menschen getötet und viele weitere verletzt. Danach tötete er sich selbst.

Aufnhamen zeigen das Grossaufgebot der Rettungskräfte in der Altstadt von Münster. (Video: Tamedia)

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Es war der erste Tag, an dem sich der Frühling auch in Norddeutschland so richtig warm anfühlte. In Münster, einer Universitätsstadt von 300'000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen, die für ihre nach dem Zweiten Weltkrieg fast gänzlich wiederaufgebaute schmucke Altstadt bekannt ist, strömten die Menschen am Nachmittag auf Strassen und Plätze. Ein besonders beliebter Treffpunkt ist der «Kiepenkerl», das alte Standbild eines reisenden Händlers mit Tragekorb, Pfeife, Knotenstock und Leinenkittel. Vor dem Restaurant «Grosser Kiepenkerl» sassen die Menschen auf der Strasse in der Sonne, tranken und schwatzten.

Um 15.27 Uhr verwandelte sich die Idylle in ein Massaker. Ein kleiner Transporter schoss durch die engen Strassen und raste in die sitzenden Gäste des «Grossen Kiepenkerls». Um die Schneise, die das Fahrzeug geschlagen hatte, lagen verletzte und schreiende Menschen, umgestürzte Stühle und Tische. Panik breitete sich aus. Der Mann, der das Auto gesteuert hatte, erschoss sich im Fahrzeug.

Polizei und Helfer waren aussergewöhnlich schnell in grosser Zahl am Tatort, weil in der Altstadt zur selben Zeit eine Demonstration von Kurden beginnen sollte. Die Ordnungskräfte begannen sofort mit der Sicherung des Tatorts und seiner Umgebung und evakuierten sie. In den umliegenden Cafés, Eisdielen und Geschäften mussten die Gäste die Lokale verlassen, bevor sie ihre Konsumationen und Einkäufe bezahlen konnten, wie Augenzeugen berichteten.

Ein Augenzeuge berichtet über den Moment, als der Transporter in die Menschenmenge fuhr. (Video: Tamedia, AP)

Einige Stunden später gab die Polizei eine erste Opferbilanz bekannt: Zwei Menschen waren durch die Autoattacke gestorben, 20 Menschen wurden verletzt, sechs unter ihnen schwer. Der Täter war der dritte Tote.

Vorschnelle AfD

Weil das Angriffsmuster islamistischen Attentaten der letzten 20 Monate glich und lokale Polizeikreise Journalisten gegenüber bald von einem «Anschlag» sprachen, verbreitete sich in den sozialen Medien und auf Nachrichtenportalen das Wort «Terror» in Windeseile.

Beatrix von Storch, Vize-Fraktionschefin der Alternative für Deutschland (AfD), veröffentlichte auf dem Kurznachrichtenkanal Twitter sogleich ein höhnisches «Wir schaffen das», um Kanzlerin Angela Merkel die Schuld zuzuschieben. Als die Zweifel an einem islamistischen Täter wuchsen, verbreitete schliesslich auch die AfD eine offizielle Nachricht, die sich nur an die Opfer wandte und ihnen Mitgefühl zusicherte.

Verschiedene deutsche Medien meldeten am Abend mit Berufung auf Sicherheitskreise, dass es sich beim Täter um einen 48-jährigen Deutschen namens Jens R. handle, der in Münster gelebt habe und in der Vergangenheit mehrfach mit psychischen Problemen aufgefallen sei. Auch wenn man über dessen Motiv noch nichts sagen könne, gehe die Polizei nicht von einem terroristischen Hintergrund aus.

Für islamistische Beweggründe spreche derzeit nichts, bestätigte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul. Im Laufe der Ermittlungen drang eine Spezialeinheit der Polizei auch in die Wohnung des Täters ein. Sie suchte dabei unter anderem nach Sprengstoff.

Erster Anschlag seit 15 Monaten

In der Vergangenheit hat sich bei Gewalt- oder Amoktätern, die den Behörden als psychisch auffällig oder krank galten, allerdings immer wieder herausgestellt, dass sie ihren Wahn mit rechtsradikalen oder islamistischen Motiven derart aufgeladen hatten, dass die eindeutige Bestimmung ihrer Motivlage selbst Gerichten ausserordentlich schwer fiel. So behandelt die Münchner Justiz David S., den Amokschützen vom Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016, bis heute als psychisch gestörten Täter, obwohl dessen Mord an neun Menschen eindeutige rechtsextreme Motive hatte.

Die Gewalttat in Münster löste grosse Bestürzung aus. Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigten sich «zutiefst erschüttert» über die «schwere Gewalttat» und sprachen den Opfern und ihren Angehörigen Mitgefühl und Unterstützung zu. Man erwarte, dass die Hintergründe der Tat möglichst lückenlos aufgeklärt würden.

Seit der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 ist die innere Sicherheit auch in Deutschland eine der Hauptsorgen von Wählern und Politikern geworden. Im Sommer 2016 kam es in Bayern zu ersten islamistisch motivierten Anschlägen, die durch Menschen begangen wurden, die als Flüchtlinge ins Land gekommen waren. Im Dezember 2016 tötete der Tunesier Anis A. auf dem Berliner Breitscheidplatz elf Menschen, indem er einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt steuerte. Seither – seit gut 15 Monaten also – war Deutschland von einem vergleichbaren Anschlag verschont geblieben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.04.2018, 22:10 Uhr

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