Kämpfen mit der Gegenwart

Popvisionär David Byrne veröffentlicht sein erstes Soloalbum seit 14 Jahren. Und verbreitet Good News.

Auch wenn es so wirkt: David Byrne ist kein Heilsbringer mit Antworten. Denn diese fehlen auch auf seinem Album «American Utopia». Foto: PD

Auch wenn es so wirkt: David Byrne ist kein Heilsbringer mit Antworten. Denn diese fehlen auch auf seinem Album «American Utopia». Foto: PD

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Sein Lachen füllt den Raum. Es ist laut, doch nicht herablassend. Denn es schwingt all das mit, was David Byrne seit seiner Zeit als Erfinder der legendären Band Talking Heads in seiner Kunst anklingen lässt. Man glaubt, das Zynische und das Neurotische zu hören, das Hellwache und das Gegenwärtige. Die Lust, sich immer wieder zu hinterfragen und andere herauszufordern. Und gleichzeitig auch den Wahnsinn der gegenwärtigen Zeit, der ihn angestachelt hat zu seinen jüngsten Projekten: Da ist einerseits das Album «American Utopia», sein erstes popmusikalisches Statement und «richtiges» Solowerk seit 14 Jahren – wenn man die Duoplatten mit so verschiedenen Musikern wie St. Vincent und Fatboy Slim nicht mit einschliesst.

Doch dass der 65-Jährige in einem Interviewraum in Berlin so herzhaft lacht, hängt auch mit den Vorträgen zusammen, die er unter dem optimistischen Titel «Reasons to Be Cheerful» hält. Und der Frage, ob der Zyniker von einst zum Optimisten geworden ist. «Nun, ich bin ein wenig besorgt. Doch ich bin nicht zynisch, nur kritisch. Ich traue der gegenwärtigen US-Regierung und auch den grossen Firmen nicht, die zurzeit riesige Macht ausüben. Aber gleichzeitig spüre ich einen leichten Optimismus. Und ich finde ihn an verschiedenen kleinen Orten in der ganzen Welt, die mir zeigen: Etwas anderes kann auch funktionieren.»

Mietvelos in Paris, Windfarmen in Dänemark

Dieses andere, diese kleinen Orte sammelt Byrne unter «Reasons to Be Cheerful». Ein Projekt, das auf einer Website stetig neue Dinge auflistet, die ihn gegenwärtig optimistisch stimmen und für die er als Vortragsreisender weibelt. Der Sammler von Good News erwähnt neue Museumsbauten und ÖV-Projekte in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, die gerade der ärmeren Bevölkerung zugute kämen. Der begeisterte Radfahrer, der das Buch «Bicycle Diaries» geschrieben hat, schwärmt vom Mietvelosystem in Paris oder von den Windfarmen vor den Küsten Dänemarks. Er erzählt vom Tag, als er sich als Südstaatler verkleidete und Menschen in North Carolina zur Wahl ermunterte. Gibts denn auch weitere Beispiele, die ihn, den gebürtigen Schotten, der erst seit einem Jahr die US-Staatsbürgerschaft besitzt, in den USA begeistern? «Da gibts etwa diesen republikanischen Bürgermeister in Texas – also klassisches Ölland – der seine Hausaufgaben gemacht und alles durchgerechnet hat. Sein Resultat: Wind ist auch finanziell nachhaltiger als die fossilen Energien.» Aber klar, dies sei nur eine «kleine Insel der Hoffnung» und nicht wirklich Teil einer grösseren amerikanischen Utopie.

David Byrne –«Everybody's Coming To My House» Video: Youtube

Wenn David Byrne all dies erzählt, dann wählt er nicht die Pose des weltverbessernden Messias wie so viele andere seiner Popstarkollegen. Er wirkt auch nicht wie ein hoffnungsloser Romantiker, sondern gleicht dem liebenswürdigen Onkel, der in Sorge um das Hier und Jetzt ist. Und Ermutigung sucht, die er braucht, um die Gegenwart überhaupt zu bewältigen: «Wir alle kämpfen ja mit der Gegenwart und suchen nach Antworten auf die Frage: Was hat uns nur so weit gebracht?» Mit «so weit» meint er natürlich die Präsidentschaft von Donald Trump – ohne dessen Namen zu nennen. Doch Antworten oder pfannenfertige Lösungen hat er nicht. Auch auf seinem neuen Soloalbum «American Utopia», das mit seinen Vorträgen verwandt, aber doch kein Zwillingsprojekt sei, fehlen sie.

