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Lockruf der Wüste

Janine Stemme arbeitet als Reiseleiterin im Oman. Und geniesst hohen Respekt bei den Einheimischen.

«Der Oman ist meine grosse Liebe»: Reiseleiterin Janine Stemme.
«Der Oman ist meine grosse Liebe»: Reiseleiterin Janine Stemme.

«Azhar, I need the compressor», ruft die Frau ihrem Kollegen zu und macht sich am platten Reifen des Jeeps zu schaffen. Mit einer Ahle vergrössert sie das Loch, in dem ein Dorn steckte, stopft einen Gummistreifen tief hinein und schneidet das überstehende Ende ab. «Der Pfropfen vulkanisiert selbstständig», erklärt sie den Touristen, die ihr Tun etwa skeptisch beobachten.

Azhar bringt den Kompressor. Der hochgewachsene Mann mit den schwarzen Locken trägt eine hellblaue Dishdasha. Er lächelt verschmitzt und schliesst den Kompressor an die Autobatterie an. Ruckzuck ist der Reifen luftbefüllt. «Einsteigen Leute, es geht weiter!», fordert Janine Stemme bestimmt, aber freundlich.

Reifenflicken gehört zum Alltag der Reiseleiterin. Seit elf Jahren führt sie Gäste durch den Oman, maximal zwölf, verteilt auf drei Jeeps. Begleitet wird Stemme von zwei einheimischen Fahrern. Auf der Route liegen kulturelle Highlights in Muscat, Nizwa und Salalah, genauso wie landschaftliche Perlen, etwa die Oase Wadi Bani Khalid, die Wüsten Wahiba und Rub al-Khali. Einst nähte die gelernte Damenschneiderin Auto­sitze im Akkord. Bevor sie in den Oman kam, sammelte sie Erfahrungen als Leiterin von Kamelreit- und Wandertouren in Jordanien.

Geschlafen wird mehrheitlich in Zelten

Aus dem bunten Tuch, das locker um Janines Kopf gebunden ist, fallen rote Locken. Eine grüne Baumwollbluse verdeckt den Hosenbund, an dem Schlüssel klappern. Janine eilt durch die Abflughalle im Airport von Muscat und strahlt. Beim Lächeln funkelt der kleine Diamant am Eckzahn. Gerade hat sie ein Dutzend Reisende verabschiedet und erwartet schon die nächste Gruppe, die für drei Wochen ihren Alltag bestimmt. Ja-nine betrachtet sie als temporäre Familie. Geschlafen wird unterwegs hier und da in Hotels, mehrheitlich aber in Zelten mitten in der Natur. Erst, wenn die Gäste nach der Stadtbesichtigung in Muscat im Hotelbett liegen, bleibt Zeit für Organisatorisches.

Janine fährt ins Materiallager. Defekte Zelte und Wasserkanister müssen ausgetauscht werden. Im Supermarkt kauft sie kurz vor Mitternacht Proviant für die Tour ein, die am frühen Morgen weiter Richtung Wüste führen wird. Die übliche Routine in der Saison, die von Oktober bis April geht. Zwischen den Touren, die je nach Route zwei oder drei Wochen dauern, hat sie selten einen Tag oder mehr frei.

Für die Reisenden ist Janine Stemme Fahrerin, Köchin, Krankenschwester, wandelndes Lexikon und Psychologin in Personalunion. Die Herausforderung? «Zu schaffen, dass zwölf Leute 21 Tage lang harmonisch miteinander umgehen, und dass sich alle wohl und gleich behandelt fühlen», sagt Stemme, «und niemand darf merken, wenn es mir selbst einmal nicht gut geht.»

Eine andere Herausforderung ist die Fahrt durch die Rub al-Khali, die grösste Sandwüste der Welt, mit bis zu 300 Meter hohen Dünen. Sie gilt als lebensfeindlich. Unterwegs trägt Janine die Verantwortung für bis zu 15 Menschenleben. «Wenn ich mich verfahre, haben wir ein Problem», sagt sie. Das ist bisher noch nicht passiert.

«Viele Omani sind für mich wie Brüder.»

Sie kennt den Oman wie ihren Hosensack, und man kennt sie. Die Beduinen begrüssen sie herzlich und reichen frische Kamelmilch, die Fischer am Strand rufen ihr hinterher, und auf den Märkten winkt man der Deutschen freundlich zu. «Galela» nennt man sie, was so viel heisst wie die «immer Fröhliche und ein bisschen Verrückte». Touren wie Janine macht kaum eine andere Frau. «Ich bin hier in die Männerwelt hineingewachsen. Die Omanis sehen mich zumindest während der Arbeitszeit nicht als Frau, sondern als Mann. Sie akzeptieren und respektieren mich, weil ich es ebenso tue. Viele sind für mich wie Brüder», so die 52-Jährige.

Dem Partner und der demenzkranken Mutter zuliebe wollte Janine ihren Job vor drei Jahren an den Nagel hängen. Sie schaffte es für eine Saison. «Ich bekam unerträgliches Fernweh und sehnte mich nach der Wüste», erinnert sie sich. «Der Oman ist meine grosse Liebe. Das ständige Unterwegssein, vor allem in der Rub al-Kahli, schenkt mir ein Gefühl von Freiheit.»

So begeistert sie also weiterhin europäische Reisende und bringt die Kundschaft ab kommendem Jahr mit «Oman privat», einem neuen, eigenen Tour-Konzept, noch näher zu den Menschen abseits der Touristenzentren. Bis es so weit ist, kreiert Janine Stemme zu Hause im norddeutschen Ritterhude wie in jeder Zwischensaison kunstvolle Skulpturen aus Wüstenholz, das sie auf ihren Reisen gesammelt hat.

www.wuestehoelzer.de

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