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Es hat sich gelohnt

Milo Rau über eine komplett chaotische Solidaritätsveranstaltung für Kirill Serebrennikow.

Gestern Samstag wäre mir in St. Petersburg beinah ein von der EU-Kommission verliehener «Europäischer Theaterpreis» überreicht worden. Beinah, weil ich selbst nicht dort war. Denn seit meinem Film «Die Moskauer Prozesse» vor fünf Jahren, eine Art Volksprozess gegen das aktuelle Regime, kann ich nicht mehr in Putins Reich einreisen. Wobei niemals offiziell bekannt gegeben wurde, dass ich auf der schwarzen Liste stehe. Irgendwie klappt es einfach nie.

Diesmal zum Beispiel war das erste Einladungsschreiben «inkorrekt», das zweite wurde wochenlang nicht bearbeitet. Erst einen halben Tag vor der Verleihung erhielt ich plötzlich die über­raschende Nachricht, ich könne auf die russische Botschaft in Antwerpen kommen. Nur war ich da leider gar nicht in Belgien. Und um nach St. Petersburg zu reisen, war es ­sowieso zu spät.

Einmal sagte mir ein russischer Botschaftsangestellter, als ich ihn nach dem Grund für meine Probleme fragte: «Sie können sich ja googeln.» Denn wer meinen Namen auf Russisch googelt, findet unter anderem auch Porträts von mir mit der Unterzeile: «Er hasst unser Land.» Was völlig absurd ist, denn kaum ein Land liebe ich so sehr wie Russland, schon als Kind lernte ich die Sprache Tolstois. Aber nicht jede Liebe ist gegenseitig: Als ich letztes Jahr ein Stück in Russland zeigen wollte, schaffte es nicht mal das Bühnenbild über die Grenze.

Niemand durfte über Kirill Serebrennikow ein Wort verlieren, gleichzeitig aber sollte die ­vereinende Kraft des europäischen Theaters gefeiert werden.

Doch das alles ist irrelevant angesichts der Tatsache, dass der oppositionelle russische Regisseur ­Kirill Serebrennikow, der den Europäischen Theaterpreis vor einem Jahr erhalten hat, momentan aufgrund grotesker Anklagen vor Gericht sitzt. Die Idee der EU-Kommission, ihre diesjährige Preiszeremonie gerade in Russland stattfinden zu lassen, führte deshalb zu folgender diplomatischer Verwicklung: Niemand durfte über Kirill Serebrennikow ein Wort verlieren, gleichzeitig aber sollte die ­vereinende, demokratische Kraft des europäischen Theaters gefeiert werden.

Als ich den Organisatoren deshalb Mitte der Woche meine Dankesrede schickte, war ihr Verhalten simpel: Sie brachen jeglichen Kontakt zu mir ab, Mails und Telefon­anrufe blieben unbeantwortet. Kein Wunder, denn die Rede war eine einzige Solidaritätskundgebung für Serebrennikow. Erst als ich sie schliesslich am Freitag veröffentlichte und ein Jurymitglied sie auf Russisch übersetzte, wurde der Druck zu gross. Bei der Verlesung selbst liess der Dolmetscher alle Passagen, die von Serebrennikow handelten, unübersetzt. Was in etwa so war, als würde man Tolstois «Anna Karenina» vorlesen, aber ohne Anna Karenina ein einziges Mal zu erwähnen.

So absurd war das, dass die Veranstaltung endlich zu dem wurde, was sie sein sollte: eine komplett chaotische Solidaritätsveranstaltung für Kirill Serebrennikow. Und auch wenn ich jetzt wohl ein paar weitere Jahre nicht nach Russland werde reisen können: Es hat sich gelohnt!

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