«Ja, die Milch wird teurer»

Der Coop-Chef über seine Pläne mit der Milch, die Lehren aus dem Siroop-Debakel und die Modebusiness-Krise.

«Wir halten uns alle Optionen offen»: Coop-Chef Joos Sutter zum neuen Standort von Microspot im Berner Mittelland. Bild: Stefan Bohrer

«Wir halten uns alle Optionen offen»: Coop-Chef Joos Sutter zum neuen Standort von Microspot im Berner Mittelland. Bild: Stefan Bohrer

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OVS ist pleite, die Schuhkette Karl Vögele wird nach Polen ­verscherbelt. Was geht Ihnen durch den Kopf bei diesen permanenten Schreckensnachrichten?
Sie haben mich nicht wirklich überrascht. Bei OVS konnte man ja schon aufgrund der eher bescheidenen Investitionen den Schluss ziehen, dass das Bekenntnis zur Schweiz möglicherweise nicht allzu gross ist. Entscheidend ist für mich die Frage, ob Coop strategisch genügend gut aufgestellt ist, um gegen Krisen resistent zu sein.

Und, können Sie beruhigt schlafen? Ja. Unsere Immobilien sind zu 80 Prozent an unsere eigenen Firmen vermietet. Das gibt uns eine Sicherheit. Zudem sind wir mit vielen Formaten – Import-Parfumerie, Fust oder Interdiscount – Marktführer. Da wird es viele andere vor uns ­treffen, bevor wir existenzielle Probleme bekommen.

Dennoch: Im Modemarkt kriselt es heftig. Dem kann sich auch Ihr Warenhaus Coop City nicht entziehen.
Der textile Bereich ist schwierig geworden, ja. Coop City hat dennoch Marktanteile gewonnen. Das liegt vor allem daran, dass der Food-Anteil 40 Prozent des Sortiments ausmacht. Dieser schafft Frequenzen.

Wann bekommt Coop City endlich einen eigenen Onlineshop?
Wir werden mit den Warenhäusern nicht so schnell in den Onlinebereich einsteigen wie geplant, weil dies sehr komplex ist. Bis wir etwas Eigenes machen, nützen wir unsere Verkaufskanäle Microspot oder Coop@home.

Warenhäuser wie Globus setzen auf Hightech und Chatbots. Bräuchten die Coop-Warenhäuser nicht auch einen Modernisierungsschub?
Da ist ein ziemlicher Hype. In unseren Warenhäusern ist den Kunden vor allem der Kontakt mit dem Verkaufsberater wichtig. Wir warten, bis sich eine wirklich matchentscheidende Technologie durchsetzt und investieren dann.

Microspot ist in den Köpfen der ­Kunden als Elektronikhändler verankert. Künftig bietet er auch andere Produkte – etwa Kleider – an. Wie wollen Sie das Image von Microspot ändern?
Amazon hat mit dem Verkauf von Büchern angefangen. Inzwischen nimmt man das längst anders wahr. Im Onlinegeschäft zählen der Kundennutzen, die Einfachheit in der Bedienung und Schnelligkeit. Der Name ist sekundär.

Der Onlinemarktplatz Siroop wird Ende Jahr eingestellt und mit Microspot zusammengelegt. Was haben Sie falsch gemacht?
Einen Marktplatz sauber zu managen, ist enorm schwierig, und mit Dritten ist es noch viel anspruchsvoller. Datenqualität, Logistik – nicht alle haben die Prozesse im Griff. Siroop hat letztlich auch ein starker Motor gefehlt, nämlich ein tragendes Eigengeschäft. Darum änderten wir unsere Strategie. Wir nehmen aber viel Know-how mit.

Was passiert mit den Händlern?
Wir wollen die umsatzstärksten Partner auf die Microspot-Plattform mitnehmen. Das Eigengeschäft bauen wir parallel dazu aus. Im Zentrum soll unser eigenes breites Sortiment stehen. Erst in einer zweiten Phase werden wir den Gedanken des Marktplatzes wieder aufnehmen.

«Wir legen nach wie vor zu. Das Aber mit sehr viel mehr Anstrengungen.»Joos Sutter, Coop-Chef

Sie könnten mit der Migros-Tochter Digitec Galaxus kooperieren.
Nein, das kann ich mir momentan nicht vorstellen.

Wie wollen Sie den Know-how-Transfer sichern? Jegenstorf, der neue Standort von Microspot im Kanton Bern, ist nicht gerade der Ort, an den es Digitalcracks zieht.
Jegenstorf ist nicht Zürich, gutes Personal zu finden schwierig. Darum haben wir die Geschäftsräume von Siroop in Zürich auch noch nicht gekündigt. Wir halten uns alle Optionen offen. Aber wir verfügen mittlerweile auch über eine beträchtliche Zahl von Internetpionieren in den eigenen Reihen.

Wie läuft es in Ihrem Kerngeschäft – den Supermärkten?
Wir legen nach wie vor an Umsatz und Kunden zu. Allerdings muss dieses Umsatzplus mit sehr viel mehr Anstrengungen erwirtschaftet werden.

Wo wächst Coop am stärksten?
Zu den Umsatztreibern gehören sowohl die Convenience-Linien wie das ganze Nachhaltigkeitssortiment, besonders Bio, wo wir das 25-Jahr-Jubiläum feiern. Innovationen wie die Vegetarierlinie Karma oder Primagusto – ein Label für hochwertige Früchte – treiben das Geschäft ebenfalls an. Wir erzielen damit mittlerweile 65 beziehungsweise über 100 Millionen Franken.

Und Coops Insekten-Burger? Sind sie ein Renner?
Beim Insektenfood geht es um eine zukunftsweisende Ernährungsform, um Alternativen zum Fleisch. Bei solchen grundsätzlichen Trends wollen wir früh dabei sein. Umsatzmässig ist das noch nicht relevant.

Auch bei einem anderen zentralen Lebensmittel zeichnen sich gesellschaftliche Veränderungen ab: Der Milchkonsum geht immer mehr zurück. Was ist Coops Antwort?
Milch steht derzeit nicht so hoch im Kurs. Aber das wird sich wieder ändern. Wir setzen auf eine nachhaltige Verbesserung der Produktionsstandards. Ende Jahr gibt es in unseren Regalen bereits keine herkömmliche Pastmilch mehr.

Was heisst das konkret?
Wir heben den Tierwohl-Standard für die konventionelle Past-Konsummilch, später auch von der UHT stark an. Zusammen machen sie 60 Prozent unseres Milchsortiments aus. Bis dato galten für die Lieferanten dieser Milchprodukte keine speziellen Anforderungen. Neu müssen die Kühe regelmässigen Auslauf im Freien haben sowie einen weiteren Standard der Tierwohlprogramme des Bundes erfüllen. Bauern, die dem Folge leisten, bekommen 4 oder 6 Rappen mehr pro Kilogramm Milch.

Auch die billigste Milch der Coop-Tiefpreislinie Prix Garantie wird auf diesen höheren Standard gehoben?
So ist es. Auch Prix Garantie.

Wird die Milch für den Konsumenten damit teurer?
Ja, die Pastmilch wird 5 Rappen teurer. Das ist für uns natürlich ein gewisses unternehmerisches Risiko. Aber wir glauben, dass der Konsument den Effort goutieren wird. Er erhält damit einen klaren Mehrwert.

Und werden die Bauern auch positiv reagieren? Die Umstellung verlangt Investitionen.
Klar. Aber ich glaube, dass die Landwirte motiviert sein werden, die Kriterien zu erfüllen, da ihnen dann mehr Gewinn bleibt. Gleichzeitig ist die Umstellung nicht so aufwendig wie für bestehende Labels wie Bio oder Heumilch.

Und wer die Kriterien nicht erfüllt, darf die Milchverarbeiter von Coop nicht mehr beliefern?
Genau. Wer die Standards nicht einhält, darf nur noch so lange liefern, bis alles umgestellt ist.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.06.2018, 20:00 Uhr

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Neue Standards für Milch

Neu müssen Bauern, die Milch für konventionelle Milch von Coop liefern, mindestens zwei Tierwohl-Kriterien aus den massgeblichen Bundesprogrammen befolgen. Regelmässiger Auslauf der Tiere im Freien (Raus) ist zwingend. Zusätzlich müssen die Kriterien BTS (besonders tierfreundliche Stallhaltung) und/oder GMF (Futter vorwiegend durch Gras/Heu, weniger Kraftfutter) erfüllt werden. Ab August wird umgestellt. Konkurrentin Migros macht Ähnliches. Auch ihre Bauern müssen neue Anforderungen erfüllen und bekommen dafür ab 2019 einen Zuschlag, dessen Höhe noch nicht definiert ist. Der Milchpreis für die Kunden soll aber gleich bleiben.

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