Musikalische Langfinger

Wann ist ein Song ein Plagiat? Die Diskussion um den Welthit «Blurred ­Lines» hält die Popwelt auf Trab.

Unter Verdacht: Pharrell Williams, Lana Del Rey und Miley Cyrus. Fotos: Getty

Unter Verdacht: Pharrell Williams, Lana Del Rey und Miley Cyrus. Fotos: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Papier ist alles klar. So klar, dass eine Richterin schrieb: «Die Songs unterscheiden sich in Harmonie, Rhythmus und Melodie.» Sie schrieb dies Ende März nach dem Berufungsprozess, in dem das Urteil bestätigt wurde, dass «Blurred Lines» – der Welthit von Pharrell Williams und Robin Thicke – trotz der offensichtlichen Unterschiede bei der Komposition ein Plagiat sei.

Eine Mehrheit der Richter urteilte nämlich anders als ihre Kollegin und gab den Nachfahren der Soullegende Marvin Gaye recht. Diese sehen es als erwiesen an, dass Williams und Thicke für «Blurred Lines» den tanzenden Song «Got to Give It Up» von Gaye plagiierten. Zu ähnlich seien sich die beiden Songs in der Stilart und von der Grundstimmung her.

Welthit wird zum Streitfall: Robin Thicke im Vergleich mit Marvin Gaye. Quelle: Youtube

Die Bestätigung des Urteils von 2015 war der vorerst letzte Akt in einem eskalierten Urheberrechtsstreit, der die Popwelt seit Jahren auf Trab hält und den Charakter eines Präzedenzfalls hat. In diesem geht es um weit mehr als nur um einen Song und um die 5,3 Millionen Dollars und all die Tantiemen, die Williams und Thicke zahlen müssen. Aufgeworfen wird die Frage, ob das Urteil die künstlerische Freiheit von Popmusikern beschneidet.

Denn es geht in der Kontroverse um «Blurred Lines» um das, was im englischen Ausdruck «feel» alles mitschwingt. Um Gefühle und Stimmungen, die nur schwer rational zu fassen sind. Um all das, was Popmusik auszeichnet. Und genau das soll nun urheberrechtlich geschützt sein? Haben denn da Popmusiker und Produzenten überhaupt noch eine Zukunft?

Grundstimmung übernommen

Glaubt man der Argumentation des Schweizer Urheberrechtsspezialisten Poto Wegener, ist es weniger dramatisch. Williams und ­Thicke waren einfach zu ungeschickt. Denn im Fall von «Blurred Lines» hält er die einzelnen Elemente, die in beiden Songs in ähnlicher Art zu finden sind – die Basslinie, die Hintergrundgeräusche, den Groove, die Falsettstimmen – nicht für einzigartig. Und damit nicht für urheberrechtlich geschützt.

Doch in der ähnlichen Kombination sind die Elemente sehr wohl schutzfähig und einzigartig – und die «Blurred Lines»-Urheber belangbar: «Die beiden haben zudem nicht nur Stilelemente, sondern eine Grundstimmung übernommen.» Aber ist denn «Blurred Lines» nicht einfach eine Hommage an den Soul der 70er-Jahre, so, wie das Pharrell Williams vor Gericht bekräftigte? «Bei einer Hommage stellt man ja eine Nähe zum Original dar», argumentiert Wegener – man müsste also klar darauf hinweisen, welches das Original ist. «Und das haben die beiden nicht gemacht.»

Auch die künstlerische Freiheit von Musikern sieht Wegener durch das Urteil nicht beeinträchtigt. «Ich habe einmal Folgendes ausgerechnet: Wenn man zwölf Töne von einer Oktave und einen Takt von vier Ton- oder Pausenlängen nimmt, dann hat man innerhalb eines Taktes 549 Milliarden Kombinationsmöglichkeiten.» Wahrscheinlich müsse man von diesen gleich wieder 548 Milliarden abziehen, da all die Möglichkeiten für unsere Ohren allzu fremd wären. Der Gestaltungsspielraum einer Tonfolge ist also eingeschränkt. «Aber man kann die Möglichkeiten natürlich dann wieder erweitern mit einem anderen Sound, einem anderen Rhythmus.»

«Geklagt wird nur in jenen Fällen, in denen es sich auch finanziell lohnt»

Trotz dieser Milliarden von Möglichkeiten scheinen sich Plagiatsfälle gegenwärtig zu häufen, zumal jene, die schlagzeilenträchtig verhandelt werden. Da ist der Fall des jamaikanischen Dancehallsängers Flourgon, der Miley Cyrus auf 300 Millionen Dollar verklagt hat, weil sie und ihre Songwriter sich eine markante Zeile für ihren Hit «We Can’t Stop» angeeignet haben sollen.

