Zum Hauptinhalt springen

Die verirrte Stadt

Das norwegische Tromsø liegt im winterlichen Nichts jenseits des Polarkreises – und zieht die Freunde der Nordlichter magisch an.

Röhrende Motorschlitten, tanzende Nordlichter: Tromsø, an einem Fjord gelegen, ist die Stadt der Rekorde, wovon auch die nördlichste Kathedrale der Welt zeugt. Fotos: laif (2), Oliver Ritz
Röhrende Motorschlitten, tanzende Nordlichter: Tromsø, an einem Fjord gelegen, ist die Stadt der Rekorde, wovon auch die nördlichste Kathedrale der Welt zeugt. Fotos: laif (2), Oliver Ritz

Nach kaum 300 Metern steht der Konvoi zum ersten Mal. Die Motoren der Schneemobile tuckern leise. Die Piloten recken die Köpfe, um zu sehen, was los ist. Weit vor uns ist eine junge Frau mit ihrem Gefährt vom Pfad abgekommen und steckt im Tiefschnee fest.

Eine halbe Stunde zuvor hatte uns der junge Guide gewarnt: «Normalerweise stürzt niemand vom Schneemobil, aber heute kann es passieren.» In der Nacht hat es geschneit, die Landschaft um den kleinen Ort Svensby im Norden Norwegens ist wie in Watte gepackt. «Die Bedingungen sind schwierig», hören wir, «bleibt in der Spur und lehnt euch in den Kurven nach innen. Gas gebt ihr mit dem rechten Daumen.» Die Füsse stecken in gefütterten Stiefeln, auf dem Kopf sitzt ein Helm und alles dazwischen ist in einen schweren Overall eingepackt. Schon bei leichtem Betätigen des Gashebels brummt der Motorschlitten los. In gemächlichem Tempo bewegt sich die Kolonne durch den Wald. Bis die junge Schöne aus der Spur gerät, und der Guide sich ein erstes Mal um einen feststeckenden Schlitten kümmern muss.

Als alle wieder im Sattel sitzen, geht es weiter. Wenn man dem Vordermann etwas Vorsprung lässt und den Gashebel fester betätigt, erahnt man, wozu das Gefährt fähig ist: Der Motor wird lauter, und die Bäume am Wegrand fliegen nur so vorbei.

Auf halbem Weg gibt es eine Pause. Der Guide verteilt Becher mit heisser Schokolade. Während die andern trinken, posiert die junge Frau, die als Erste in den Schnee fiel, auf ihrem Motorschlitten für Selfies und berichtet, wie viele Ins­tagram-Follower sie habe. Die Aussicht von der Anhöhe ist atemberaubend: Unten liegt schwarz der Fjord, dahinter erheben sich die schneebedeckten Berge – unten noch ein Streifen Wald, oben nur noch glitzernder Fels und Schnee.

Eine Trottoirheizung hält auch im tiefsten Winter Gehwege frei

Hinter den Bergen, 30 Kilometer von Svensby entfernt, liegt Tromsø, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Es hat nur 75'000 Einwohner und ist doch die achtgrösste Stadt Norwegens. Aus der Ferne betrachtet, sieht Tromsø aus, als hätte sich die Stadt verirrt. Umgeben von nichts als Wasser und Schnee liegt Tromsø an den Ufern eines Fjords – eine Hälfte auf dem Festland, die andere auf einer Insel, verbunden durch eine Brücke. Betritt man die Stadt, erkennt man, wie es den Norwegern gelingt, der winterlichen Einöde einen Hauch von Geborgenheit abzutrotzen. Trottoirheizungen sorgen dafür, dass die Gehwege selbst im tiefsten Winter eisfrei bleiben. Eine üppige Strassen- und Hausbeleuchtung spendet Licht, wenn es in der Polarnacht von Ende November bis Mitte Januar praktisch dunkel bleibt.

Vieles, was es in Tromsø gibt, findet man weiter im Norden nicht mehr. So wirbt die Stadt mit der nördlichsten Kathedrale und der nördlichsten Brauerei der Welt. Ausserdem proben mehrere nördlichste Orchester, und auch das nördlichste Filmfestival der Welt findet hier statt. Die extreme geografische Lage dient nicht nur als Superlativ in Werbeprospekten, sie hat auch Auswirkungen auf Forschung, Tourismus und Technik.

