Zum Hauptinhalt springen

Er ist wieder da, wo die Tore fallen

Fussballexperte Marcel Reif kommentiert bald die Champions League für Teleclub – und findet es völlig in Ordnung, dass die Schweizer nicht mehr alle Spiele gratis sehen können.

Normalerweise neben und nicht auf dem Rasen: Fussballkommentator Marcel Reif in München. Bild: Jörg Fokuhl
Normalerweise neben und nicht auf dem Rasen: Fussballkommentator Marcel Reif in München. Bild: Jörg Fokuhl

Es war eine doppelte Zeitenwende im Schweizer Fussball: Erstmals haben sich die Young Boys für die Champions League qualifiziert. Und erstmals wurde die entscheidende Qualifikationspartie Zagreb - YB ausschliesslich im Bezahlfernsehen, bei Teleclub, live übertragen.

Mittendrin steht ein Mann, dessen Stimme jeder kennt, der sich für Fussball interessiert: Marcel Reif, der dieses Jahr sein Comeback als Experte in der Königsklasse gibt. Über Jahrzehnte erklärte er deutschen Zuschauern den Fussball. 1998 musste er in der Champions League anstelle des Spiels ein umgefallenes Tor («Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan») kommentieren und erhielt dafür zusammen mit Günther Jauch den Bayerischen Fernsehpreis.

Einen Fernsehpreis wird Teleclub für die erste Übertragung nicht gewinnen. Roman Kilchsperger moderierte charmant, und die Gäste waren kompetent. Allerdings war die Sendung auch überdimensioniert: Fünf Experten, neben Reif auch Rolf Fringer, Urs Meier, Mladen Petric und Pascal Zuberbühler, waren mindestens zwei zu viel. Und wieso genau Zuberbühler und Petric von einem Aussenstudio in Olten aus kommentierten, wird wohl für immer das Geheimnis von Teleclub bleiben.

Für seine Frau gibt er den Prinz Philip

Reif zieht eine positive Bilanz: «So wie ich mir das vorstelle», sei das gewesen, sagt der Mann, der schon den ersten Champions-League-Final 1993 kommentierte. Die Kritik am Aussenstudio in Olten lässt er aber gelten: «Daran arbeiten wir noch.»

Viele Fussballfans regten sich darüber auf, dass sie die Liveübertragung des Champions-League-Qualifikationsspiels nicht mehr gratis im Schweizer Fernsehen schauen konnten. Reif, der seine Karriere auch dem Bezahlfernsehen zu verdanken hat, sagt: «Champions-League-Spiele gehören nicht zum Service public». Das Schweizer Fernsehen könne nicht Zwangsgebühren kassieren und gleichzeitig die Privaten bei exklusiven Sportübertragungen konkurrenzieren. Das öffentlich-rechtliche Programm solle sich auf Bildung und Kultur konzentrieren.

Während er das sagt, gerät er kurz aus dem Gleichgewicht, weil die Bücherschachtel, auf der er sitzt, einbricht. Der 68-Jährige ist im Büro der Wohnung seiner Frau in München. Er wohnt mit seinen zwei Söhnen aus zweiter Ehe in Rüschlikon ZH, hilft heute aber seiner Frau, mit der er eine Fernbeziehung führt, beim Umzug.

Marion Kiechle, seine dritte Frau, ist bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst (CSU). Er lernte sie über einen Freund an einem Deep-Purple-Konzert in Zürich kennen, wo sie zufällig zu Besuch war. Heute begleitet er sie oft an Empfänge, wo er die Prinz-Philip-Rolle einnimmt: «Ein halber Meter hinter ihr, still, die Arme verschränkt.»

Angefangen hat alles auf einer Tribüne in Warschau

Einige Bilder hat Reif in die neue Wohnung seiner Frau mitgenommen. Etwa eine Zeichnung, auf welcher der polnische Spieler Lucian Brychczy und das Stadion von Legia Warschau abgebildet sind. «Da, auf dieser Tribüne hat alles angefangen», sagt Reif. Er kann sich noch daran erinnern, wie er zusammen mit seinem Vater im Alter von vier Jahren das Spiel anschaute.

Reifs Vater war ein polnischer Jude. Er wurde vom Unternehmer Berthold Beitz aus dem Güterwagen geholt, der ihn ins Vernichtungslager hätte bringen sollen. Darüber gesprochen hat Reif mit seinem 1994 verstorbenen Vater nie. «Er hat uns das sehr wahrscheinlich verheimlicht, damit wir unbeschwert in Deutschland aufwachsen konnten», sagt Marcel Reif. «Sonst hätten wir überall nur potenzielle Mörder gesehen.»

Der Kommentatorenjob erlaube es ihm, auch im Alter von 68 noch die gleichen Emotionen zu spüren, die ich auch als Kind beim Fussballschauen hatte. In welchem Beruf wäre das sonst möglich? Seine ungebrochene Freude am Fussball schimmert auch durch, wenn er über die Champions-League-Gegner der Berner spricht: Manchester United, Juventus Turin, Valencia. Eine attraktivere Gruppe hätte er sich nicht ausdenken können. «Die Young Boys müssen das jetzt einfach geniessen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch