Die Nächste auf dem Popthron

Vom Teenage-Phänomen zum Superstar: Die rasende Karriere der Ariana Grande.

Glaubwürdiges Vorbild: Ariana Grande bei einem Auftritt in Los Angeles. Foto: Getty Images

Glaubwürdiges Vorbild: Ariana Grande bei einem Auftritt in Los Angeles. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie zählt die Namen nochmals auf – Sean, Ricky und Pete – und bedankt sich bei ihren Ex-Lovern, die ihr Geduld und Liebe beigebracht haben. Aber jetzt sei es gut, auch wenn sie «fucking» dankbar sei. Und wirft ihnen hinterher: «Thank you, next.»

So, wie Ariana Grande ihren ehemaligen Boyfriends im federleichten Song «Thank U, Next» der Reihe nach den Laufpass gibt, hat man das im Pop kaum je gehört. Denn Grande singt ohne Bitterkeit, ohne Rachegefühle – für die Abgründe ist ihre Stimme ja auch gar nicht gemacht. Sie ist ganz ohne Zynismus, beinahe herzlich, wenn sie diese Namen noch einmal wispert, um sie wegzuklicken und wegzuwischen, als sei das Leben eine einzige Ansammlung von Tinder-Dates.

Hundertmillionenfach wurde «Thank U, Next» auf den Streamingdiensten und auf Youtube abgerufen, seit der Titelsong ihres neuen Albums im November 2018 veröffentlicht wurde (allein bei Spotify weist der Hit heute weit über 500 Millionen Klicks auf). Spätestens mit diesem Song, der längst von Musikern der verschiedensten Popsparten gecovert wurde, begann ein neues Kapitel in Ariana Grandes rasender Karriere. Es erzählt vom Superstar, der nicht nur in den Kinderzimmern und Teenagerbuden angehimmelt wird. Sondern auch von älteren Generationen gehört und ernst genommen wird.

Der Anschlag in Manchesterals Wendepunkt

Auf Ariana Grande hätte im Rennen um den Popthron noch vor zwei Jahren niemand gesetzt. Die 25-Jährige aus Florida schien bloss ein weiteres Teenager-Wunder zu sein, die via Kinder-Fernsehshows ins Popfach rübergewechselt hat. So, wie das vor zwanzig Jahren Britney Spears oder Christina Aguilera geschafft haben. Oder Miley Cyrus, mit der Grande befreundet ist und die seit ihrem harmlosen Countrypopalbum in der Bedeutungslosigkeit unterzugehen droht.

Im Unterschied zu Miley Cyrus und ihren Inszenierungen mit der Abrisskugel und den Drogeneskapaden war Ariana Grande bloss die Sängerin mit dem lustigen Pferdeschwanz als Markenzeichen. Und eine Frau mit einer Stimme, die zwar virtuos zwischen den verschiedensten Oktaven hin und her wechseln kann, so wie das Mariah Carey in ihren jüngeren Jahren auch konnte. Aber Ariana Grande schien allzu eigenschaftslos zu sein, zu nett auch. Selbst dann, wenn sie behauptete, eine «Dangerous Woman» zu sein – so der Titel ihres dritten Albums –, blieb sie harmlos.

Das Böse aus der Welt schaffen

Wie ihre Karriere ohne den 22. Mai 2017 weitergegangen wäre? Man weiss es nicht. Aber man weiss, dass sie anders verlaufen wäre. An jenem Abend sprengte sich ein Jihadist in Manchester in die Luft – im Foyer jener Halle, in der Ariana Grande eine ihrer Shows spielte, in dem Moment, als die Kinder und Jugendlichen zurück zu ihren Eltern strömten. 22 Menschen riss der Terrorist mit sich in den Tod, über 500 Personen wurden verletzt. Grande fand nie viele Worte, wenn sie über den Anschlag sprechen sollte – sie brach meist in Tränen aus, sobald das Wort «Manchester» überhaupt fiel. Aber sie fand die richtigen Gesten, den richtigen Ton, beispielsweise dann, als sie kurz nach dem Anschlag an einem Gedenkkonzert «Somewhere Over the Rainbow» sang, jenes Jenseits-Lied aus dem Film «Wizard of Oz».

Erst nach dem Terroranschlag erhielt Ariana Grande den nötigen Freiraum von ihrem Label, produzierte mit Pharrell Williams das vergleichsweise freigeistige und zwanglose Album «Sweetener». Der Terror und die Trauerarbeit waren in diesen neuen Songs als Klammer zwar erkennbar. Aber Ariana Grande erteilte vor allem dem Zynismus der Gegenwart eine Absage, beispielsweise in «The Light Is Coming», einem losspringenden Track, der nichts Himmlisches oder Göttliches im Sinn hat, sondern bloss das Böse aus der Welt schaffen will.

