Maudets Drohnenjäger

Steinadler sollen in Genf künftig illegal fliegende Drohnen vom Himmel holen.

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Der junge Magistrat und das majestätische Steinadlerweibchen sind ein ungleiches Paar: Ihren bernsteinfarbenen Augen entgeht nicht die kleinste seiner Bewegungen. Prüfend, fast gebieterisch fixiert Taïga ihr Gegenüber. Ehrfürchtig, fast unsicher mustert der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet den Vogel. Der Adler hockt auf seinem Arm, das Haupt erhoben, die gelben Fänge in den ledernen Handschuh gekrallt. Taïga wiegt vier Kilogramm, ist mehrere Tausend Franken wert und eine der Hoffnungen Maudets, wenn es um die künftige Drohnenabwehr geht.

Gemeinsam mit Adlermännchen Altaïr kam sie vor einem Dreivierteljahr in die Schweiz. Gut drei Monate alt waren die beiden damals – und damit ausgewachsen. «Sie waren eigentlich schon ein bisschen zu alt, als sie zu uns kamen», sagt Umberto Nassisi von der Genfer Feuerwehr. Seit 20 Jahren sind Raubvögel seine Leidenschaft, und die beiden jungen Beutegreifer sind seine Schützlinge. Idealerweise beginnt das Training der Raubvögel bereits mit vier Wochen. «Dann ist es einfacher, sie an die Kopfhauben oder den Schutz der Fänge zu gewöhnen.»

In Deutschland geschlüpft, in der Schweiz flügge geworden

Der Falkner hat für Maudets Departement die Kontakte zu Züchtern hergestellt und richtet die Raubvögel für den Drohnenfang ab. Geschlüpft sind die beiden in Deutschland, bei ihm wurden sie flügge. «Wir haben uns gegen Geschwister entschieden. So minimieren wir das Risiko von Krankheiten», sagt Nassisi. Der Mann hat aber auch an die Zukunft gedacht: «Wer weiss, vielleicht züchten wir eines Tages mit ihnen.»

Doch darum geht es an diesem Tag nicht. Im Rahmen einer Drohnenkonferenz im Genfer Stadion zeigen sich die beiden Steinadler zum ersten Mal. Altaïr trägt eine lederne Kopfhaube. Er wird zeigen, was er bisher gelernt hat, ist angespannt, mag auf Nassisis linkem Arm kaum still hocken, pickt unablässig in den ledernen Handschuh. Das Männchen ist deutlich kleiner als seine Gefährtin. «Er ist im Flug viel flinker, sie hat dafür bedeutend mehr Kraft», sagt der Falkner. Schliesst Taïga ihre Fänge, erzeugt sie einen Druck von bis zu 250 Kilogramm pro Quadratzentimeter.

Inzwischen sitzt das Weibchen wieder auf dem Arm der Genfer Polizistin, die sich von Umberto Nassisi zur Falknerin ausbilden lässt und ihr jetzt liebevoll das braune Gefieder krault. Der Vogel trägt keine Haube, was ihm signalisiert, dass er nicht fliegen wird. Stoisch observiert Taïga die Fremden, lässt ihre Schwingen halbgeöffnet hängen, die grossen Federn leicht aufgefächert. «Das tut sie wegen der Hitze, so kühlt sie sich ab», erklärt der Falkner.

Video: Altaïr, der Drohnenjäger

Der junge Steinadler Altaïr wird abgerichtet, um illegal fliegende Kopter zu fangen. Video: Pia Wertheimer

Dann ist es so weit. Altaïrs schrilles Krächzen lässt die wilden Vögel alarmiert auffliegen, die sich im Stadion niedergelassen hatten. Der Falkner hat ihm die Haube abgenommen. Der Adler schüttelt den Kopf, erfasst die Situation augenblicklich: Am anderen Ende des Spielfeldes steht die Polizistin. Streckt ihren Arm aus. Altaïr fackelt nicht lange, stösst ab, jagt wenige Zentimeter über den Rasen hinweg. Beinahe touchieren seine nach oben gewölbten Handschwingen das Gras – so heissen die kräftigen, äusseren Federn seiner Flügel. Der Adler taxiert das Umfeld. Verlangsamt. Mit zwei kräftigen Flügelschlägen gewinnt er die nötige Höhe und setzt auf dem Handschuh der Polizistin auf.

Sie hat ihn nach dem hellsten Stern im Sternbild Adler benannt und belohnt ihn jetzt mit einem Fleischhappen. Eigentlich ginge es jetzt wieder zurück. Eigentlich. Altaïrs Aufmerksamkeit gilt aber nicht mehr seinem Falkner, der mit ausgestrecktem Arm auf der anderen Seite des Stadions ruft. Wartet. Nochmals ruft und weiter wartet. Doch sein Adler hat eine «Beute» gesichtet: Seine Augen fixieren Drohnen, die für eine andere Demonstration einige Meter entfernt im Gras liegen. Er zögert.

Auf Plastik konditionierte Raubvögel

Monatelang haben Nassisi und die Polizistin die beiden Steinadler schon darauf trainiert, die Fluggeräte als ihre Beute zu betrachten. Die Vögel erhalten ihr Futter immer aus einem Drohnengehäuse, sie fangen hochgeworfene, abgeschaltete Drohnen. «Wir konditionieren sie auf Plastik, damit sie von lebender Beute absehen, ohne aber ihren Jagdinstinkt zu verlieren», sagt der Falkner. Ob dies gelingt, werde sich zeigen. Unter anderem davon hängt allerdings die Zukunft des Genfer Experiments gab. Denn das ist es noch. Auch wenn für Regierungsrat Maudet klar ist: In Genf sollen Adler weit mehr als nur Wappentiere sein. Er will, dass sie bald möglichst fliegende Drohnen vom Himmel holen, die illegal unterwegs sind.

Video: Der Adler im Flug

Der Steinadler Altaïr wird von Umberto Nassisi trainiert, um Drohnen vom Himmel zu holen. Video: Pia Wertheimer

Noch liegen aber die nötigen Bewilligungen des kantonalen und des eidgenössischen Veterinäramtes nicht vor. Maudet gibt sich diesbezüglich zuversichtlich. «Wir sind die Ersten, die so etwas versuchen, da dauert alles etwas länger.» Er lässt sich auch nicht davon beirren, dass in den Niederlanden ein entsprechendes Vorhaben aufgegeben wurde. Vielmehr orientiert sich Maudet an Frankreich, wo seit zwei Jahren ein ähnliches Projekt läuft: Die Luftwaffe hat mehrere Raubvögel angeschafft und trainiert sie für die Drohnenabwehr.

Noch ist Altaïr unentschlossen: eine Drohne oder die Belohnung in der Hand seines Falkners? Der Adler öffnet die Schwingen, hebt ab, er hat auf Nassisi Kurs genommen, schwebt krächzend an Pierre Maudet vorbei, der stolz «seinem» Adler nachschaut.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2018, 07:49 Uhr

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