Lehrer müssen Klassenchats auf Whatsapp löschen

Schweizer Schulen kämpfen mit den neuen EU-Regeln zum Datenschutz – weil der Messenger-Dienst das Mindestalter erhöht hat.

Hierzulande endet die Schulzeit in der Regel, wenn die Schüler 15 sind – zu jung für Whatsapp.

Hierzulande endet die Schulzeit in der Regel, wenn die Schüler 15 sind – zu jung für Whatsapp. Bild: Tobias Hase/Keystone

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In Dietlikon ZH feilt Schulleiter Reto Valsecchi gerade an einem Elternbrief. Darin teilt er mit, dass die beliebten Klassenchats auf Whatsapp abgeschaltet werden – notgedrungen. Denn seit einer Woche ist es illegal, wenn sich Lehrer über diesen Messenger-Dienst mit ihren Schülern unterhalten. «Whatsapp hat das Mindestalter für die User von 13 auf 16 Jahre erhöht», sagt Valsecchi. «Jetzt dürfen die Lehrer über diesen Kanal nicht mehr mit ihren Schülern kommunizieren.» In der Schweiz endet die Schulzeit in der Regel, wenn die Schüler 15 sind – zu jung für Whatsapp.

Grund für die verschärften Nutzungsbedingungen ist ein neues EU-Gesetz, die sogenannte Datenschutz-Grundverordnung mit dem sperrigen Kürzel: DSGVO. Sie ist am 25. Mai in Kraft getreten und legt fest, dass nur Daten von Kindern ab 16 Jahren verarbeitet werden dürfen. Da auch Whatsapp Daten erhebt, wurde die Altersgrenze entsprechend erhöht. Die neuen Regeln gelten für die ganze «europäische Region», wie der zu Facebook gehörende Messenger-Dienst festhält – zu dieser zählt Whatsapp auch die Schweiz und den Vatikan.

Mit rund 6 Millionen Nutzern ist Whatsapp in der Schweiz das grösste digitale Netzwerk, beliebt gerade auch bei Lehrern. Per Knopfdruck übermitteln sie ihren Zöglingen Informationen zu Stundenplanänderungen, Ausflügen oder Klassenlagern, sie übermitteln Dokumente und leiten frei­willigen Lernstoff weiter. «Auch Hausaufgaben und Hilfestellungen dazu werden über Whatsapp-Gruppen organisiert», sagt Christian Hugi, Präsident des Lehrerverbands des Kantons Zürich.

«Whatsapp ist zwar nicht unproblematisch, wie Datenschützer warnen. Aber das Mindestalter ­heraufzusetzen, ist völlig übertrieben», sagt Alain Pichard, Lehrer im Oberstufenzentrum Orpund bei Biel im Kanton Bern. Verbote seien bei Jugendlichen «generell schlecht». Der digitale Kanal werde von Lehrern geschätzt, weil «man hier schnell und unkompliziert mit den Schülern kommunizieren kann».

E-Mail, SMS – die Suche nach Alternativen läuft

Überall in der Schweiz beraten derzeit Lehrer und Schulleiter, wie es nach der Whatsapp-Ära weitergehen soll. In zürcherischen Dietlikon hat Schulleiter Valsecchi als Ersatz für alle 200 Schüler eine offizielle E-Mail-Adresse eingerichtet. An ­Pichards Schule haben 20 Lehrer diese Woche im Rahmen einer Weiterbildung über Alternativen zu Whatsapp beraten und eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die das unter Einbezug der Eltern weiterverfolgen soll. «Nach den Sommerferien soll für die neuen Klassen eine Lösung vorliegen», sagt Pichard.

Beim Zürcher Lehrerverband geht man davon aus, dass die Lehrer, die Whatsapp nutzten, «jetzt vermutlich auf andere Apps ausweichen», sagt Präsident Hugi. ­Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass andere Messenger-Dienste bei der Altersbeschränkung nicht nachziehen. «Man könnte auch auf einen Austausch via E-Mail umsatteln», sagt Hugi.

Der Jurist des kantonalen Lehrerverbands «Bildung Bern» geht technisch noch weiter zurück. Auf Anfrage einer Schule hält er in einem Schreiben fest, dass als Ersatz für Klassenchats künftig «die gute alte SMS einspringen könnte».

Dass man damit die Jugendlichen erreicht, bezweifelt der Aargauer Schulleiter Peter Merz. «Die jüngere Generation weiss schon gar nicht mehr, was das ist.» Auch E-Mails seien eher unzuverlässig. «Mal funktioniert die Internetverbindung nicht, oder die Schüler schauen nicht nach, ob etwas gekommen ist. Kommt hinzu, dass sie das zum Teil nicht mit dem Handy synchronisieren können.»

Merz hat sich durch die 34-seitigen Richtlinien von Whatsapp gegraben – und eine Ausnahmeregelung entdeckt, deren Umsetzung allerdings aufwendig ist. Mit Einwilligung aller beteiligten Eltern könnten die Chats weitergeführt werden. Jetzt will Merz einen Brief verschicken. «Darin bitten wir die Eltern um ihre Unterstützung, damit wir Whatsapp weiter nutzen können.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 07:58 Uhr

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