An der Universität Tromsø (natürlich die nördlichste der Welt) werden die Folgen der Polarnacht und das Polarlicht erforscht. Mit Letzterem befasst sich der Physiker und ehemalige Professor Torsten Aslaksen. Sowie er das Restaurant betritt, wird einem die Lage der Stadt wieder bewusst. Eben hat man den letzten Bissen Elchsteak genossen, der Wein und die grosszügig aufgedrehte Heizung haben das Gesicht erglühen lassen, nun treten dank Aslaksen wieder der Winter und die Kälte in das Bewusstsein. Er trägt massive Stiefel und einen Overall, so dick wie eine Bettdecke.

Mit dem Auto geht es über die Brücke hinüber aufs Festland und mit der Luftseilbahn auf den Storsteinen, Tromsøs Hausberg. Hell erleuchtet liegt die Stadt unter uns. Doch Aslaksens Blick richtet sich nicht auf das Lichtgefunkel, sondern nach oben. «Vielleicht verziehen sich die Wolken noch», sagt er.

Ein kalter Wind weht über den Berg, auf dem man sich vorkommt, wie am Ende der Welt. Dicke Wolken verdecken den Nachthimmel und erwecken keinesfalls den Eindruck, als wollten sie bald weichen. Aslaksen nutzt die Wartezeit zur Wissensvermittlung.

Aurora borealis und der Hang zum Zweckoptimismus

Er erklärt, wie das Polarlicht entsteht, spricht von Sonnenwinden und von beschleunigten geladenen Teilchen. Er beschreibt die Formen und Farben, die es annehmen kann, und lässt seine Zuhörer wissen, dass Tromsø auf einem Gürtel rund um den Nordpol liegt, an dem das Phänomen besonders häufig auftritt. Aslaksen nennt das Polarlicht beim wissenschaftlichen Namen: Aurora borealis. Wenn er die zwei Worte ausspricht, klingt es, als spräche er von einem guten Freund.

Norweger, die Gästen das Polarlicht zeigen wollen, haben einen Hang zum Zweckoptimismus. «Es kann jederzeit aufreissen», sagt Aslaksen. Eine kurze Aufregung wegen eines hellen Flecks in den Wolken, der sich alsbald als Mondschein herausstellt, bleibt das einzige Highlight auf dem Storsteinen in dieser Nacht.

Tromsø hat sich zu einem Hotspot der Polarlichtfans entwickelt. Charterflugzeuge aus aller Welt steuern den kleinen Airport auf der anderen Seite der Insel an. Auffallend viele Gäste kommen aus Asien. Der Grund: In einigen asiatischen Ländern werden dem Polarlicht wundersame Wirkungen zugeschrieben. So soll es fruchtbar machen. Und Kinder, die unter dem Polarlicht gezeugt werden, sollen besonders schön, stark und klug sein. Viele asiatische Gäste kommen nur für eine einzige Nacht nach Tromsø. Wie gross muss die Enttäuschung sein, wenn sie auf dem Storsteinen stehen, und das Polarlicht ausbleibt.

Ein magisches grünes Leuchten

Wir versuchen es am nächsten Abend erneut. Diesmal in einer Bucht, eine Autostunde von Tromsø entfernt. Vom Parkplatz aus steigen wir eine Böschung hinab zum schneebedeckten Strand. Der Mond scheint hell, was die Chancen mindert, das Polarlicht zu sehen. Immerhin, die Sicht in den Himmel ist frei. Erst ist nichts Ungewöhnliches auszumachen.

Doch dann bildet sich über dem Bergkamm ein grünlicher Streifen. Erst kaum wahrnehmbar, bald immer deutlicher zeigt sich die Aurora borealis. Aus einem Streifen werden zwei, die sich zu einem breiten Band vereinen. Ein magisches grünes Leuchten entsteht. Einen Moment lang vergisst man die Welt und staunt in den erleuchteten Nachthimmel. Dann wird der Streifen kleiner. Wenig später ist er verschwunden.

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki Reisen

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch