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Hungrig nach Raum

Fernando Botero wird von der «Body Positivity»-Bewegung gefeiert – er malt raumgreifende Gestalten.

Selbstbewusst: Fernando Boteros «Nackte am Strand» wurde 2014 bei Sotheby’s für eine halbe Million verkauft. Foto: Sotheby's
Selbstbewusst: Fernando Boteros «Nackte am Strand» wurde 2014 bei Sotheby’s für eine halbe Million verkauft. Foto: Sotheby's

Im Sommer drängt sich der Körper in den Vordergrund. Nach einem Winter vor dem Computer fühlt sich dieser «Bruder Esel» fremd an – so nannten nämlich die Franziskanermönche den Körper (und degradierten ihn dadurch zum reinen Tragetier des über­legenen Geistes). Das Gegenmittel der digitalen Gemeinschaft gegen diese Entfremdung kommt in Form eines Hashtags – und dieser heisst #selflove.

Die Eigenliebe, seit Generationen als Untugend gebrandmarkt und mit egoistischem Verhalten gleichgesetzt, ist damit allerdings nicht gemeint. Es geht in der «Body Positivity» benannten Bewegung vielmehr um die wohlwollende Einstellung dem eigenen, im Vergleich zum Schönheitsideal meist unperfekten Körper gegenüber.

Vor allem auf dem bildstarken Kanal Instagram fällt einem in der jüngsten Zeit auf, dass #bodypositivity-Beiträge erstaunlich oft mit Kunst garniert werden, und zwar nicht mit irgendeiner Kunst. Von allen Körpermalern der Kunst­geschichte ist es ausgerechnet der kolumbianische Meister Fernando Botero, 85, den die Körperbejahungsbewegung zu ihrem Aushängeschild erklärt hat.

Es geht nicht ums Fettsein, sondern um Volumen

So findet man auf Social-Media-Plattformen Selfies (meistens von Frauen), aufgenommen in einer Ausstellung vor einem Botero-Gemälde, das eine oder mehrere grosse Damen am Strand, vor dem Spiegel, tanzend mit einem ebenso soliden Herrn oder als Mittelpunkt einer voluminösen Familie zeigt. Begeisterte Parolen wie #bodyconfidence (Körperselbstbewusstsein) oder #curvyandproud (kurvig und stolz darauf) begleiten solche Manifestationen.

Auch Bücher, an denen sich die Bewegung orientiert, propagieren den kolumbianischen Maler als einen wichtigen Verbündeten im Kampf um die Akzeptanz grosser Körper. So gibt etwa die US-Autorin Cathy Miller im Band «Politics of Size» folgende Ratschläge, die helfen sollen, die Übergrösse des eigenen Leibes zu bejahen: «Umgebe dich mit positiven Abbildungen anders dimensionierter Körper, geniesse die wunderbare, sinnliche Kunst Boteros.»

So logisch die Verbindung zwischen den Bildern des Kolumbianers und der Sehnsucht der «Body Positivity»-Gemeinde nach anderen «role models» als den mageren Mannequins sein mag, Botero selbst wird diese Erhebung zum Hausheiligen der glücklich Beleibten kaum freuen. Seit Jahrzehnten schon wird der Maler nicht müde, zu betonen, dass die Damen (und Herren übrigens auch) auf seinen Bildern nicht etwa fett seien. «Mich interessiert die Sinnlichkeit der räumlichen Ausbreitung», sagte er vor vier Jahren in dieser Zeitung, nachdem er sich indigniert gezeigt hatte über Menschen, die meinen, er würde etwa «fette Körper» malen.

Tatsächlich ist es so, dass die Malerei als eine auf flächige Darstellung dreidimensionaler Körper spezialisierte Kunstsparte am ehesten dazu geeignet ist, in der Ausdehnung der Schenkel, Brüste und Gesässe künstlerisch zu schwelgen. Zwar sind sowohl die ägyp­tische wie die griechische Klassik als auch die italienische Malerei der Renaissance von einem Standardkörper ausgegangen – lang und schlank bei den Ägyptern, athletisch bei den Männern und dezent gerundet bei Frauen in der griechisch-römischen Tradition. Doch hat die Darstellung realistischer Körper seit dem Barock eine durchaus bis heute dauernde Konjunktur erfahren.

Besonders der flämische Malermeister Peter Paul Rubens liebte es im 17. Jahrhundert, beleibte Damen mit all ihren sich real ergebenden Wülsten und Dellen darzustellen. Berühmt ist das Porträt seiner geliebten Gattin Helene von 1638, die ihren nicht cellulitisfreien 24-jährigen Körper mit einem Pelz halb verhüllt, sodass man in der empfindlichen Kräuselung und Rötung ihrer Haut die erotische Sensibilität erkennt.

Besonders Rubens liebte es, beleibte Damen mit all ihren sich real ergebenden Wülsten und Dellen darzustellen.

Man könnte sich wundern, dass nicht etwa die realistischen Rubens-Damen und die paleolithischen Fruchtbarkeitsfetische wie die berühmte Venus von Willendorf mit ihren schweren Brüsten und überfliessenden Bauchrollen zu den Lieblingen der Körperbejahung wurden. Doch eine Erklärung ist schnell gefunden: Die Figuren des Kolumbianers, sagte einmal der mexikanische Autor Carlos Fuentes, seien nicht fett, sondern hungrig – «hungrig nach Raum».

Tatsächlich sehen sie eher satt und befriedigt aus, weil sie so viel Raum (die ganze Leinwand) in Anspruch nehmen dürfen. In Boteros Bildern ist alles voluminös – Blumen, Früchte, Katzen, sogar Traktoren. Die grossen Gestalten bewohnen eine Welt, die zu ihnen passt, und scheinen deswegen in einem konstanten Nirwana ernster Selbstzufriedenheit zu schweben. Sie schauen stolz vor sich hin und dem Betrachter direkt in die Augen, nur manchmal bewundern sie sich selbst im Spiegel.

Vermutlich ist es genau diese Eigenschaft des Botero-Stils, die ihm Verachtung vonseiten seiner Malerkollegen in den Nachkriegsjahren in New York entgegenbrachte. Damals trotzte der Südamerikaner den Gesetzen der Avant­garde – diese verlangte nach Abstraktion, nach der Darstellung von Schmerz und Bruch.

Stolz blieb Botero damals, trotz künstlerischer Ächtung, bei seinen grossen Gestalten – und genauso stolz will auch die «Fierce Fat»-Gemeinde dem stromlinienförmigen Geschmack trotzen.

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