«Mann, das ist Iggy Pop. Er ist mein Freund»

Regisseur Jim Jarmusch über seine ­Lieblingsgruppe The Stooges, aggressive Posen und seinen neuen Musikfilm «Gimme Danger»

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ab und zu macht Jim Jarmusch Musikfilme. Schon vor der Arbeit an seinem letzten Kinoerfolg «Paterson» beschäftigte er sich deshalb für «Gimme Danger» mit Archivmaterial zu The Stooges. The Stooges? Das ist eine US-Band, die zwischen 1967 und 1974 sehr laute Musik spielte und so den aufkommenden Punkrock beeinflusste. Streit, Drogen, Todesfälle, Wiedervereinigungen prägten ihre Karriere, aber nur ein Mitglied wurde weltberühmt: Iggy Pop, ein Freund von Regisseur Jarmusch.

Sie zählen viele Musiker zu Ihren Freunden.
Ja, aber das muss ich ausschalten, wenn ich einen Film über sie mache. Es sind Helden für mich, aber auch das schalte ich aus. Iggy Pop kenne ich seit vielen Jahren. Ähnlich ist es mit Neil Young, Tom Waits und anderen. Manchmal glaube ich es selber nicht.

Was glauben Sie nicht?
Dass ich mit diesen Idolen freundschaftlich verkehre. Aber dann bekomme ich an meinem Geburtstag einen Anruf von Iggy: «Hallo J. J., Gratulation» – er nennt mich J. J., ich ihn J. O., eigentlich heisst er ja Jim Osterberg. Wir plaudern ein wenig und dann kommt mir plötzlich in den Sinn: «Mann, das ist Iggy Pop. Er ist mein Freund.»

Wie lernten Sie ihn kennen?
Wir hatten gemeinsame Bekannte, er kam zu mir nach Hause, zum Tee. Das wars. Wir sind Freunde geblieben. Immer, wenn er mich bei einem Konzert im Publikum sieht, macht er diese Bewegung (Jarmusch verrenkt sich wie Iggy).

Bedeutet sie etwas?
Es ist vollkommen lächerlich, aber er macht das speziell für mich. Ich habe einmal einen Text geschrieben, in dem ich ihn mit Bruce Lee verglich, mit Rambo, dem Balletttänzer Nijinsky und dem Komiker Harpo Marx. Er sagte mir dann, am besten gefalle ihm der Vergleich mit Harpo, deshalb hat diese Bewegung vielleicht etwas von dessen Harfenspiel. Aber ich weiss nicht, ob es so gedacht ist.

Ihr Film ist eine Art Liebesbrief.
Ja, schon. Aber nicht an ihn persönlich. Sondern an die Stooges.

Aber er ist die zentrale Figur!
Vielleicht. Aber er ist so viel mehr als Stooges. Was hat er schon alles gemacht! Gerade kürzlich dieses Album mit Josh Homme und den Queens of the Stone Age. Davor eine Platte mit Chansons. Nein, im Film geht es nur um The Stooges. Irgendwie ziehen mich Bands mehr an als Einzelpersonen.

Inwiefern?
Ich bin der grösste Fan von Neil Young, aber meinen Film habe ich über Crazy Horse gemacht, seine Band. Und ich bewundere Iggy Pop, wie Sie unterdessen wohl gemerkt haben. Aber ich bin ein Stooges-Kid aus Ohio. Zuerst die Band.


Wie haben Sie sie entdeckt?
Als Teenager hörte ich ihre Bänder, mit Freunden. Da war eine Wildheit darin, die uns ansprach. Die Musik sagte: Du kannst frei sein, du kannst anders sein. Wenn ich ein neues Stück von The Stooges hörte, kam ich in ein High.

Ist diese Musik nicht eher destruktiv?
Niemals. Das Aggressive ist eine Pose. Singen über das Zerstören und andere radikale Gesten ist gesund. Es geht darum, zu sagen: Ich glaube nicht an all den Scheiss dieser Welt, lass ihn uns niederreissen. Man muss sich nicht anpassen, sondern eine eigene Ausdrucksform finden. Das ist nicht destruktiv. Das stärkt und vereint.

