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Fahrbares Rütli

Markus Somm über den Kult um die SBB.

Es gehört vielleicht zu den Meisterleistungen der schweizerischen Linken, dass sie aus den Staatsbetrieben – diesen früher etwas bünzligen, wenn auch durchaus geschätzten Anstalten – Unternehmen gemacht hat, die manchem Schweizer nun als Essenz des Schweizertums erscheinen. Ob SBB, SRG oder Heilige Post: Der kluge Patriot fährt im Zuge, wer die Schweiz liebt, liebt das Postauto, wer sich um den Zusammenhalt unseres vielsprachigen Landes sorgt, sorgt sich um die SRG: Die Staatsbetriebe erlauben eine Art Ersatz-Patriotismus, der als anständig gilt, während der Wunsch etwa, die eigene Demokratie zu bewahren, Stichwort Souveränität, inzwischen als isolationistische Geistesverwirrung betrachtet wird. Ich kann mich gut erinnern, wie der legendäre Solothurner Ständerat Ernst Leuenberger von der SP, genannt Aschi, in einer «Arena» die Bürgerlichen vor einem zu weit gehenden Abbau der Poststellen warnte: Wir werden jeden Briefkasten, jeden Bus und jedes Postfach rot-weiss anmalen, sagte er sinngemäss, und man sah es seinen politischen Gegnern an, wie ihnen virtuell die Knie schon schlotterten. Wer wagte es, der eigenen Grossmutter den Briefkasten zuzusperren?

Als diese Woche Andreas Meyer, der Chef der SBB, seine Demission ankündigte, musste ich an diese phänomenale Umdeutung der Staatsbetriebe denken: Ein CEO tritt ab, wie es oft genug geschieht, und die Medien behandeln diese Personalie, als hätte sich die gesamte Regierung in Pension begeben. Alarm in Bern, wer rettet die SBB? Das soll keine Kritik an den Kollegen bedeuten, im Gegenteil, sie berichten, was ihre Kunden, die Leser und Hörer, fesselt, wie sie hoffen, und sie dürften richtig liegen. In den vergangenen ­Jahren wurden insbesondere die SBB zum fahrbaren Rütli umgeschrieben, auf eine Art und Weise, die selbst die Schöpfer der Geistigen Landesverteidigung beeindruckt ­hätte. Gewiss, zu einem wesentlichen Teil mag das damit zu tun haben, dass jene Institution, die wie keine andere die Eidgenossenschaft verkörpert hat, nicht mehr das ist, was sie einmal war: Die Schweizer Armee wurde seit 1989, als der Krieg angeblich für immer überwunden wurde, Jahr für Jahr zurückgebaut und vor allem kommunikativ abgeschafft. Wer in den WK fuhr, galt plötzlich als sonderbarer Mensch, ­junge Männer begannen sich bei ihren Freundinnen zu entschuldigen, wenn sie weitermachen wollten, was sie dann auch nicht taten; Bunker, Gamellen, Panzer: Vieles wurde am Ende verkauft, bevor es geistig längst eingemottet worden war. Ohne in einer einzigen Schlacht zu siegen, hatte die GSoA, so schien es, den Krieg gewonnen.

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