Mannschaft, sensibel, sucht Führung

Der EHC Kloten kämpft gegen den Abstieg und auf originelle Art um neues Vertrauen. Hinter den Kulissen zeichnet sich der vierte Besitzerwechsel seit 2012 ab

Trainer Kevin Schläpfer, Verwaltungsratsmitglied Mike Schälchli und Präsident Hans-Ulrich Lehmann.

Trainer Kevin Schläpfer, Verwaltungsratsmitglied Mike Schälchli und Präsident Hans-Ulrich Lehmann. Bild: Keystone

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Am Freitag hielt sich ein Club den Spiegel vor. «Das Bild, das der EHC Kloten aktuell nach aussen vermittelt, ist kein gutes Bild», beginnt die denkwürdige Verlautbarung des Tabellenletzten. «Der EHC Kloten ist – von aussen betrachtet – in einer veritablen Existenzkrise», steht weiter zu lesen. Nun wolle man «entglittenes Vertrauen schnellstmöglich wiederherstellen».

Es ist die nächste Mammut­aufgabe für den Club, mit dem Präsident Hans-Ulrich Lehmann seit 2016 ein ausgeglichenes Budget anstrebt. Und dessen Führung längst so wahrgenommen wird wie die Spieler: bei jedem Auftritt Schlimmes fürchtend, jeden Abgang als Zeichen des Zerfalls deutend.

Jüngst erfuhr die Mannschaft aus den Medien, dass CEO Matthias Berner gekündigt hatte, dass der Strategische Leiter Peter Lüthi im Frühjahr geht. Dass Präsident Hans-Ulrich Lehmann spätestens übernächsten Sommer aussteigen will und die Neubesetzung des Sportchefs doch nicht Priorität hat. Kurz: dass die Schlüsselpositionen im Organigramm – einmal mehr – mit Fragezeichen besetzt sind.

Für weitere Unruhe sorgt, dass der Präsident «den Mund manchmal ein bisschen weiter vorn hat», wie er selbst sagt. In den Logen der Swiss-Arena wunderten sich Besucher schon ob Lehmanns Tonalität und Vokabular. Am Weihnachtsessen stiess der 58-Jährige mit seinen Worten Gäste vor den Kopf. Er zeigt keine Angst vor Einzelkritik und ist ein grandioser Geschichtenlieferant. «So eine Wohlfühltruppe» liess ihn der «Blick» diese Woche übers eigene Team sagen.

Schon die allererste Handlung war typisch: ein Ultimatum

Gesucht hat der Unternehmer das nicht. Er verhält sich wohl einfach wie in seinen übrigen Geschäften, wo die Dinge so laufen, wie er will. Und diese Haltung ermöglichte überhaupt erst das Überleben des EHC. «Ich hätte das nie geschafft», sagt ein langjähriger Sponsor über Lehmanns Verhandlungsstrategie bei der Übernahme 2016. Lehmann überzeugte die Nordamerikaner von ASE per Ultimatum, dass es ihm egal war, wenn sie seine Bedingungen nicht akzeptierten – und der Club kaputtging. In letzter Sekunde lenkte ASE ein.

An dieser Radikalität hat sich nichts geändert. «Spätestens 2019 ist für mich Schluss», sagt der strategische Chef. Die Nachfolger­suche hat er an den VR delegiert – sie dürfte schwierig werden. Schon in seiner ersten Saison schoss Lehmann einen Millionenbetrag ein. In der zweiten wird der Betriebsverlust (2016/17: 2,7 Millionen Franken) wegen Zuschauerschwund und Wegfall des Lohnverzichts wieder steigen. Um den Club künftig wie angestrebt mit einem halben Dutzend Kernaktionären breiter abzustützen, müsste jeder fast eine halbe Million Franken pro Jahr garantieren.

Wie zwei Wellen, die sich gegenseitig verstärken, kommen zu den Abgängen der Führung jene im Team. Von Denis Hollenstein zu Praplan, Santala, Grassi, Bieber und Boltshauser gehen prominente Spieler. Zuzüge sind dagegen nur solche bekannt, die von ihrem bisherigen Club kein Angebot erhielten oder schon unter Kevin Schläpfer spielten. Der Trainer mit ­Vertrag bis 2020 muss schon als wichtigste Konstante im Club gelten.

