Die schönste Leiche

In Cannes und am Pay-TV: Jetzt gibt es 18 neue Folgen der Kultserie «Twin Peaks». Aber was war damals genau mit Kaffee, Kirschkuchen und Horror – und was bedeutet es für heute?

Kyle MacLachlan als Agent Cooper (o.): Scharfsinniger Geist. Foto: Planet Photos

Kyle MacLachlan als Agent Cooper (o.): Scharfsinniger Geist. Foto: Planet Photos

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1. Laura Palmer
Mit ihrem Tod beginnt alles. Am 8. April 1990 wird die erste Folge der Serie «Twin Peaks» ausgestrahlt und gleich zu Beginn eine in Plastik eingewickelte Leiche aus dem Wasser gezogen. Wer hat die 17-jährige Schülerin umgebracht? Die Frage beschäftigt von da an Millionen am Bildschirm. Denn fast jeder aus der im pazifischen Nordwesten der USA gelegenen Kleinstadt kommt als Täter in­frage. Dort, in den Wäldern, leben nicht nur bizarre Menschen. Nein, es spukt auch, böse Geister gehören ebenso zum Personal der Serie wie ein rückwärts sprechender Zwerg. Nach etwas über der Hälfte der 30 Folgen ist zwar der Mörder enttarnt. Aber war er es wirklich? Und unter welchen Umständen? Das wurde niemals abschliessend beantwortet. Sheryl Lee, die Darstellerin von damals, macht in der Wiederaufnahme wieder mit. Heisst das, dass die Leiche lebt?

2. Die Beste
«Twin Peaks» gilt als beste und einflussreichste Serie der TV-Geschichte, sie hat alles verändert: ­Erzählgewohnheiten, Figurenzeichnung, Farbgebung. Ausgestrahlt wurde sie in zwei Staffeln 1990/1991, Serien wie «Despe­rate Housewives» und «Broadchurch» berufen sich bis heute auf sie. Natürlich besteht da auch die Angst, dass die neue Staffel einiges kaputt machen könnte. Aber wer nichts wagt . . .

Das neue «Twin Peaks» sieht die Rückkehr des FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan). Video: Showtime/Youtube

3. David Lynch
Beim Drehen von «Twin Peaks» stand der Regisseur auf dem Gipfel seines Ruhms: «Wild at Heart» lief bald in den Kinos, zwei Jahre zuvor hatte er die Welt mit einem abgeschnittenen Ohr im Gras in «Blue Velvet» in Angst versetzt. Heute ist alles anders. «Inland Empire», der letzte Film des 71-Jährigen, lief vor zehn Jahren (mit mässigem Erfolg) im Kino. Über den Inhalt der neuen Folgen will er kein Sterbenswort verraten. Nur etwas wiederholte er vor der heutigen TV-Premiere wie ein Man­tra: Fürs Kino will er nie mehr arbeiten, diese Zeiten seien für ihn endgültig vorbei.

4. Dale Cooper
Der Special Agent ist die eigentliche Hauptfigur der Serie, er wird nach Twin Peaks geschickt, um den Mord an Laura Palmer aufzuklären. Ein scharfsinniger Geist, der auch dem Okkulten nicht abgeneigt ist. Er hat täglich mit Verbrechen und Morden zu tun. Kann sich aber für die Kleinigkeiten des Landlebens begeistern: die Namen einer Tanne oder die Qualität des hausgemachten Kirschkuchens. Darsteller Kyle MacLachlan, damals ein grösserer Star als heute, ist auch bei der Neuauflage wieder dabei.

5. Verdammt guter Kaffee
Dieses Getränk schüttet Cooper ­literweise in sich rein. Und kann trotzdem jede Nacht prächtig schlafen und symbolisch träumen. Das ist denn auch das Einzige, was alle Beteiligten zur Fortsetzung verraten: «A damn fine cup of coffee» wird es wieder geben.