Miley Cyrus soll eine Songzeile kopiert haben. Quelle: Youtube

Auch Lana Del Rey sah sich im Frühjahr einer Plagiatsdiskussion ausgesetzt: Die Akkordfolge und die Gesangslinie ihres Songs «Get Free» erinnerten zu frappant an jene von Radioheads erstem Erfolg «Creep». Anders als von Del Rey getwittert, verzichteten die Briten aber auf eine Klage. Radiohead wurden wohl auch daran erinnert, dass «Creep» seinerzeit auch nicht einzigartig war – sondern Elemente mit dem Song «The Air That I ­Breathe» der Hollies teilt, wofür sie ihrerseits Songwritingcredits abgeben mussten. Wahrscheinlich ist, dass sich die beiden Parteien wie so oft bei einem Urheberrechtsstreit aussergerichtlich einigten.

Alles nur geklaut: Von The Hollies zu Radiohead zu Lana Del Rey. Quelle: Youtube

Das Gefühl, dass immer öfter plagiiert wird, täuscht aber: «Ähnlichkeiten zwischen Songs stellt man ja viele fest, doch es wird nur in jenen Fällen geklagt, in denen es sich finanziell wirklich lohnt», sagt Poto Wegener. Wenn man aber den Weg bis zum Schluss einschlägt, dann drohen Prozesse, die von musikwissenschaftlichen Gutachten bestimmt sind – da Juristen ja nur höchst selten Musikexperten sind.

Das lustige Spiel des Pop mit all den unklaren Linien ist durch das «Blurred Lines»-Urteil aber getrübt. Ein Superstar wie Taylor Swift deklariert lieber gleich von vornherein, dass ein juristisch allenfalls belangbares Element in ihrem kleinteilig gebauten Song «Look What You Made Me Do» auf das 90er-Popphänomen Right Said Fred und ihren Hit «I’m Too Sexy» anspielt.

Ähnlichkeitsvergleich von Right Said Fred und Taylor Swift. Quelle: Youtube

Und der Popmusiker und Journalist Bob Stanley monierte in einem Beitrag für den «Guardian», ob denn nun die Nachfahren der Jazzlegende Nat King Cole ihrerseits die Erben von Marvin Gaye verklagen sollten, da Gaye gerade zu Beginn seiner Karriere immer wieder offensichtlich bei Cole abgekupfert habe. Und wann werden eigentlich die Beatles tätig, die ihrerseits auch eifrige Diebe waren?

Ein Bereich, in dem es von Grauzonen nur so wimmelt

Die laufende Debatte zeigt einmal mehr, dass sich Popmusik nur in Ausnahmefällen in einem geschichtslosen Raum bewegt. Nämlich in einem Bereich, der aus Inspirationen, Aneignungen und Neuübersetzungen von bereits bestehenden Traditionen seine Innovationskraft, seine Originalität beziehen kann. Natürlich ist dies ein Bereich, in dem es von Grauzonen nur so wimmelt.

Man kann sich diesen aber auch entziehen, wenn man nicht allzu plump klaut. Oder wenn man sich auch wieder einmal für eine Möglichkeit entscheidet, die fürs Erste ungeläufig erscheint. Genau so, wie dies Pharrell Williams bereits getan hat – als er Ende der Neunziger als Teil des Produzententeams The Neptunes die Grenzen der Popmusik sprengte.


Die Prinzen habens 1993 schon gewusst. Quelle: Youtube/DiePrinzenVEVO (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 17:50 Uhr

Spektakuläre Plagiatsfälle

Bruno Spoerri vs. Jay-Z Für seinen Track «Versus» klaute der ­Rapmogul Jay-Z beim Schweizer Jazz- und Elektronikmusiker Bruno ­Spoerri. Der New Yorker flog auf, und Spoerri erhält nun 50 Prozent der Tantiemen.

Spirit vs. Led Zeppelin Weniger erfolgreich war die Band Spirit, die das legendäre Intro von «Stairway to Heaven» erfunden haben wollte. Die Klage wurde 2016 abgeschmettert.

Chuck Berry vs. The Beach Boys
«Surfin’ U.S.A.» war von Brian Wilson als Tribute an Chuck Berry beabsichtigt. Es war dann musikalisch doch nur ein Plagiat, wie sich in einem der ersten Copyright-Fälle der Rockgeschichte herausstellte.

Artikel zum Thema

Das schlechte Gewissen des Rappers

Im Leben schlägt sich Jay-Z, der sich neuerdings Jay:Z nennt, mit Lappalien herum. Sein neuestes Album «4:44» ist aber grosse Kunst. Mehr...

«Wir heissen Radiohead»

Die eigenwilligen Engländer gaben zum 40. Jubiläum des Open Airs St. Gallen unter widrigen Umständen ein anspruchsvolles Konzert. Mehr...

Fertig gesäuselt

Auf ihrem neuen Album «Lust for Life» artikuliert Lana Del Rey, die amtierende Königin des Retropop, ihr neues politisches Bewusstsein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen

Tingler Verschwunden

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...