«Hier habe ich meiner ganzen Hysterie freien Lauf lassen können»

Laetitia Dosch steht am liebsten allein auf der Bühne – und dominiert jetzt den Film «Jeune femme», in dem sie gleich mehrere Figuren verkörpert.

Total geerdet und total abgehoben: Schauspielerin Laetitia Dosch, 37. Foto: Franck Ferville/Agence Vu/Laif

Total geerdet und total abgehoben: Schauspielerin Laetitia Dosch, 37. Foto: Franck Ferville/Agence Vu/Laif

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«Bonjour, ich heisse Laetitia Dosch», sagt sie auf Französisch und streckt die Hand aus. Dosch, Dosch, Dosch? «Ja, mein Urgrossvater stammt aus einem Dorf in Graubünden. Es ist wunderschön, alle heissen Dosch dort. Aber seit zwei Jahren existiert es nicht mehr, weil es von einer grösseren Gemeinde verschluckt wurde. Ich sage trotzdem immer noch Tinizong. Waren Sie schon einmal dort?»

Sanft sprudelnd spricht die gebürtige Pariserin auf einen ein, als ob man sich schon lange kennen würde. Dabei ist sie noch nicht gross bekannt, auch auf der Leinwand nicht, wo sie eher kleinere Auftritte hatte bisher. Jetzt aber ist sie in einer Hauptrolle in «Jeune femme» zu sehen, in dem sie so viele Facetten von sich zeigt, dass es Leute gab, die nicht glauben wollten, dass diese Figur von einer einzigen Person gespielt wurde. «Laetitia ist eben frei, wagt viele Dinge. Die ideale Darstellerin für mich», sagt Regisseurin Léonor Serraille, die für ihren Filmerstling die Caméra d’or in Cannes gewann, den prestigeträchtigen Preis für den besten Erstlingsfilm.

Viele Rollen in einer. «Aber ja, das ist normal», sagt Laetitia Dosch selber. Denn das ist sozusagen ihr Markenzeichen. Die Französin, die auch einen Schweizer Pass besitzt, hat nämlich eine Paraderolle im Theater, in der sie alleine auf der Bühne steht und verschiedenste Personen verkörpert. Mit selbst konzipierten Geschichten tourt sie durch frankofone Gebiete, alleine, mit all ihren Figuren. «Ein wenig verrückt, aber ich mag das», sagt sie selber dazu.

Endlich der «ganzen Hysterie» freien Lauf lassen

«Verrückt» ist in ihrem Fall tatsächlich ein Kompliment. Denn Laetitia Dosch lässt sich wirklich nicht festlegen auf einen Stil, auf eine Erscheinung. Zu Beginn von ­«Jeune femme» hämmert sie gegen eine Tür, ihr Ex wohnt offenbar dort, sie begehrt Einlass, landet aber in der Notfallaufnahme, wo ein Arzt sie untersucht. Wird sie gleich eingeliefert? Wird das so ein Sozial-Psychiatriedrama? Nein, überhaupt nicht. Denn Paula, wie Dosch im Film heisst, kann auch ganz anders. Und sobald man sie zu fassen versucht, überrascht sie einen wieder.

Trailer zum Film «Jeune Femme». Video: Youtube/Zurich Film Festival

«Meine Figur lässt eben wirklich alles ungefiltert raus, von Banalitäten wie ‹oh, es regnet› bis zu ihren intimsten Gefühlen», sagt Laetitia Dosch. Normalerweise erhalte man, besonders als Frau vom Theater, gerne die Regieanweisung, sich ein wenig zurückzunehmen: «Hier aber habe ich meiner ganzen Hysterie freien Lauf lassen können.» Das wird tatsächlich manchmal ganz schön laut. Aber keine Angst, leise Töne gibt es auch. Zum Beispiel mit der Katze, die sie dem Ex klaut. «Dieses Tier war der wahre Star der Dreharbeiten, es hatte schon Auftritte in zahlreichen Kalendern und Gay-Magazinen. An ihm konnte ich mich messen», erzählt die «jeune femme» mit einem Schmunzeln.

Bald geht sie auf Tour – zusammen mit einem Pferd

Laetitia Dosch ist, für Schauspielerinnenverhältnisse, so jung nicht mehr, dieses Jahr wird sie 38 Jahre alt. Und von ihrem Beruf träumte sie nicht bereits als kleines Mädchen. Im Gegenteil. «Ich war mal mit einem Mec zusammen, der in Filmen spielte», erzählt sie offen, «ich reiste mit ihm zu den Drehorten, und beim ewigen Warten auf ihn sagte ich mir, das kann ich auch.» Er habe sie zuerst unterstützt, ihr geholfen, in Kurse reinzukommen. «Aber als ich dann kleine Erfolge hatte, sagte er mir, zwei Schauspieler in einer Beziehung seien einer zu viel. Und liess mich sitzen.»

Zum Glück, ist man fast gewillt zu sagen. In «Jeune femme» spielt sie den Schmerz des Verlassenseins mit aller Wucht. Aber damit ist eben der Film noch lange nicht zu Ende. Diese Frau kann einen immer wieder überraschen. Wie sie mit besagter Katze umspringt, mit den Männern. Aber auch mit ihrer eigenen Mutter. Total geerdet und total abgehoben.

Richtig erlernt hat Laetitia Dosch die Schauspielerei nach der Trennung vom Schauspieler-Freund in Lausanne, in der damals neu eröffneten Theaterschule Manufacture (als «génial» bezeichnet sie den Unterricht mit all seinen Freiheiten dort). Und in die Schweiz kehrt sie auch zurück, wenn sie sich ein neues Einfrau­stück erarbeitet. Das nächste heisst «Hate». Es hat am 5. Juni im Lausanner Théâtre de Vidy Premiere – und wird vom Festival d’Automne mitproduziert, also auch in Paris. Aber ganz alleine wird sie dann für einmal nicht auf der Bühne stehen. Sie spielt im selbst geschriebenen Stück – verrückt! – mit einem Pferd.

«Jeune femme»: ab 26. April im Kino (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.04.2018, 19:10 Uhr

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