Louis Quatorze am Potomac

Markus Somm über Trumps Rede zur Lage der Nation.

Markus Somm@tamedia

Wenn dann endlich der Präsident eintrifft und der Sergeant at Arms, der Sicherheitschef des Parlaments, ihn mit den schlichten Worten ankündigt, «The President of the United States», und alles aufsteht und applaudiert, ohne dass es dazu einen Grund gäbe, ausser dass es eben der Präsident ist, der hier in den Saal schreitet – spätestens dann wirkt Amerika, die alte Republik, wie eine Monarchie, die sich nie von einem König befreit hat. Es ist ein fürchterliches Ritual. Zu Anfang jedes Jahres hält der Präsident vor den beiden Kammern des Kongresses eine Rede, deren Zweck ursprünglich darin bestand, einen ­Rechenschaftsbericht abzuliefern. Doch inzwischen, Jahr für Jahr ausgeprägter, hat sich die Rede zu einem Festival des Egos und der Macht verwandelt.

Kein Politiker kann ungehindert so lange von sich selber und seinen realen oder eingebildeten Erfolgen erzählen, kein Politiker wird in einer Demokratie so höflich, ja fast devot behandelt wie der amerikanische Präsident, wenn er hier auftritt. Und ­jedes Jahr spricht er länger; inzwischen weit über eine Stunde lang. Es sind absolutistische Gesten, die nicht passen, ganz gleich, ob der Amtsinhaber Donald Trump oder Barack Obama heisst. Man wäre nicht erstaunt, wenn die Parlamentarier nach der Rede vor dem Präsidenten knieten und seine Hand küssten. Louis Quatorze am Potomac. Am vergangenen Dienstag stand die State-of-the-Union–Rede an, und es war der aktuelle Präsident Trump, den so viele Amerikaner verabscheuen wie kaum einen anderen je zuvor, der diesen Anlass nutzen durfte, um sich ins beste Licht zu rücken. Selbstverständlich tat er das: 1 Stunde und 22 Minuten lang, mit Unterbrüchen, lautem Beifall und eisigem Protest, wurde uns ein Spektakel geboten, das besonders wirkungsvoll war, wann immer Trump einen Gast, den er eingeladen hatte, vorstellte: Veteranen des Zweiten Weltkriegs, ein zehnjähriges Mädchen, das an einem Hirntumor leidet, einen Grenzpolizisten mit hispanischem Namen, einen alten Juden, der einst das KZ und vor kurzem das Massaker in der Synagoge von Pittsburgh überlebt hatte. Gerade an diesem Dienstag war er 81 geworden, und kaum hatte Trump das mitgeteilt, erhoben sich alle und sangen «Happy Birthday». «Thank you!», rief der alte Mann in den Saal. Vor mehr als siebzig Jahren war er als Kind von US-Soldaten aus dem KZ befreit worden. Happy Birthday. Wer zweifelte in diesem Moment daran, dass Amerika ein grossartiges Land war? Ich meine das ohne jede Ironie. Selbst die Demokraten klatschten, wenn es ­ihnen wohl auch schwerfiel. Es war eine Rede voller List.

«Eine positive Botschaft, die die Menschen umfing wie ein warmes Tuch.»

Denn Trump, der vor zwei Jahren mit pechschwarzen Hymnen des Zerfalls angetreten war, gelang, was man ihm nicht zugetraut hätte: eine positive Botschaft, die die Menschen umfing wie ein warmes Tuch. Amerika ist grandios. Wer ihm zuhörte, und das zeigten nachher die Umfragen, ging zufrieden ins Bett. Für die Demokraten dagegen war es eine Tortur. Man sah es ihnen an. Sie litten, wenn sie sich zwangen, nicht einmal dann zu klatschen, als Trump die tiefen Arbeitslosenzahlen herausstrich. Sie litten, wenn sie es trotzdem taten, weil man einen Holocaust–Überlebenden und ein krebskrankes Kind nicht missachten kann, selbst wenn man weiss, dass auch Trump das weiss. Es war seine Nacht. Wenn einer sich gerne feiern lässt, dann er. In seinem Büro im Trump Tower, so erzählt mir Ed, ein CNN-Journalist, mit dem ich derzeit in Amerika am gleichen Institut arbeite, hat Trump unzählige Preise, Medaillen und Ehrenbecher angehäuft, wie auf den Fotos, die Ed bei einem Interview gemacht hat, zu sehen ist: chaotisch, ja lieblos in einer Ecke abgelagert, sind es zum Teil bizarre Ehrenmeldungen, die kein Mensch aufheben würde. Preise – ich erfinde sinngemäss – wie etwa für den besten Kochkurs–Absolventen oder eine Urkunde für den zweiten Rang im Pingpong-Turnier an der Highschool. Selbst für Amerikaner, die an diese inflationäre Preisverleihungskultur von klein auf gewöhnt sind, wirkt das kurios. Genügt es denn Trump nicht, zum mächtigsten Mann des mächtigsten Landes der Welt gewählt worden zu sein? Muss er auch der beste Kochschüler in Queens bleiben? Erst seit 1913 hält der Präsident zur Lage der Nation eine Rede. Vorher schickte er einen schriftlichen Bericht an den Kongress. Es war Wilson, der dies änderte, was passt, denn kaum ein Präsident hat seine Macht derart ausgeweitet wie er, ein Progressiver, der an die grenzen­lose Kompetenz des Staates glaubte. Es wäre Zeit, das ­Ritual wieder auf einen Bericht zu beschränken.

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