Haben Sie The Stooges in ihren Anfängen gesehen?
Leider nicht. Aber als ich 15 Jahre alt war, fuhr ich per Autostopp nach Ann Harbor, wo Iggy Pop herkommt, um die MC5 zu sehen. Die waren damals noch bekannter.

Wie war das Konzert?
Als ich ankam, erfuhr ich, dass es abgesagt war. Ich traf aber ein paar Hippies, die mich aufnahmen. Sie gaben mir Haschisch, die Mädchen spazierten nackt an mir vorbei. Ich war sexuell völlig unerfahren und dachte: Wow! Aber erzählen Sie das bitte nicht meiner Mutter, sie weiss es immer noch nicht.

Das Konzert haben Sie nicht nachgeholt?
Nein, The Stooges habe ich erst nach ihrer Wiedervereinigung gesehen. Ich war begeistert. Mir gefallen ja verschiedene Arten von Musik: Ich mag zum Beispiel harten Black Metal. Aber wenn ich an so ein Konzert gehe, habe ich das Gefühl, die Menschen fühlen sich alleine dort. Iggy und seine Band verkörpern für mich das Gegenteil. Da strömt die Liebe.

Kannten Sie die verstorbenen Mitglieder der Stooges?
Ich traf die Brüder Ron und Scott Asheton ein paarmal backstage. Sie riefen: «Hey, Jim, wie gehts? Holst du mir ein Bier? Und eines für meinen Bruder? Thanks, Dude.» Das war alles, aber ich war stolz, dass sie meinen Namen kannten.

The Stooges hatten zeitweise massive Probleme.
Natürlich. Die waren ständig auf Drogen in den Anfängen, haben deswegen etwa schlechte Verträge abgeschlossen. Iggy Pop musste jahrelang durch die Justizhölle gehen, um die Rechte an der eigenen Musik zurückzubekommen.

Punkto Drogen wirkt der Film etwas schöngefärbt.
Finden Sie? Ich erwähne immerhin Iggys Einlieferung in die Psychiatrie wegen Drogen. Und Schlagzeuger Scott Asheton erzählt doch, er habe gemerkt, dass es vorbei war mit den Stooges, als er bei fremden Menschen auf dem Boden schlafen und eine seiner Trommeln verkaufen musste, um sich ein Busticket nach Hause leisten zu können. Das sagt viel.

Trotzdem. Ihr Film ist eine Hommage, keine harte Recherche.
Mit Absicht. Ich mag Filme nicht, in denen versucht wird, im Shit der Leute zu wühlen. Das finde ich geschmacklos. Ich sah einen Film über Kurt Cobain, der hiess . . .

. . . «Montage of Heck»?
Genau der. Ich sage das gerne laut: Das ist ein Stück Scheisse. Man nimmt Kurt Cobain, den ich liebe, und beutet Dinge aus, die er für sich allein gemacht hat, noch während der High School. Dafür trickst man seine Tochter aus, macht sie zur Produzentin, damit man Zugang hat. Ich sage: Fuck you!

Wie fanden Sie den Film über Amy Winehouse?
Auch der war ausbeuterisch. Amy war für mich eine enorme musikalische Bereicherung und ihr Tod hat mich traurig gemacht. Aber will ich deswegen ihr Privatleben ans Licht gezerrt wissen? Nein, ich will ihre Songs hören.

Gibt es Musikfilme, die Sie mögen?
«Dont Look Back», der Film von D. A. Pennebaker. Bob Dylan hat da mitgearbeitet, obwohl er am Ende nicht unbedingt gut aussah. Klassische Filmbiografien mag ich nie, auch nicht als Spielfilm. Ausnahme: Sofia Coppolas Film über Marie Antoinette gefiel mir, dort tanzen die Menschen aus dem 18. Jahrhundert zur Musik der britischen Rockband Siouxsie and the Banshees, das liebe ich. Aber wenn man einfach die dramatischsten Momente eines Lebens auflistet, finde ich das todlangweilig.

Sie verwenden viel Archivmaterial im Stooges-Film.
Ja, aber ich schneide das nicht chronologisch aneinander. Wir haben das Material sieben Jahre lang gesucht und mussten drei Juristen beschäftigen, die rauszufinden hatten, was wir brauchen durften.

Hat es Sie gewundert, wie viel altes Material es gab?
Mich hat gewundert, wie wenig es gab. Wir mussten tief graben. Aber es war eben so: Bands wie The Stooges oder The Velvet Underground waren niemand in diesen Tagen. Die haben nichts verkauft, kein Geld verdient. Für wenige wie mich waren sie Ikonen. Aber oft gefilmt wurden die nicht.

Sie sind selber auch Musiker, haben Sie je mit Ihren Freunden gespielt?
Nein, das wäre zu peinlich. Ich bin nicht einer, der sagt: Hey Neil, lass uns zusammen Gitarre spielen! Ich lerne genug von Leuten wie Neil Young und all den andern. Und zwar aus ihrer Musik und nicht, indem ich sie imitiere.

Trailer zu Jim Jarmuschs Musikfilm «Year of the Horse»

Wie wichtig ist Ihnen Musik?
Es ist für mich die schönste Ausdrucksform. Das sagt alles.

Schöner als Film?
Gut, Musik ist ein Bestandteil von Filmen. So wie die Poesie, die Literatur. Film ist am vielfältigsten. Musik aber am reinsten.

Wie hören Sie Musik, es ist schwer vorstellbar, dass Sie dies auf einem iPhone tun?
Manchmal schon. Ich habe Spotify, und wenn ich neue Bands finden will, ist das der schnellste Weg für mich. Aber natürlich bin ich ein Vinyl-Mann. Ich habe auch immer noch CDs. Und ich interessiere mich für die Wiedergeburt von Kassetten. Ein paar coole Bands aus Island veröffentlichen ihre Dinger nur auf Kassetten.

Ihre drei besten Konzerte?
Oh Mann, kommen Sie in drei Stunden zurück. Dann kann ich es Ihnen vielleicht sagen.

Gibt es heute etwas, das so gut ist wie die Stooges damals?
Ich habe kürzlich die Swans live gesehen, da war ich auch high von der Musik. Aber eigentlich kann ich das nicht beantworten. Ich mag solche Vergleiche nicht, es ist, als ob ich eine Liste machen müsste. Wollen Sie eine Liste meiner Lieblingsfilme? Da brauche ich nicht drei Stunden, sondern drei Wochen. Und gebe Ihnen dann 800 Titel.

Verändert sich Ihr ­Musikgeschmack?
Ich hoffe, er erweitert sich an jedem Tag. Ich bin glücklich, wenn ich etwas Neues entdecke. Meine einzige Sorge ist, dass ich nicht mehr genug Zeit dafür habe. Neil Young schrieb ja die ­berühmte Zeile «It’s better to burn out than to fade away».

Stimmt sie?
Ich habe versucht auszubrennen, aber es hat nicht funktioniert. Da stehe ich jetzt darüber. Vielleicht werde ich einfach verschwinden, eines Tages, und man wird mich vergessen. Das ist in Ordnung für mich. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.04.2017, 21:33 Uhr

Gimme Danger

Wer hat den Stage Dive erfunden, den Sprung ins Publikum? Im Film «Gimme Danger» erzählt Iggy Pop, 70, seine Geschichte dazu: Bei einem Konzert mit The Stooges habe er unten hübsche Mädchen gesehen und sei gesprungen – seitdem habe er eine Zahnlücke. Das ist nur eine der Anekdoten über die Band, die Jim Jarmusch, 64, in seinem Film präsentiert. Es ist keine Chronologie, eher eine wilde Mischung aus Archivmaterial und animierten Sequenzen. Chaotisch, wild – wie diese Band es war.

«Gimme Danger»: ab Donnerstag im Kino
(Bild: Getty)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Der Ölpreis als Wirtschaftsseismograf

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...