Am Anfang der Platte steht aber nicht die Wut auf Trump, sondern ein Besuch vor zwei Jahren bei seinem Weggefährten Brian Eno: «Er spielte mir ein paar Drumtracks vor, die er mit einem Algorithmus erstellt hat. Und ich fragte ihn: Was machst du mit diesen willkürlich angeordneten Beats, kannst du mir diese geben? Vielleicht kann ich sie ja zu etwas gebrauchen.» Es war also ein Experiment, aus dem «American Utopia» entstanden ist, eine Platte, die immer weitere Kreise drehte und immer mehr Musiker und Produzenten involvierte. Unter ihnen finden sich junge Stars wie der britische Pianist und Soulsänger Sampha oder elektronische Freigeister wie Oneohtrix Point Never, der das Konstruierte dieser Song-Utopien mit seinen synthetischen Sounds betont.

Talking Heads – «Psycho Killer» Video: Youtube

Der experimentelle Urcharakter ist «American Utopia» nicht mehr anzuhören: Es gibt lupenreine Popsongs wie «Every Day Is a Miracle» mit einem alles und alle einschliessenden Refrain – die er bereits zu Talking-Heads-Zeiten so meisterhaft beherrschte. Byrne überquert Grenzen und macht sich doch nicht weltmusikalischen Tümeleien oder kulturellen Aneignungen schuldig. Er öffnet sein Haus im tanzenden «Everybody’s Coming to My House». Es gibt Texte, deren soziales Engagement leicht zu überhören ist, weil Byrne sie mit jener Stimme singt, die ihn so bekannt gemacht hat. Eine, die zwischen paranoider Dringlichkeit, lustigem Spott und doch einer gewissen Herzlichkeit schillert. Und so bestens zum Albumtitel passt, der zwar optimistisch wirkt, aber gleichzeitig provozieren soll, weil die USA und Gedanken an eine Utopie für ihn derzeit nur schwer zusammenpassen.

Der Versuchung der Nostalgie widerstanden

Was auf «American Utopia» fehlt, ist die Sehnsucht nach dem Vergangenen, die bei vielen von Byrnes Zeitgenossen den Ton angibt. «Here» heisst der letzte Song, der einer Meditation über die Bedeutung dieses kleinen Wortes mit dem grossen Resonanzraum gleicht – und das Album mit einer stillen Note beendet. Verspürt denn einer wie David Byrne nie Sehnsucht nach dem Damals oder gar nach seiner Band Talking Heads, deren Wiedervereinigung er kategorisch ausschliesst? «Ich versuche der Nostalgie zu widerstehen», sagt David Byrne. «Denn dass früher alles besser gewesen ist, ist eine Illusion. Man hat die schlechten Zeiten doch nur ver­gessen.» Lieber spricht er über New York, die Stadt, die er in einem Essay als tot bezeichnet hat, aber die ihm doch noch zu viel Energie gibt, als dass er sie verlassen möchte. Auch wenn sich seine Tochter das Leben dort nicht mehr leisten kann.

Doch wo findet denn einer wie er, der so gegenwärtig erscheint, überhaupt Utopien? «Für mich sind Utopien nichts Konkretes, sondern sehr abstrakt. Eine Utopie kann beispielsweise in einem Song stecken. Oder dann erreicht werden, wenn man mit einem Freund spazieren geht, ein gutes Gespräch führt und danach spürt: Das war sehr schön.» Byrnes Lachen: Es verströmt nun Wärme.

David Byrne: «American Utopia» (Nonesuch/Warner) Konzert: 17.7., Theater 11, Zürich (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 16:36 Uhr

Der immense Einfluss der Talking Heads

Das Kapitel mag für David Byrne seit der Bandauflösung 1991 abgeschlossen sein. Doch mit den Talking Heads, die er 1975 gemeinsam mit Tina Weymouth und Chris Frantz auf der renommierten Kunstschule Rhode Island School of Design gegründet hat, sind die Geschichtsschreiber des Pop noch immer nicht fertig. Denn die Irritation, die die Talking Heads seit den Zeiten von Punk mit ihrer erst scharfen, dann immer weiter gefassten Kunstmusik provozierten, hält an.

Man hört ihren Einfluss überall: bei zeitgenössischen Projekten wie den Dirty Projectors, die ähnlich wie die späten Platten der Band afrikanische Sounds einbauen. Bei Indiebands wie Clap Your Hands Say Yeah, deren Sänger schon fast zu offensichtlich an die neurotische Stimme Byrnes erinnert. Ja, selbst in «Bad Liar» des ehemaligen Disney-Kinderstars Selena Gomez ist ein Sample des Talking-Heads-Hits «Psycho Killer» tonangebend. Es ist eben schon so: Alben wie «Fear of Music» (1979) oder Songs wie «Once in a Lifetime» bleiben visionäre Werke von ewiger Aktualität. (bsa)

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