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Die Stimme aus dem Jenseits

Die Cranberries nehmen Abschied von ihrer verstorbenen Sängerin Dolores O’Riordan.

Dolores O’Riordan beieinem Auftritt im Sommer 2016 in Cognac. Foto: AFP
Dolores O’Riordan beieinem Auftritt im Sommer 2016 in Cognac. Foto: AFP

Sie fühlte sich wieder besser, nach Jahren, in denen Dolores O’Riordan mit Depressionen gekämpft hatte. Die Cranberries-Sängerin kaufte ein Haus in der Nähe ihrer irischen Heimatstadt Limerick, suchte die Möbel aus, um ihr neues Zuhause einzurichten. Doch wenig später, am 15. Januar 2018, wurde O’Riordan in einem Londoner Hotelzimmer tot aufgefunden. Sie wurde 46 Jahre alt. Todesursache: eine Überdosis Alkohol.

«Dolores freute sich auf ihre Zukunft und auf das Album, für das sie bereits Demos aufgenommen hatte, und befand sich auf dem Sprung nach vorne», erzählt Fergal Lawler, Schlagzeuger der Band, wenn er über die Zeit vor dem plötzlichen Tod von O’Riordan spricht. «Dolores befand sich in einer guten Phase ihres Lebens», sagt auch Bassist Michael Hogan beim Treffen in Zürich. Von dieser wiedergewonnenen Zuversicht erzählen die Songs, die auf dem neuen Cranberries-Album «In the End» zu hören sind. So wird das Album nur jene enttäuschen, die eine Todesahnung ausmachen wollen. «Einige Leute dachten ja, dass man in den Songs hören wird, dass mit ihr etwas passiert.»

Video: Ihre Stimme bleibt für immer im Kopf

Dolores O’Riordan hinterlässt vier Kinder. Video: Tamedia/Island Records

«In the End» basiert auf den Stimmaufnahmen O’Riordans, die sie in ihrer damaligen Wahlheimat New York eingesungen hatte und welche die Musiker auf verschiedenen Festplatten gefunden haben. Als sie diese entdeckten, spürten sie, dass sie einen Job machen mussten: «Dolores hat ihn begonnen, und wir wollten ihr – in Absprache mit ihrer Familie – gerecht werden.»

Mit «Zombie» waren sie eine der grössten Bands

Es ist ein feierlicher und auch rührender Abschied von einer Ausnahmesängerin geworden, weil Dolores O’Riordan auf ihren letzten Aufnahmen so singt wie auf den frühen Platten der Band. Eine Unschuld bestimmt lockere Songs wie «Got It» oder «Summer Song», man spürt aber auch die wiedergewonnene Kraft, die stärker ist als die Düsternis, die O’Riordan in «Lost» besingt, dem dunkelsten Song des Albums. Und dank der Süsse und auch dem Bittersüssen, das in den bereits veröffentlichten Singles zu hören ist, wähnt man sich beinahe zurück in den 90ern, als die Cranberries mit Hits wie «Zombie» eine der grössten Bands der Welt waren.

Wenn man über diese frühen Zeiten der Band spricht, dann erinnern sich die Musiker an Dolores O’Riordan als eine Person, die sehr scheu gewesen sei: «Dolores wusste aber, was sie für eine Stimme hatte, und vertraute auf sie», sagt Hogan. Das Scheue passte jedoch zu ihnen, weil ja auch sie, die irischen Buben, die sich zunächst mit Breakdancing und erst später mit Bands wie The Smiths oder The Cure befassten, sehr nervös und unsicher gewesen waren. Während ihrer ersten Tour auf dem europäischen Festland kam dann ein Telefon aus den USA: «Die College-Radiostationen spielten unseren Song ‹Linger›, und das Management wollte, dass wir rasch rüberflogen für eine Tour. Wir blieben sechs Monate lang», sagt Fergal Lawler.

Als sie wieder nach Dublin zurückreisten, merkten sie, dass sich in der Zwischenzeit etwas verändert hatte: «Am Flughafen warteten die Fans, die Journalisten, und natürlich war es viel leichter für uns, mit dieser neuen Berühmtheit umzugehen, als für Dolores, die stets im Zentrum stand.» Der Ruhm der Band wuchs noch an, als 1994 «No Need to Argue» erschienen ist, jenes Album mit dem Nordirlandkonflikt-Song «Zombie», der mit der Refrainzeile «In your head» für immer in den Köpfen bleiben wird. Das Album hat sich bis heute knapp 13 Millionen mal verkauft.

«Wir hätten nach ‹No Need to Argue› eine Pause einlegen müssen, aber es gab Druck, und so gingen wir wieder auf Tour.»

Fergal Lawler

Mit ihrer Pop-Rock-Spielart landeten die Cranberries damals zwischen den grossen Polen jener Zeit: Sie klangen nicht nach dem lebensmüden Grunge, der in den USA in jener Zeit bestimmend war. Und sie waren schon gar nicht Brit-Pop. Dennoch feierten sie auf beiden Kontinenten gleichzeitig Erfolge. Was das für eine Zeit war, sieht man etwa im Livemitschnitt von ihrem Auftritt am Woodstock-Jubiläumsfestival 1994. Da spielt die Band ihren frühen zarten Hit «Dreams» – und das junge Publikum lässt sich wie an einem Punkkonzert gehen. Michael Hogan erklärt den damaligen Erfolg mit der emotionalen Kraft, die Dolores O’Riordan ausgestrahlt hat, mit ihrer Stimme, in ihren Texten: «Immer wieder meldeten sich Fans bei uns, die sagten: ‹Dieser Song hat mir mein Leben gerettet.› Die Leute nahmen ihre Texte wirklich zu Herzen.»

Auf diese Hochzeiten folgten Tiefschläge: «Wir hätten nach ‹No Need to Argue› sicherlich eine Pause einlegen müssen», erinnert sich Fergal Lawler, «aber es gab Druck, und so gingen wir ins Studio und wieder auf Tour.» Erst später legten sie lange Pausen ein, die Band lag in den Nullerjahren gar sieben Jahre lang auf Eis. Sie wollen nicht von einem Zerwürfnis sprechen: «Unsere Band war wie eine Familie, mit guten und schlechten Zeiten, aber wir schrien uns nie an.»

«Wir werden sicher keineneue Sängerin suchen»

Die beiden Cranberries-Musiker erzählen dann von ihrer letzten Tour, als die Rückenschmerzen von O’Riordan immer stärker und weitere Konzerte verunmöglicht wurden – und erinnern an die Arbeit im Studio, als die Sängerin noch lebte: «Dolores nahm ihren Gesang immer in der Nacht auf, als wir mit unseren Teilen bereits fertig waren», sagt Hogan. Als die Musiker nun «In the End» fertigstellten und es jeweils Abend wurde, schauten sie immer wieder zur Tür, in der Erwartung, dass sie nun in den Raum eintreten wird. «Aber sie kam nicht.»

Die Trauer über den Verlust ist in diesen Momenten besonders nah und greifbar, auch wenn die Musiker überzeugt sind, dass Dolores O’Riordan glücklich wäre mit dem nun fertigen Album, mit dem die Bandgeschichte ein Ende findet. Definitiv? «Wir werden sicherlich keine neue Sängerin suchen – das wäre zu respektlos und schlicht nicht richtig. Dolores kann man nicht ersetzen», sagt Fergal Lawler. Er fügt an: «Ein paar Leute fragten, ob wir jemand neues suchen oder eine Hologramm-Tour machen, aber wir sagten, noo, no.»

The Cranberries: In the End (BMG/Phonag). Erscheint am 26. April.

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