«Impfgegner glauben eher an Verschwörungstheorien»

Menschen, die vermuten, dass bei vielen Dingen böse Mächte im Spiel sind, misstrauen auch der Pharmaindustrie, sagt Sozialpsychologin Pia Lamberty.

«Ich wünschte mir, dass schon Kinder vermehrt lernen, wie Wissenschaft funktioniert»: Kleinkind bei einer Impfung. Foto: Getty Images

«Ich wünschte mir, dass schon Kinder vermehrt lernen, wie Wissenschaft funktioniert»: Kleinkind bei einer Impfung. Foto: Getty Images

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Was sind es für Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?
In der Psychologie spricht man von einer Verschwörungsmentalität. Das ist ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Diese Menschen haben die Tendenz, hinter zahlreichen Ereignissen eine Verschwörung zu wittern.

Warum?
Sie glauben, dass bei vielen Vorgängen geheime, verborgene Mächte im Spiel sind. Dass vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Wer ist anfällig für diese Art von Denken?
Meist sind es Menschen, die eine gewisse Machtlosigkeit empfinden, weil sie beispielsweise ihren Job verlieren. Mit dem Glauben an Verschwörungstheorien versuchen sie auf den Kontrollverlust zu reagieren und wieder eine gewisse Struktur und Ordnung herzustellen. Diese Art zu reagieren ist unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildung. Wer einmal an Verschwörungstheorien glaubt, hält auch andere derartige Erklärungen viel eher für plausibel, selbst wenn sie sich logisch widersprechen.

Zum Beispiel?
Es gibt Menschen, die sind überzeugt, dass der Autounfall von Lady Di ein Mordkomplott war. Die gleichen Menschen glauben aber auch eher, dass Lady Di gar nicht tot ist, sondern noch lebt.

Was hat das mit Alternativmedizin oder Impfungen zu tun?
Wir haben in unseren Studien einen bisher wenig beachteten Zusammenhang aufgezeigt: Wer auf Homöopathie schwört oder Impfungen ablehnt, der hat oftmals einen Hang dazu, an Verschwörungstheorien zu glauben.

Warum gibt es diesen Zusammenhang?
Die Wissenschaft der Medizin setzen diese Menschen mit der Pharmabranche gleich. Und die Pharmaindustrie nehmen sie als böse Macht wahr, der sie misstrauen. In einem unserer Experimente zeigte sich beispielsweise, dass die Anhänger von Verschwörungstheorien eher an die Wirksamkeit eines neuen – fiktiven – Medikaments glaubten, wenn es eine kleine Selbsthilfegruppe entwickelt hatte, als wenn es aus den Laboren eines Pharmamultis kam.

«Die Angst vor der grossen Macht»: Pia Lamberty

Obwohl es einen grossen Aufwand, viele Jahre und komplizierte Verfahren braucht, um ein neues Medikament zu entwickeln?
Ja. Im Zentrum des Denkens steht die Angst vor der grossen Macht, rationale Zusammenhänge treten in den Hintergrund.

Warum ist dieses Denken gerade im deutschsprachigen Raum so populär? In England ist man der Wissenschaft gegenüber beispielsweise positiver eingestellt.
Das hat sicher vielfältige Gründe, einer davon ist eine lange Tradition der Naturheilkunde im deutschsprachigen Raum. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine grosse Bewegung, die «zurück zur Natur» wollte, von der Anthroposophie über die Lebensreformbewegung. Die Nationalsozialisten haben dann die aus ihrer Sicht böse Schulmedizin verteufelt und Naturheilverfahren gelobt, was auch viel mit ihrem antisemitischen Denken zu tun hatte. Das Ganze lässt sich aber noch weiter zurückverfolgen.

Sie haben Befragungen in Deutschland und in den USA durchgeführt. Gab es Unterschiede?
In Deutschland war die Tendenz noch viel stärker, festgestellt haben wir sie aber auch in den USA.

Hinter der Ablehnung der Schulmedizin steckt auch eine allgemeine Skepsis gegenüber der Wissenschaft?
Bei jenen, die auf alternative Heilmethoden setzen, ist das tendenziell so. Bei den Impfgegnern sieht es meist etwas anders aus. Die beziehen sich häufig auf eine einzige Studie, die einen Zusammenhang mit Autismus behauptete.

Diese Studie ist längst widerlegt. Den Zusammenhang gibt es nicht.
Ja, trotzdem halten die Impfgegner daran fest. Autismus ist wahrscheinlich auch etwas, wovor sich Eltern sehr fürchten.

An Masern sterben immer wieder Menschen, warum fürchten sich die Eltern davor nicht?
Es ist eine Fehleinschätzung der Risiken. Masern tut man beispielsweise noch immer als Kinderkrankheit ab, die man schon irgendwie durchstehe.

Was können Ärzte gegen diese Skepsis tun, wenn Fakten nicht helfen?
Eine Stärke der Heilpraktiker oder Homöopathen ist auch, dass sie sich Zeit nehmen für ihre Patienten. In diesem Punkt könnten die Mediziner etwas von den alternativen Methoden lernen.

Der Kostendruck und die Versicherungsmodelle erschweren das allerdings.
Ja. Man müsste sowieso viel früher ansetzen.

Woran denken Sie?
Ich wünschte mir, dass schon Kinder in der Schule vermehrt lernen, wie Wissenschaft funktioniert und wie man eine Studie liest. Sodass sie verstehen, wie man in der Forschung zu neuem Wissen kommt und was wissenschaftliche Evidenz ist. Dann wären sie später auch weniger empfänglich für unwahre Behauptungen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2018, 13:51 Uhr

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