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Die Rache der linken Töchter

Der 50. Jahrestag der sexuellen Revolution platzt mitten in die Sexismus-Debatte.

So haben sich die 68er ihr Jubiläum nicht vorgestellt. Kaum hat das Jahr begonnen, in dem die sexuelle Revolution ihren 50. Geburtstag feiert, übermalt eine deutsche Hochschule an ihrer Fassade ein Liebesgedicht. Die Formel 1 schafft die Grid-Girls ab. Eine britsche Galerie verbannt ein Gemälde mit nackten Frauenbrüsten. James Bond wird als notorischer Tööpli vergrüselt und als Vergewaltiger entlarvt.

Kein Tag vergeht ohne Sexismusvorwurf. Das Thema ist ernst – unfreiwillig ironisch daran ist höchstens, dass die neuen Revoluzzer aus dem gleichen politischen Lager stammen wie die alten. Was wir derzeit erleben, ist sozusagen die Rache der linken Töchter an ihren linken Vätern.

Es waren die Hippies, die damals die bürgerliche Sexualmoral über den Haufen warfen. Völlig zu Recht: Die verkrusteten Rollenbilder und bigotten Lebensweisen sorgten nicht nur für schlechten Sex, sondern verursachten viel Schmerz und Leid. Zwar feierten auch die Frauen dank der Erfindung der Pille ihre sexuelle Befreiung – zumindest vordergründig. Tatsächlich resultierte daraus ein Freipass für Männer, die dachten, sich unter dem Deckmäntelchen der neuen Aufgeschlossenheit ­alles erlauben zu ­können.

Übelstes Beispiel dafür ist Harvey Weinstein, dessen zahl­reiche Übergriffe jene #MeToo-Kam­pagne auslösten, die sich gerade zu einer sexuellen Konterrevolution auswächst. «Ich komme aus den 60ern und 70ern, als die ­Regeln am Arbeitsplatz noch anders waren. Das war damals die Kultur», hatte Weinstein sich nach den Vorwürfen zu entschuldigen versucht.

«Viele Frauen spielten damals mit, obwohl es ­ihnen nicht behagte»

Da die Männer weiterhin uneingeschränkt an den Schalthebeln der Macht blieben, eroberte die neue Machokultur sämtliche Bereiche des Lebens: Film und Massenmedien, Kunst und Werbung, Bars und Büros wurden durchsexualisiert. Was oft tatsächlich nichts anderes bedeutete, als Frauen zum Objekt zu machen.

Viele Frauen spielten damals einfach mit, obwohl es ihnen nicht behagte. Heute spielen die Männer oft einfach mit, obwohl es ­ihnen zunehmend Unbehagen bereitet. Wer damals an der Revolution nicht alles guthiess, wurde als verklemmt beschämt. Dieser Rolle wollte sich kaum jemand aussetzen. Wer es sich heute erlaubt, zur Konterrevolution kritische Fragen zu stellen, wird als Sexist beschämt. Dieser Rolle wollen sich noch weniger aussetzen.

Kein Wunder, rollt die Welle unaufhaltsam weiter. Angeklagt werden längst nicht mehr nur übergriffige Männer, sondern auch Bücher, Filme, Märchen und Kunstwerke. Differenzierungen finden kaum mehr statt. Der deplatzierte Anmachspruch landet im gleichen Topf wie die Vergewaltigung, die nackte Frauen­büste aus der Renaissance ist ebenso an­rüchig wie das plumpe Werbeplakat.

Wie die 68er in diesem Gestürm ihr Jubiläum begehen wollen, ist ein Rätsel. Womöglich werden einzelne Feierlichkeiten wegen zu viel nackter Haut verboten.

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