Kylie macht jetzt auf Dolly

Kylie Minogue wird fünfzig – und veröffentlicht ihr neues Album «Golden». Was das mit Country zu tun hat?

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Draussen zieht ein Sturmtief vorüber. Und drinnen, in einem noblen Berliner Designerhotel, tanzt Kylie Minogue. Dabei lautete die Frage nur, welchen Tanz sie in jenen Tagen vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums «Golden» denn lieber mag: Disco oder Linedance, bei dem sich die Tänzer und Tänzerinnen zu Countrymusik streng auf einer Linie bewegen?

«Oh, das könnte die kniffligste Frage des Tages sein, denn ich liebe beides», sagt Minogue lachend. «Als ich jüngst beim Videodreh eine Art Linedance inszenierte, war ich erstaunt, wie verzwickt diese Choreografien sind. Aber kommen Sie, ich muss es Ihnen zeigen.»

Kylie Minogue steht dann auf, demonstriert, wie sie normalerweise tanzt: ausgelassen und glücklich, frei auch, und geht dann gleich über in jene strengeren Tanzfiguren, in denen der Oberkörper starr bleibt, und alles in den Hüften geschieht. «Wenn man hier einen Schritt verpasst, dann bedeutet das: Game over, und alles nochmals von vorn.»

Alles nochmals von vorn, quasi ein Neustart: Das war auch die Furcht von vielen Kylie-Fans, als sie lesen mussten, dass das 14. Studioalbum der Australierin in der Countryhauptstadt Nashville entstanden war. Und darüber hinaus mit gut hörbaren Countryeinflüssen gespickt ist. Minogue beschwichtigt ihr Stammpublikum: «Es ist immer noch ganz klar ein Kylie-Album.» Nämlich eines, das akustische und fröhliche Countrygitarren mit ihren gross gebauten und dieses Mal hochgepumpten Disco-Popsongs zusammenbringt.

So viel Glück, aber doch eine Spur Traurigkeit

Das ist gleich zu Beginn in «Dancing» zu hören, einer unbeschwerten Hymne aufs Tanzen. Im potenziellen Superhit gelingt ihr wieder einmal das, was ein Musikjournalist einst den «Kylie-Moment» nannte. Er meint damit jenen Augenblick, an dem ein Song so viel Glück, aber doch eine Spur Traurigkeit transportiert, sodass man beim Hören oder Tanzen kurz davor steht, in Tränen auszubrechen.

«Dancing» (2018). Video: Youtube

Dabei war Minogue höchst skeptisch, als ihr von ihren Beratern diese Country-Infusion erstmals vorgeschlagen wurde: «Ich und meine Produzenten verstanden das nicht. Aber später merkten wir: Ah, das könnte doch klappen.» Es war ja nicht so, dass sie eine Expertin für den Nashville-Sound gewesen wäre, im Gegenteil: «Ich war natürlich schon vorher Fan von Dolly Parton, weil Dolly ist halt einfach Dolly. Als ich 2016 ein Konzert von ihr sah, war das, als würde ich das Licht sehen – ich kann das nicht anders beschreiben. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dereinst für eine Albumproduktion nach Nashville reisen würde.» Und dort eine Musik kennen lernte, die ihr neue Wege eröffneten: «Wenn Country traurig ist, dann klingt er wirklich sehr traurig. Doch es gibt auch jene Songs, die voller Humor sind und fast albern klingen. Ich fand so eine Möglichkeit, Songs zu schreiben, die unmöglich zu einem Euro-Synth-Klangkleid gepasst hätten – das ich natürlich noch immer liebe.»

Minogue erwähnt dann Songs wie «A Lifetime to Repair». Dort singt sie, dass sie in einem Meer des Alleinseins schwimme – und bewältigt das Tal der Tränen mit Galgenhumor, wenn sie all die vielen verflossenen Liebhaber ihres Lebens durchzählt. Man spürt: «Golden» ist doch eine Art Neustart nach einer schwierigen Zeit, die geprägt war vom Liebesaus mit ihrem Verlobten Joshua Sasse, das 2017 via Klatschpresse ausgebreitet wurde.

Zuerst das Image des dauergewellten Popmädchens

Die Arbeit an «Golden» war so auch eine Art Therapie: «Ich schrieb Material, das aus mir rausmusste. Das ergab erst noch keine guten Songs, weil es zu direkt war. Nun fand ich aber eine Form, diese Geschichten zu erzählen.» Ihr erstes Album seit vier Jahren erzählt aber nicht nur von verflossenen Liebschaften und kaputten Beziehungen. Sondern Kylie klingt auch unerschütterlich optimistisch und frisch – etwa dann, wenn sie, die im Mai ihren 50. Geburtstag feiert, singt: «I’m not young and not old.»