Sheryl Lee als Laura Palmer in «Twin Peaks» 1990: Sie ist 2017 wieder dabei. Foto: PD

6. Audrey Horne
Die coolste aller coolen Frauen unter den 51'201 Einwohnern – die Zahl steht auf dem Ortsschild – von Twin Peaks. Die Schulkollegin von Laura hängt im Hotel ihres Vaters herum und versucht Agent Cooper, der dort abgestiegen ist, um den Finger zu wickeln. Später landet sie in einem Bordell, wird heroinsüchtig gemacht und scheint doch immer die Fäden in der Hand zu haben. Drogen? Puff? Ja, unter der Oberfläche des friedlichen Städtchens ist vieles versteckt. Das wird sich – wetten? – bis heute nicht verändert haben. Und auch die Audrey-Darstellerin Sherilyn Fenn ist in der Neuauflage dabei.

7. Das Gute im Bösen
Das «Twin Peaks»-Prinzip geht so: Die Menschen – oder sagen wir es mal direkt: die Hinterwäldler – wirken harmlos. Dann kommt heraus, dass sie es faustdick hinter den Ohren haben und gierig zum eigenen Vorteil arbeiten. Aber damit ist es nicht zu Ende. Denn irgendwann schimmert der gute Kern dieser Menschen doch durch. Und sie stellen sich in den Dienst der Öffentlichkeit und von Agent Cooper. Damit sollten sich auch 2017 noch neue Geschichten erzählen lassen.

8. Mark Frost
David Lynch hat die Serie nicht allein kreiert, an seiner Seite stand dieser TV-Routinier, der viele Bücher zur Serie «Hill Street Blues» geschrieben hatte. Und sich auch 2017 wieder engagieren liess.

9. Log Lady Eine der vielen Absonderlichkeiten von «Twin Peaks». Diese Frau trägt ein Holzscheit wie ein Baby im Arm. Und das Scheit verrät ihr Geheimnisse. Eine Spinnerin? Nein, Agent Cooper hört auf sie. Und wird es weiter tun. Die Darstellerin Catherine Coulson starb zwar im September 2015. Soll aber einige Szenen für die neue Serie zu diesem Zeitpunkt schon abgedreht haben.

Vorankündigung der TV-Serie «Twin Peaks» 1990. Video: Youtube

10. 25 Jahre später
Die Fortsetzung kommt nicht aus dem Nichts. In der 30. und letzten «Twin Peaks»-Folge von 1991 begegnet Agent Cooper in einem roten Raum der toten Laura Palmer. Und sie prophezeit ihm: «Wir sehen uns in 25 Jahren wieder.» Die neue Serie hätte denn auch termingerecht vor einem Jahr starten sollen. Aber die Vorbereitungen erwiesen sich als schwierig, es kam zu Differenzen mit den Verantwortlichen des Pay-TV-Senders Showtime, einmal schmiss David Lynch den Bettel ganz hin und liess verlauten, er stehe nicht mehr zur Verfügung. Aber die Produzenten wussten, wie sie den Regisseur herumkriegen konnten. Er liebt, wie sein Special Agent, Kaffee und Kuchen, und in einer mit diesen Zutaten bereicherten Verhandlungsrunde holten sie ihn wieder. Sodass es jetzt eben nach 25 Jahren und einem mehr weitergeht.

11. Sheriff Truman
Aber nicht alles ist wie früher. Neue Darstellerinnen und Darsteller kommen dazu, Amanda Sey­fried zum Beispiel oder Naomi Watts. Und einige von früher fehlen. Allen voran der lokale Sheriff Harry S. Truman, die gute Seele des Orts und bald der beste Freund von Agent Cooper. Sein Darsteller Michael Ontkean hat sich offenbar ganz von der Schauspielerei zurückgezogen. Aber einen Sheriff namens Truman gibt es trotzdem auch in der 2017er-Version: Gespielt wird der Mann von Robert Forster («Jackie Brown»), der eigentlich schon vor 26 Jahren hätte dabei sein sollen, aber andere Verpflichtungen hatte.