Immerhin: Beim heutigen Heimspiel gegen Fribourg will der EHC einen Neuen bekannt geben, nächste Woche soll die PR-Offensive weitergehen. Doch dass sich junge ZSC-Spieler wie Künzle (Biel) und Schlegel (offen) gegen den Konkurrenten aus der Region entschieden, zeigt, welchen Attraktivitätsverlust Kloten erlitten hat. Ein Abstiegskandidat mit ungewisser Führung hat es bei der Rekrutierung zusätzlich schwer.

Das ist die neue Realität eines Clubs, der jahrelang selbst zu den Preistreibern zählte. Und nun spürt, wie es sich am anderen Ende der Hierarchie anfühlt. Wenn nächste Woche die Präsidenten der Liga wieder einmal über explodierende Löhne sprechen, dürfte Klotens Stimme wirkungslos verhallen.

Dabei erinnert vieles noch immer an bessere Zeiten. Seit 56 Jahren spielt Kloten in der höchsten Liga, länger als jeder andere Club. Vier Meistertitel in Folge gewann der EHC in den 1990er-Jahren. Und mit Felix Hollenstein ist der Leitwolf von damals nach wie vor präsent – unter anderem als Mitglied der für Transfers zuständigen Sportkommission. Er wird als deren künftiger Chef gehandelt. Doch so lange die Ligazugehörigkeit der Zürcher offen ist, bleibt es wohl auch diese Personalie.

Solche Ungewissheit ist neu in Kloten. Bei den Existenzsorgen der letzten Jahre ging es stets um Geld. Das war ebenso bedrohlich, aber doch ganz anders. Während an Schreibtischen Lösungen gefunden wurden, konnte das Team wie gehabt trainieren. Und durften sich alle damit trösten, dass auf dem Eis alles besser war.

Eine prägende Erfahrung: Der nächste Rückschlag ist nie fern

Der grösste Misserfolg des letzten Jahrzehnts? Das Verpassen des Playoffs. Dafür stand Kloten dreimal im Final. Was wäre da erst mit stabilen Verhältnissen möglich?

Man erfuhr es nie. Drei Besitzerwechsel erlebte der EHC seit 2012 – mehr als die anderen elf Clubs zusammen. So etwas trägt nicht dazu bei, die Bindung zur Führung zu stärken. Es kann ein Team zwar zusammenschweissen – wie beim Fast-Konkurs 2012, als die Spieler monatelang ohne Lohn trainierten. Doch die Erfahrung, dass der nächste Rückschlag nie fern ist, wirkt sich trotzdem aus. «Haben die immerfort andauernden Geschehnisse abseits des Eises so deutliche Spuren hinterlassen, dass die aktuellen ­Resultate die Folge sind?», fragte am Freitag gar der EHC. Ein früherer Sportchef sagt es klar: «Kloten ist die sensibelste Mannschaft der Liga.»

Vielleicht liegt es daran, dass es in der Kabine jetzt noch Thema ist, wie Hobbyrennfahrer Lehmann die Spieler im Sommer auf dem Mountainbike abhängte – und danach von einem Personaltrainer prüfen liess, ob sein Team fit sei. Vielleicht liegt es daran, wenn ein Gespräch mit Sponsoren diese ­Woche im Umfeld sofort als Treffen möglicher Lehmann-Nachfolger verstanden wird.

In Kloten hat man sich angewöhnt, jede kleinste Regung sofort zu interpretieren. Darum ist der ­offene Brief nur logisch. «Nein – der EHC steht nicht still», wird darin beteuert, auch herrsche «entgegen einzelner Presseberichte kein Vakuum im Sportbereich». In über 800 Worten erklärt sich der Club. Eine Antwort aber bleibt er auch sich selbst schuldig: «Weshalb der EHC Kloten abgeschlagen am ­Tabellenende spielt, ist unklar.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 23:30 Uhr

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