Flüchtlinge und die Sache mit dem Sex

Sexualität ist für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln. Die Behörden sprechen jedoch nur ungern darüber, Sexualkunde gehört nicht standardmässig zu den Integrationsprogrammen.

Erfahrungen in einem unbekannten Land: Sexualität ist für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln. Foto: Getty

Erfahrungen in einem unbekannten Land: Sexualität ist für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln. Foto: Getty

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Khaled* ist anders als die meisten seiner Freunde. «Ich wollte schon immer eine westliche Freundin», stellt er gleich klar. Der junge Muslim, den wir in einem Café treffen, sieht wie ein Snöber aus. Cool im Auftritt, locker im Gespräch. «Viele meiner Freunde wollen aber eine Jungfrau heiraten», meint der 22-Jährige achselzuckend. Wie sie das in der Schweiz realisieren ­wollen, ist ihm ein Rätsel.

Khaled stammt aus Syrien. Seit knapp eineinhalb Jahren lebt er in einer Asylunterkunft im Kanton Zürich. Seit einigen Monaten hat er eine Schweizer Freundin, die er bei seiner freiwilligen Übersetzungsarbeit kennen gelernt hat. «Für meine Freunde ist mein Lebensstil ziemlich irritierend», räumt er ein. Einmal haben Khaleds Kumpel beobachtet, wie seine Freundin ihre Kollegen zur Begrüssung auf die Wange küsst. «Sie warnten mich, ich dürfe das nicht tolerieren», berichtet Khaled amüsiert. Denn da, wo die meisten von ihnen herkommen, dürfen Männer Frauen je nachdem nicht einmal in die Augen schauen. Khaled räuspert sich. «Wissen Sie, viele meiner Kollegen sind noch Jungfrau.» Sie sind ­zwischen 17 und 28 Jahre alt.

Jacqueline Fellay-Jodan überrascht das nicht. «Sexualität an sich ist für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln», sagt die Sexualberaterin. Sie meint nicht Teenager, sondern Erwachsene. Die 53-Jährige gibt in Sion Aufklärungskurse für Migranten aus Afghanistan, Syrien, Iran oder Eritrea. Alle Flüchtlinge, die im Kanton Wallis ankommen oder leben, besuchen solche Kurse obligatorisch. Seit zehn Jahren machen die Walliser gute Erfahrungen damit.

Das sexuelle Unwissen ist teilweise dramatisch. Erwachsene junge Männer – die grösste Gruppe unter den Flüchtlingen – stellen der Kursleiterin Fragen, die bei uns 14-Jährige umtreiben. Warum habe ich am Morgen eine Erektion? Wird man vom Küssen schwanger? Kommen meine Kinder behindert zur Welt, wenn ich masturbiere? Nach zehn Jahren Praxis erschüttern Fellay-Jordan solche Fragen kaum. «Wo viel Unwissen ist, gibt es viele Mythen», hält sie nüchtern fest. Dass Masturbieren gefährlich sei und die Pille unfruchtbar mache, hört die Walliserin dauernd.

Sexualität sei Privatsache, finden die Behörden

Umso mehr verwundert es, dass Sexualkunde nicht standardmässig zu den kantonalen Integrationsprogrammen (KIP) gehört – genauso wie die Aufklärung über Pflichten (Abfallentsorgung), Verbote (häusliche Gewalt) und Rechte (Gleichberechtigung). Der Kanton Wallis ist mit seiner Integrationspraxis eine Ausnahme. In ­anderen Kantonen, darunter Bern und Zürich, gibt es keine obliga­torischen Sexualkundekurse. Aber wie soll man sich in eine aufgeklärte Gesellschaft integrieren, wenn man nicht dasselbe Wissen hat?

«Verhütung, Schwangerschaft, Abtreibung und weibliche Genitalverstümmelung werden in der Integrationsförderung aktiv angesprochen», heisst es beim Sekretariat für Migration. Und Sexualkunde? Fragt man bei den zuständigen kantonalen Behörden und Organisationen nach, lautet der Tenor überall gleich: Sexuelle Aufklärung sei wichtig für die Integration, aber man könne sie nicht standardmässig einführen, weil nicht alle Migranten diesbezüglich dasselbe Bedürfnis hätten und Sex Privatsache sei. Das stimmt aber nur bedingt: Viele öffentliche Konflikte zwischen Männern und Frauen sind sexuell motiviert, man denke etwa an die #MeToo-Debatte und die Kölner Silversternacht.

In der Regel können Flüchtlinge kantonale Beratungsangebote nutzen, wenn sie sich über Sexualität informieren möchten. Aber natürlich tun das nicht alle. Khaleds Freunde haben noch nie eine Sexualberatung besucht – obwohl sie sicher Interesse hätten, ist Khaled überzeugt. Wie er selbst wurden sie bloss über Geschlechtskrankheiten aufgeklärt.

Im Kanton Wallis macht Jacqueline Fellay-Jordan indes gleich zu Beginn ihres Kurses klar: «Wir werden sehr ehrlich miteinander sein müssen, wenn Sie in der Schweiz leben wollen.» Gnadenlos konkret erklärt sie den Männern zuerst ihren eigenen Körper anhand eines Penismodells. Warum bekommt man eine Erektion? Wo entsteht Sperma? Weshalb kann man nach der Ejakulation schlecht pinkeln? Danach nimmt sie den weiblichen Körper unter die Lupe. Sie erklärt, wie Befruchtung geht, wo Babys entstehen, wo die Vagina ist. «Klar werden einige rot, für die meisten ist es komplettes Neuland, aber wir lachen auch viel.»

