«Es ist wichtig, dass Prominente zu ihrer Depression stehen»

Die Leitende Ärztin Annette Brühl wünscht sich einen sachlicheren Umgang mit psychischen Krankheiten und Psychopharmaka.

Wichtige Entdeckungen bei den Medikamenten gegen Depressionen liegen Jahre zurück. Foto: Getty Images

Wichtige Entdeckungen bei den Medikamenten gegen Depressionen liegen Jahre zurück. Foto: Getty Images

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Viele Menschen leiden an Depressionen. Doch die Medikamente, die ihnen helfen sollen, haben keinen guten Ruf. Letzte Woche erschien im Fachmagazin «Lancet» eine grosse Studie zur Frage, wie gut Antidepressiva wirken. Die Autoren fassten dabei rund 500 bereits bestehende Arbeiten zum Thema zusammen. Annette Brühl leitet das Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und hat täglich mit Betroffenen zu tun.

Was halten Sie von der neuen Studie zur Wirksamkeit?
Ich finde sie sehr positiv. Die Studie belegt, was wir aus unserem klinischen Alltag sowieso schon wissen: Antidepressiva wirken.

Sie wirken, aber nicht bei jedem und nicht immer gleich. Viele Betroffene müssen mehrere Medikamente ausprobieren, bis eines hilft. Warum ist es so schwierig, das richtige Mittel für den jeweiligen Patienten zu finden?
Das ist ein wichtiges Thema in der Psychiatrie und betrifft nicht nur die Therapie von Depressionen, ganz ähnlich ist es auch bei der ­Behandlung von Schizophrenien.

Woran liegt das?
Es liegt unter anderem daran, wie wir in der Psychiatrie Diagnosen stellen. Im Zentrum steht das Gespräch mit dem Patienten und wie er seine Symptome schildert. Doch hinter den gleichen Symptomen können sich verschiedene Krankheiten verstecken. Es gibt nicht einfach die Depression.

Sondern?
Depression ist eher ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Störungen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Es läuft viel Forschung zu diesen Fragen, aber es gibt noch keine definitiven Antworten. Deshalb brauchen wir noch bessere Werkzeuge bei der Diagnosestellung.

Wenn nicht über Gespräche, wie könnte ein Psychiater sonst noch Diagnosen stellen?
Es gibt verschiedene Ansätze. Mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG) kann man die Hirnströme messen, was gewisse Anhaltspunkte liefert. Auch bei uns in der Klinik läuft in diesem Bereich Forschung. Ausserdem lassen sich im Blut zum Beispiel Entzündungswerte messen.

«Eine Depression lässt das Gehirn schrumpfen, was bei Demenzkranken ebenfalls geschieht.»

Zu diesem Thema ist ­vergan­gene Woche eine ­weitere Studie erschienen. Sie zeigt, dass Depressionen, die lange unbehandelt bleiben, zu stärkeren Entzündungs­reaktionen im Gehirn führen. Das erhöht längerfristig auch das Risiko für Demenz­erkrankungen.
Ja. Eine Depression lässt das Gehirn schrumpfen, was bei Demenzkranken ebenfalls geschieht. Bei einer Depression erholt sich das Gehirn nach einer erfolgreichen Behandlung aber wieder.

Arbeiten die Forscher noch an weiteren Ansätzen?
Auch bei den Gentests laufen Versuche. Tatsächlich kommen Depressionen ja familiär gehäuft vor, es gibt also wohl eine gewisse genetische Disposition.

Wie bei vielen Krankheiten ist aber nicht einfach ein Gen verantwortlich.
Nein, es sind viele Gene involviert. Ein Gentest für das Ansprechen auf bestimmte Medikamente ist bereits auf dem Markt. Er kann aber nicht alle Fragen ­beantworten.

Was ist das für ein Gentest?
Der sogenannte ABCB1-Gentest gibt Anhaltspunkte dafür, wie gut die Blut-Hirn-Schranke bei einem Patienten funktioniert.

Warum ist das wichtig?
Die Blut-Hirn-Schranke ­verhindert, dass fremde ­Substanzen ins Hirn eindringen. Doch die Antidepressiva müssen genau dort ansetzen. Einfach erklärt, hat jeder Mensch eine Pumpe, die Substanzen draussen hält. Bei manchen funktioniert sie stärker als bei anderen. Das lässt sich mit dem Gentest feststellen. Diese Patienten brauchen eventuell höher do­sierte Medikamente oder solche, die von dieser Pumpe nicht befördert werden.

«Es werden zu wenig neue Medikamente entwickelt.»

Wichtige Entdeckungen bei den Medikamenten gegen Depressionen liegen Jahre zurück. Warum passiert da nicht mehr?
Auch das ist ein allgemeines Problem in der Psychiatrie. Es werden zu wenig neue Medikamente entwickelt.

Eigentlich wäre das doch ein grosser Markt.
Ja, aber auch ein schwieriger. Gerade weil es nicht einfach eine Ursache für eine Depression gibt, und es sehr individuell ist, wer auf welches Medikament anspricht. Am vielversprechendsten ist im Moment Ketamin. Bisher kann man das nur intravenös geben, aber es laufen Versuche mit einem Nasenspray und in Tablettenform.

Es wirkt sehr schnell?
Ja, innerhalb von rund 12 Stunden. Bei den bisherigen Antidepressiva dauert es etwa zehn Tage, bis Betroffene eine Besserung spüren. Medikamente gegen psychische Krankheiten haben ein Imageproblem. Kaum jemand jubelt über ein neues Antidepressivum. Es gibt höchstens Kritik an den Kosten.

Nicht nur die Medikamente, auch die psychischen Krankheiten haben ein Imageproblem.
Ja, aber das ändert sich gerade ein bisschen. Sehr wichtig für Betroffene ist es, dass auch Prominente zu ihrer Krankheit stehen und davon erzählen.

Die meisten erzählen aber lieber von einer Grippe als von der Depression, die sie plagt.
Gerade in der Arbeitswelt ist das ein grosses Problem. Dabei sprechen wir hier von einem Volks­leiden. Rund ein Drittel der Bevölkerung leidet irgendwann im Leben an einer Depression oder einer Angststörung. Es gäbe also mehr als genügend Gründe, offener darüber zu sprechen.

«Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch.»

Wie sollte man darüber reden?
Ich wünsche mir einen sachlichen Umgang mit dem Thema. Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch. Es nützt einem depressiven Menschen nichts, wenn Sie ihm sagen, ist doch alles nicht so schlimm, jetzt reiss dich doch mal zusammen.

Die Antidepressiva helfen zwar vielen Patienten. Warum aber gibt es noch immer rund 30 Prozent Betroffene, denen sie keine Besserung bringen?
Das wissen wir leider noch nicht. Aber die Medikamente sind nicht die einzige Behandlungsoption. Psychotherapien haben weiterhin einen hohen Stellenwert. Auch die Elektrokrampftherapie kann in manchen Fällen helfen.

In Internetforen liest man viele Schauergeschichten, wie schwierig es sei, die Anti­depressiva nach überstandener Erkrankung abzusetzen. Ist das ein grosses Problem?
Bei manchen Betroffenen gibt es Absetzsymptome. Aber darunter können beispielsweise auch Patienten leiden, die Mittel gegen Bluthochdruck absetzen. Wichtig ist, dass man die Medikamente nicht abrupt absetzt, sondern sie ganz langsam reduziert. Dann kann sich das Gehirn an die Veränderungen gewöhnen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 16:12 Uhr

Annette Brühl ist Leiterin des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

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