12. Tödliches Schach
«Twin Peaks» war weltweit ein Strassenfeger, im deutschsprachigen Raum war die Serie ab September 1991 einer der ersten Erfolge auf dem «Tutti Frutti»-Privatsender RTL plus. Die Konkurrenz von Sat 1 versuchte, dem Publikum die Spannung zu verderben, indem der Sender den Namen des Mörders von Laura Palmer auf seiner Teletext-Seite verriet – was aber den Hype eher noch anheizte. Allerdings nahm das Pub­likumsinteresse überall nach dem Enttarnen des Mörders in der sechsten Folge der zweiten Staffel ab. Die Handlungsstränge wurden danach immer konfuser, Agent Cooper spielt zum Beispiel im wahrsten Sinn des Wortes tödliches Schach mit einem ehemaligen Partner. Es gab zahlreiche neue Verwicklungen, die nicht alle aufgelöst wurden. Vielleicht jetzt?

13. Fire Walk With Me
Viele Fans waren nach dem Ende der Serie unbefriedigt und erhofften sich Linderung vom Kinofilm «Twin Peaks: Fire Walk With Me», den David Lynch 1992 nachlieferte. Aber das war keine Fortsetzung, sondern spielte vorher – Laura Palmer lebt darin noch – und wirft mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Es gibt stellenweise keine logische Handlung mehr, sondern nur noch Atmosphäre, zum Beispiel, wenn Sänger David Bowie als vermisster Agent durch die Gänge der FBI-Büros läuft. Der Film fiel damals durch und dient heute als Warnung vor zu viel Freude auf das Kommende: David Lynch sagte, die 3. Staffel habe viel mit «Fire Walk With Me» zu tun.

14. Momente
Stimmung statt Handlung? Das gab es schon in den ersten «Twin Peaks»-Folgen und war oft grossartig. Wenn eine 35-Jährige sich urplötzlich in eine 17-jährige Schülerin mit übermenschlichen Kräften verwandelt. Oder wenn der schmierige Dorfkönig sich plötzlich für einen Südstaatengeneral hält. Oder wenn Albert, der zynischste aller FBI-Beamten, auf einmal dem Dorfsheriff eine – sehr ernst gemeinte – Liebeserklärung macht. So soll es auch 2017 sein.

15. Angelo Badalamenti
Der Hauskomponist von David Lynch schrieb für die Serie eine Musik, düster und geheimnisvoll wie die Bilder. Sie wurde auch zum Markenzeichen – und wehe, in der Neuauflage sind nicht Anklänge daran zu finden!

16. Isländer
Eine ganze Gruppe von Menschen mit einer fremden Sprache bricht manchmal in Twin Peaks ein, um ein Tourismusprojekt zu starten. Zuerst solche aus Island. Und später aus Norwegen. Das bietet Entwicklungsmöglichkeiten. Wie wärs mit Ungarn? Namibiern? Oder Ureinwohnern aus Patagonien?

17. Diane Keaton
Die Woody-Allen-Muse hatte 1991 ihre Finger auch im Spiel, aber nicht als Darstellerin, sondern als Regisseurin. Eine andere Folge inszenierte der Deutsche Uli Edel («Wir Kinder vom Bahnhof Zoo»). Weil er zwischenzeitlich mit Filmprojekten zu tun hatte, engagierte David Lynch nicht weniger als 13 Regisseurinnen und Regisseure. Das bereute er im Nachhinein öffentlich («Wir haben alle einen andern Stil»). Für die 3. Staffel inszenierte er nun alle 18 Folgen höchstpersönlich. Vernachlässigt dabei aber seinen Einsatz als Darsteller nicht: Lynch wird wieder in der Rolle des schwerhörigen FBI-Bürochefs Gordon Cole zu sehen sein. Der laut spricht. GANZ LAUT.

18. Und jetzt?
Alles ist möglich. Und nichts. Sicher ist nur, mit welchem Spruch der Sender Showtime die Staffel vermarktet: «It is happening again.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2017, 21:48 Uhr

Nur auf Pay-TV

Die 3. Staffel von «Twin Peaks» hat heute Premiere auf dem Pay-TV-Sender Showtime in den USA und Sky in Deutschland. Wann und wo sie im freien TV kommt, ist noch offen.

Zwei Folgen laufen am Filmfestival Cannes. Und die alte Serie ist online oder auf DVD erhältlich.

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