Schweizer Frauen werden vor allem begafft

Alle Teilnehmer können den Kurs verlassen, wenn es ihnen zu viel wird. «Aber 95 Prozent bleiben bis zum Schluss.» Besonders spannend finden die Kursteilnehmer die Ausführungen über die weibliche Lust. Bei der Stimulation der Klitoris hat Fellay-Jordan die ungeteilte Aufmerksamkeit. «Sie alle wollen gute Liebhaber sein», sagt sie schmunzelnd. Doch sie warnt auch: «Dies ist nur die Theorie. Im wahren ­Leben sind Sexualität und Partnerschaft viel komplizierter.»

Khaled und seine Freunde kennen diese Realität nur allzu gut. Die meisten von ihnen leben abgeschottet in Asylunterkünften, sie sprechen kaum Deutsch. Zudem, sagt Khaled, wüssten viele gar nicht, wie man hier flirtet. Dating kennen sie aus ihrer Heimat nicht. In Syrien flirte man vor allem mit Blickkontakt, weil immer die Gefahr bestehe, dass der Bruder des Mädchens um die Ecke kommen und die Situation eskalieren könnte. «Wenn wir hier Mädchen anstarren, ohne sie anzusprechen, bekommen sie Angst.» Der Flirtversuch scheitert so gut wie immer.

Oft bleibt es deshalb beim blossen Begaffen von Schweizer Frauen. Der Sommer sei die beste Zeit, berichtet Khaled. «In der Badi ­sehen meine Kollegen live, was sie sonst vom Handy kennen.» Khaled findet das nicht okay, aber er versteht die Motive. Freizügigkeit verführt. Und sie frustriert, wenn man selber ausgeschlossen ist. Denn gegen Sex vor der Ehe (mit einer Jungfrau) hätten viele nichts einzuwenden, so Khaled. Allerdings können die wenigsten dieses Bedürfnis befriedigen. Meist bleibt es beim Pornokonsum auf dem Handy. Manche von Khaleds Freunden versuchen, Frauen mit Alkohol und Drogen zu ködern, weil sie denken, sonst keine Chance zu haben. Meist treffen sie Frauen, die selbst am Rande der Gesellschaft leben. Khaled erzählt auch von einem Freund, der Frauen über Social Media kennen lernt. Allerdings könnten diese seine Mütter sein. «Er fühlt sich ohne seine Familie einsam, und Sex mit älteren Frauen ist besser als gar keine Intimität.»

Auch Schweizer sind ehrenhafte Menschen

Kursleiterin Jacqueline Fellay-Jordan kann Khaleds Erzählungen bestätigen. «Die Flüchtlinge haben es schwer. Einerseits haben sie ­sexuelle Bedürfnisse, andererseits fürchten sie um ihren Ruf», erklärt die Sexualberaterin. Erfahren die Eltern in der Heimat, dass sie eine Beziehung mit einer Schweizerin führen und Sex vor der Ehe haben, gibt es oft Streit. Und wenn es die Gemeinschaft mitbekommt, fällt die ganze Familie in Ungnade. Auch deshalb, sagt Khaled, hätten viele eine falsche Vorstellung von westlichen Frauen. «Sie denken, weil viele junge Schweizerinnen keine Jungfrauen mehr sind, seien sie unrein.» Natürlich wissen Khaleds Freunde bestens, dass Frauen hier gleichberechtigt sind. Im Alltag kommen sie oft mit Frauen – Ärztinnen, Polizistinnen, Verkäuferinnen – in Kontakt. Aber sie haben keine Vorstellung davon, wie man eine gleichberechtigte Liebesbeziehung führt.

Kommt hinzu, dass unser serielles Beziehungsmodell in vielen Ländern unüblich ist. «Die meisten werden früh verheiratet und schlafen ein Leben lang mit derselben Frau. Oder sie gehen regelmässig zu Prostituierten. Es gibt vor allem ein Entweder-oder», sagt Fellay-Jordan. Dass der Durchschnittsschweizer mehrere Liebespartner im Leben hat, müssen die Flüchtlinge überhaupt erst als nicht sündhaftes Beziehungsverhalten begreifen. «In meinen Kursen spreche ich deshalb viel über den Ehrbegriff, weil er ein zentraler Wert für Flüchtlinge ist», sagt Fellay-Jordan. Sie versuche zu erläutern, dass auch wir ehrenhafte Menschen seien. «Und ich stelle klar, dass Jungfräulichkeit vor der Ehe bei uns nichts mit Ehre zu tun hat.»

Trotzdem wollen so gut wie alle eine Jungfrau heiraten. Am liebsten aus dem eigenen Land. «Das ist ein natürlicher Reflex», findet Fellay-Jordan. Traditionen lasse man nach einem vierstündigen Kurs nicht einfach los. «Wenn ich die jungen Männer aber frage, wen ihre Kinder heiraten werden, herrscht oft Ratlosigkeit.» Spätestens da konfrontiert sie die Flüchtlinge mit der Kehrseite der Medaille. «Wenn man emigriert, gewinnt man Freiheit und Sicherheit. Aber man verliert einen Teil seiner Kultur. Das ist der Preis der Emigration.»

* Name der Redaktion bekannt

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 21:36 Uhr

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