Der Vulkan, der Napoleon besiegte

Der Ausbruch des Tambora sorgte für sintflutartige Regenfälle – unt entschied die Schlacht von Waterloo mit.

Gemälde der Schlacht von Waterloo 1815: Im Schlamm kam die französische Kavallerie schlecht voran. Bild: akg-images

Gemälde der Schlacht von Waterloo 1815: Im Schlamm kam die französische Kavallerie schlecht voran. Bild: akg-images

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Es regnete die ganze Nacht. Als der Morgen des 18. Juni 1815 anbrach, waren Napoleons Truppen völlig durchnässt. Doch nicht nur die Soldaten und ihre Ausrüstung waren nass, auch der Boden nahe Waterloo hatte sich mit Wasser vollgesogen. Der Angriff, den Napoleon auf die Stellungen der Alliierten geplant hatte, verzögerte sich um Stunden. Entschei­dende Stunden. Die preussischen Truppen waren im Anmarsch, um die Engländer und Niederländer zu unterstützen. Gemeinsam besiegten sie die Franzosen.

Im März 1815 war Napoleon aus dem Exil nach Frankreich zurückgekehrt. Doch er hielt sich nicht an sein Versprechen, die 1792 festgelegten Grenzen mit den Nachbarstaaten zu respektieren, und liess seine Truppen in Richtung Nordosten marschieren. Dort überraschte er die britisch-niederländischen Truppen und konnte einige Erfolge erringen. Die Entscheidung gegen die Alliierten sollte schliesslich in der Nähe des Städtchens Waterloo fallen, das im heutigen Belgien liegt.

Das Wetter behinderte Napoleons Armee jedoch gleich doppelt. Einige der alliierten Stellungen lagen auf Hügeln, im Schlamm kam die französische Kavallerie schlecht voran. Was jedoch viel schwerer wog: Die Franzosen waren wegen des Wetters verspätet aufgebrochen, deshalb gelang es den herannahenden Preussen im entscheidenden Moment, ins Schlacht­geschehen einzugreifen.

Vulkanasche legt sich wie ein Filter vor die Sonne

Dass das schlechte Wetter bei Napoleons letzter Schlacht eine wichtige Rolle gespielt hatte, haben bereits mehrere Historiker erwähnt. Der britische Forscher Matthew Genge vom Imperial College London schlägt in seiner neusten Studie nun eine plausible Erklärung vor, warum der Dauerregen Napoleon die Schlacht vermasselte. Schuld war demnach der indonesische Vulkan Tambora fernab von Frankreich – und ein nun erstmals nachgewiesener, kurzzeitiger Effekt dieser Eruption.

Genge ist nicht Historiker, sondern Geologe. Napoleons Waterloo dient ihm als Beispiel, denn eigentlich geht es in seinen Forschungen um etwas anderes: die kurzfristigen Auswirkungen eines heftigen Vulkanausbruchs auf das Wetter. Besonderes Augenmerk legt Genge auf die elektrische Spannung, die ein heftiger Ausbruch erzeugen kann. Man nennt dieses Phänomen auch Eruptionsgewitter. Diese treten lokal um den Ausbruch auf und können sehr kräftig sein. Berichte davon sind schon vom Ausbruch des Vesuvs in Italien aus dem ersten Jahrhundert nach Christus überliefert.

Was Genge nun gezeigt hat: Die elektrische Spannung hat nicht nur lokale Folgen. Winzige Partikel gelangen in viel höhere Schichten als bisher angenommen. Laut Genges Berechnungen könnten Teilchen, die kleiner sind als 0,2 Millionstel Meter im Durchmesser, es durch die Spannung in Höhen bis zu 100 Kilometern schaffen – weit über die Stratosphäre hinaus, die von rund 15 bis 50 Kilometer Höhe reicht. Das geschieht, wenn sich Rauchschwaden und Aschepartikel negativ aufladen und voneinander abstossen, ähnlich, wie das zwei gleich gepolte Magnete tun. Dadurch wird die Asche hoch in die Atmosphäre geschleudert.

Mehr als 100'000 Menschen starben

Dass Partikel von Vulkanausbrüchen unerwartete Folgen haben können, wissen die Menschen in Europa spätestens seit dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010. Die Asche dieses Vulkans im Süden Islands legte den Flugverkehr in Europa lahm.

Auch die längerfristigen Folgen einer starken Eruption sind bekannt. Die Vulkanasche und Schwefeldioxid lagern sich in der Stratosphäre ab und legen sich wie ein Filter vor die Sonne. Kalte, regnerische Sommer und Ernteausfälle können die Folge sein.

Der Vulkan Tambora war im April 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa ausgebrochen. Es war ein sehr heftiger Ausbruch, einer der heftigsten der letzten Jahrtausende. Mehr als 100'000 Menschen starben.

Ernteausfälle und Hungersnöte

Das folgende Jahr 1816 ging als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein. Auch in der Schweiz litten die Menschen Hunger. Die Temperaturen von Mai bis September 1816 lagen rund drei bis vier Grad unter dem Durchschnitt, es fielen heftige Niederschläge. Auch in den Sommermonaten schneite es bis auf 700 Meter Höhe herunter.

Die Geschichtsschreibung hat sich bisher erst vereinzelt mit den Auswirkungen des Klimas oder Wetters auf historische Ereignisse beschäftigt. Relativ einig sind sich die Historiker darin, dass die sogenannte Kleine Eiszeit in der frühen Neuzeit weitreichende Folgen für die Menschen hatte. Auch hier gab es Ernteausfälle und Hungersnöte, die unter anderem auch den Dreissigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 mitprägten. Warum es zu der Kleinen Eiszeit kam, ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt nun aber weitere Hinweise darauf, auf welche unterschiedliche Weise Vulkanausbrüche das Wetter und das Klima beeinflussen können.

«Nach einem verheerenden Ausbruch mit vielen Toten ist das schlechte Wetter vielleicht nicht die Hauptsorge der Menschen. Ausser es hat einen Einfluss auf etwas so Entscheidendes wie eine grosse Schlacht», sagt Genge. Auf seine Studie hat der Londoner Forscher verschiedene Reaktionen bekommen. So mancher Hobbyhistoriker habe ihm vorgeworfen, Napoleon in Schutz zu nehmen. «Man hat mich sogar beschuldigt, ich sei unpatriotisch. Aber das waren vermutlich Menschen, die für den Brexit gestimmt haben.»

* Dieser Artikel erschien am 2. September 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.09.2018, 16:59 Uhr

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