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Geständnisse einer Pissnelke

Warum der Autor keine faulen Kompromisse will.

Logischerweise alljährlich findet die Wahl des «Jugendworts des Jahres» statt. 2015 lag «merkeln» vorn, was so viel bedeutet wie «nichts tun, abwarten». Jugendwort des Jahres 2017, gerade erst gewählt, ist «I bims». Die Intellektuellenzeitschrift «Merkur» schreibt über die Wortkreation: «I bims ist schlicht eine absichtlich falsch geschriebene Form von ‹Ich bin’s› ohne tiefere Bedeutung.»

Soviel zum Jugendwort des Jahres 2017. Was mich angeht, so wurde ich kürzlich «Pissnelke» genannt. Die «Pissnelke» ist, gemäss Wikipedia, ein «derbes Schimpfwort, das aber nichts Besonderes bedeutet». Angesichts geläufiger Schimpfwörter wie «Wichser» oder «Arschloch», die ich öfter höre, war ich etwas verwirrt. Pissnelke? Das klingt wie aus einem 60er-Jahre-Film, als Hippies «Gammler» genannt wurden.

«Der Journalist nahm Anlauf, rammte mich und warf mich zu Boden.»

Der Mann, der mir das Wort «Pissnelke» ins Gesicht schrie, war ein Journalist in den mittleren Jahren. Er hatte mich am Tag nach dem Ende unseres Weltparlaments an der Berliner Schaubühne zum Interview getroffen, mir sogar eine Cola spendiert – offenbar hatte er sich vorgenommen, sich zu benehmen. Als er deshalb, plötzlich aufspringend, «Ich wusste schon immer, dass du ein verdammte Pissnelke bist» schrie, verwirrte mich das. Ich stand ebenfalls auf, um ihn zu beruhigen. Ein taktischer Fehler: Der Journalist nahm Anlauf, rammte mich und warf mich zu Boden. Dann verschwand er im nächtlichen Charlottenburg (in Jugendsprache übrigens «Opferburg» genannt).

Kein seltenes Ereignis in meinem Leben, wobei die Beschimpfungen meistens digital erfolgen. Denn Aufgabe des Künstlers ist es, in Gruben zu fallen, die er sich selbst gegraben hat. Als ich beispielsweise ein paar Tage zuvor einen türkischen Genozidleugner aus unserem Weltparlament warf, ging ein Shitstorm über mich nieder. Undemokratisch, ja ein Faschist sei ich, hiess es in den sozialen Medien und im rechtsbürgerlichen Feuilleton – vermutlich alles im Begriff «Pissnelke» enthaltene Qualitäten.

«Genauso gut könnten sie mit dem Volkswagen-Konzern über die Wiedereinführung der Pferdekutsche reden.»

Aber was wäre die Alternative? Genozidleugnern zuzuhören? «Wir bleiben gesprächsbereit», las ich gestern in einem Facebookpost der Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katrin Göring-Eckardt. Sie sah seltsam unglücklich, irgendwie schuldbewusst aus. Die deutschen Grünen sind bekanntlich gerade damit beschäftigt, mit der CDU und der neoliberalen FPD bei den Themen Klimapolitik, Migration und Gerechtigkeit auf einen Nenner zu kommen. «Merkeln» in Reinform: Genauso gut könnten sie mit dem Volkswagen-Konzern über die Wiedereinführung der Pferdekutsche reden.

Kurzum: Mir ist es lieber, man nennt mich Pissnelke, als dass man mit mir einen faulen Kompromiss sucht. Ich mag es, wenn Journalisten «gesprächsbereit» sind. Es ist aber auch okay, wenn sie gewaltbereit sind.

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