Nicht jung, nicht alt, eine gewisse Alterslosigkeit also, die im Gespräch mit Minogue auch immer wieder durchdrückt. Sie gibt auch Ratschläge, die furchtbar banal wirken: «Wenn es hell ist, versuche zu scheinen. Und wenn es dunkel ist, versuche, das zu überstehen», sagt sie etwa. Wenn sie so spricht, dann wirkt das nicht phrasenhaft oder wie aus einem Poesiebuch gestohlen. Sondern – bei aller Showbusiness-Abgebrühtheit, die Minogue natürlich hat – auch berührend.

«Can't Get You Out Of My Head» (2001). Video: Youtube

In solchen Momenten schwingt all das mit, was Kylie Minogue in ihrer über dreissigjährigen Karriere erlebt hat: Da war der Beginn als TV-Star in der australischen Soap «Neighbours». Die Anfänge als Popsängerin, damals unter der Fuchtel der Hitfabrikanten Stock Aitken Waterman, die für sie den unverfänglichen Superhit «I Should Be So Lucky» schrieben.

Die britischen Songdesigner verpassten ihr auch das Image des dauergewellten Popmädchens, das Minogue erst dann abschütteln konnte, als sie 1995 die Mörderballade «Where the Wild Roses Grow» mit Nick Cave sang – und im Clip als Wasserleiche ans Ufer eines Flusses angeschwemmt wurde. Es folgte eine Neuerfindung, und gleich nach der Jahrtausendwende ihr grösster Hit, der bis heute gleichzeitig ihr allerbester Song ist: Mit «Can’t Get You Out of My Head» machte Minogue den Discopop fürs eben angebrochene Jahrtausend chic. So chic, dass diese Hymne noch immer zeitloser klingt als fast alles, was ewige Trendsetter wie Daft Punk zustande bringen.

«Where The Wild Roses Grow» (1995). Video: Youtube

Eine Brustkrebsdiagnose stoppte diese goldene Zeit in den Nullerjahren abrupt, doch sie rappelte sich wieder auf, spielte neue Alben ein, nahm Rollen wie jene im französischen Film «Holy Motors» an, wo sie in einer Pariser Nacht von einem Dach hinunterspringt. Es sind genau solche Ausflüge, die Kylie Minogue zu einer Figur werden liessen, die auch jenseits des Popmainstreams geliebt und verehrt wird. Wie beispielsweise vom Sänger Rufus Wainwright, der sie wegen ihrer offenherzigen Unverfälschtheit als Ikone der Homosexuellen und «Anti-Madonna» feierte.

Die Aufopferung, die Tränen, die Unsicherheiten

Doch wie hat sie all die Höhen und Tiefen eigentlich überlebt? Minogue wiegelt ab: «Nun, ich weiss, welche Arbeit dahintersteckt, damit ich noch immer hier sein kann: die Aufopferung, die Tränen, die Unsicherheiten, die zu meinem Erfolg führten.» Normalerweise denke sie auch gar nicht an die Vergangenheit zurück, «denn ich bin schon genug mit dem Hier und Jetzt beschäftigt.» Eine Gegenwart, die natürlich auch von den Debatten um Sexismus im Showbusiness geprägt ist, oder? «Ja, es gibt Sexismus innerhalb der Industrie», sagt Kylie Minogue, ohne konkreter zu werden.

Aber die momentanen Diskussionen findet sie auch ermutigend: «Es etabliert sich eine neue Denkweise», sagt jene Frau, die von männlichen Popjournalisten so lange auf ihr Äusseres und ihre Rolle als «Pop-Vorzeigepüppchen» reduziert wurde. Und die nun auch nicht als alternder Popstar gelten will. «Würde ich Jane Fonda – eine meiner grössten Heldinnen – fragen, ob sie sich alt oder jung fühle? Ich bin sicher, sie würde antworten: In meinen Hüften – gut, in meinen Ersatzhüften – bin ich alt, aber im Kopf bin ich jung.»

Und dann gebe es natürlich Tage, da sei das alles umgekehrt. Es sind jene Tage, an denen Kylie Minogue tanzen geht. Ohne grosse Pläne, meist nach einem Abendessen oder einem Clipdreh. Wenn die Musik stimmt, dann könne sie lange ausharren: «Das gibt dir solche Kraft. Denn du bleibst zwar an einem Ort, doch deine Probleme, die sind ganz weit fort.»

Kylie Minogue: «Golden» (Darenote Limited/TBA), erscheint am 6. April

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2018, 17:54 Uhr

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