Grande ist hier eine Frau,die ihren eigenen Weg geht

Das Tragische, das sie zu verfolgen scheint, gewann dann aber doch rasch wieder die Oberhand. Wenige Wochen nach der Veröffentlichung von «Sweetener» starb der Rapper Mac Miller an einem Cocktail aus Kokain, Alkohol und dem Schmerzmittel Fentanyl – Ariana Grande hatte sich im Mai 2018 von ihm nach zweijähriger Beziehung getrennt. Sie, die damals mit dem Komiker Pete Davidson verlobt war (die Verlobung wurde im Oktober aufgelöst), wurde von Fans als Mitschuldige am Tod Millers ausgemacht. Aber Grande konterte: Sie habe sich um ihn bemüht, so gut sie konnte. Überdies: Sind denn Frauen überhaupt für das Wohl der Männer verantwortlich?

Sie jedenfalls nicht: Bereits nach der Trennung von Mac Miller twitterte Grande, dass sie «kein Babysitter und keine Mutter» sei. «Und keine Frau sollte das Gefühl haben, dass sie das sein muss.» Es sind solche Zitate, die Ariana Grande zu einem glaubwürdigen Vorbild machen, in Zeiten, in denen Feminismus und das Wort «empowerment» längst in den verschiedensten Marketingabteilungen angekommen und in allzu vielen Fällen zum Accessoire verkommen ist.

Bildstrecke: Anschlag auf Konzert von Ariana Grande

Diesem Image, das Ariana Grande vorlebt, entspricht ja auch der Song «Thank U, Next». Grande ist hier eine Frau, die weiterschreitet und ihren eigenen Weg geht. Ein Weg, der das Extreme, die Provokation scheut und im Vorbeigehen gar nicht so aufregend scheint: Eine Rapperin wie Cardi B agiert beispielsweise politisch weit expliziter als Grande. Und das Spiel mit Geschlechterrollen und der weiblichen Sexualität thematisieren Künstlerinnen wie Janelle Monáe virtuoser und offensiver als sie. Aber Grande ist keine Opportunistin, selbst dann nicht, wenn sie ihren 60 Millionen Twitter-Follower schreibt: «Pussy is privilege.»

Die Karriere von Ariana Grande erzählt aber neben einer Selbstbestimmtheit, die sie sich in kurzer Zeit erkämpft hat, auch von der Beschleunigung des Popgeschäfts durch Social Media und den Streamingdiensten. Geradezu in Echtzeit hat sich Grandes Wandel vom kaum ernst genommenen Teen­age-Phänomen zum Popstar für die Massen abgespielt. Die Geschichten, die gestern noch prägend waren, sind heute bloss noch eine Fussnote. Und wer spricht eigentlich noch von ihren Songs?

Das neue Tattoo: einjapanischer Holzkohlegrill

Wenn heute über Ariana Grande geschrieben wird, dann steht – anders als noch im Sommer, als «Sweetener» veröffentlicht wurde – der Terror von Manchester längst nicht mehr im Mittelpunkt. Der Anschlag erscheint beinahe als Episode. So, als wäre das Prinzip von Ariana Grandes Karriere ein immerwährendes «Thank U, Next».

Denn da war ja auch der Song «7 Rings», den sie im Januar veröffentlichte und mit dem selbst eine wie Ariana Grande ihre liebe Mühe hat. Rasch kamen Plagiatsvorwürfe aus verschiedenen Rap-Lagern auf, die schon wieder vergessen waren, als sie ihr neues Tattoo präsentierte. Denn statt «7 Rings» standen die eingravierten japanischen Schriftzeichen für einen japanischen Holzkohlegrill. Natürlich musste Ariana Grande für den Onlinespott nicht sorgen, den sie bei aller Peinlichkeit rasch weggesteckt hat. Sie weiss es ja am besten: Es geht sehr schnell weiter.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2019, 16:59 Uhr

Das neue Album 

In «Sweetener» konnte man noch den Horror des Terrors reinlesen. Dem neuen Album fehlt zunächst diese Schwere, und es dreht sich ganz um Ariana Grande. Aber nicht dass nun fröhliche Songs entstanden sind: Ihre Stimme hängt meist nur in einem leeren Soundraum – die Zeiten des Popmaximalismus sind definitiv vorbei. Die Songs mit sprechenden Titeln wie «In My Head» lassen sich an ganz grosse Themen anbinden, denn es geht um den Zustand der Liebe in der Gegenwart, Fake, Sex und echte Gefühle. Ehe Grande im letzten Song einem Lover zuraunt, er soll Schluss machen mit seiner Freundin. Denn sie sei gelangweilt. (bsa)


Ariana Grande: Thank U, Next (Universal)

Artikel zum Thema

Die Grande Nation der Revoluzzer

History Reloaded Frankreichs Gelbwesten sind Ahnen einer eigenwilligen Tradition des Widerstands. Zum Blog

«Kleiner Holzkohlegrill» – Missgeschick beim Tätowieren

Eigentlich wollte sich Ariana Grande in japanischen Zeichen den Namen ihrer Single «7 Rings» unter die Haut stechen lassen. Was herauskam, belustigt das Netz. Mehr...

Bischof wird beschuldigt, Ariana Grande begrapscht zu haben

Der Bischof, der die Trauerfeier für Aretha Franklin geleitet hat, hat sich nach starker Kritik bei der Sängerin entschuldigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

In luftiger Höhe: Ein Paraglider schwebt bei traumhaftem Wetter im Oberallgäu am Mond vorbei. (16. Februar 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...