Detox-Kuren nützen nichts

Entgiftungsorgane wie Darm und Leber tun ohne Hilfe von aussen ihren Dienst. Manch eine Methode oder ein Substrat zum Reinigen ist sogar schädlich.

Säftchen, Tees, Pülverchen: Oft ist gar nicht klar, gegen welche Giftstoffe die «Kuren» helfen sollen. Bild: Reuters

Säftchen, Tees, Pülverchen: Oft ist gar nicht klar, gegen welche Giftstoffe die «Kuren» helfen sollen. Bild: Reuters

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Entgiften, entschlacken, Detox. Wer seinem Körper etwas Gutes tun will, ist oft anfällig für die Versprechen von Anbietern solcher «Kuren». Diese wollen mithilfe von Säften, Tees, Pülverchen, Fasten oder Darmreinigungen den Schadstoffen im Körper den Garaus machen. Um welche Schadstoffe es dabei geht, ist aber nicht so ganz klar. Suchtmediziner verstehen unter einer «Entgiftung» den Entzug von Alkohol und anderen Drogen. Naturheilkundler weiten den Begriff auf Umweltschadstoffe aus, etwa auf synthetische Chemikalien, Schwermetalle oder andere potenziell schädliche Substanzen, wie australische Forscher vor wenigen Jahren in der Fachzeitschrift «Journal of Human Nutrition and Dietetics» aufzählten.

Da kommerzielle Anbieter von Detox-Produkten aber kaum die Substanzen benennen, die es zu entgiften gilt, und auch nicht die Mechanismen aufzeigen, mit denen das gelingen soll, sei es schwer, die Behauptungen wissenschaftlich zu überprüfen, betonen Alice Klein und Hosen Kiat von der Macquarie University in Sydney. Die Ärzte stört, dass die Detox-Industrie generell Chemikalien in «gut oder böse» trennt. In der Realität gelte aber für die meisten Substanzen: «Die Dosis macht das Gift.»

Klein und Kiat haben wissenschaftliche Studien ausgewertet, um herauszufinden, ob Entgiftungskuren tatsächlich nützen. Ihr Fazit ist ernüchternd: Es gibt nur eine Hand voll Studien, die ein­zelne Präparate untersucht haben. Und diese Studien sind mit so wenig Teilnehmern durchgeführt worden, ohne Kontrollgruppen oder methodisch so schlecht, dass wissenschaftliche Aussagen kaum möglich sind.

Abführmittel reduziert Anzahl Darmmikroben um das 31-Fache

Die Vorstellung, schädliche Substanzen aus dem Körper zu treiben, ist verlockend – und uralt. Schon in der Antike glaubten die Menschen, dass toxische Stoffe etwa bei Verstopfungen zu inneren Vergiftungen führen könnten. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es aber nicht, schreiben die Gastroenterologen Gerhard Rogler von der Universität Zürich und Pascal Frei von der Privatklinik Bethanien in Zürich in einem Artikel der «Schweizerischen Zeitschrift für Ganzheitsmedizin».

Der Darm ist neben Leber und Niere ein wichtiges Entgiftungsorgan. Fraglich ist, ob die Organe dazu Hilfe von aussen benötigen. Wer beispielsweise orale Abführmittel einsetzt, um den Darm zu reinigen, verändert nicht nur die Anzahl der Darmkeime, sondern auch die Zusammensetzung der Darmflora, des Mikrobioms. Das fand ein europäisches Forscherteam heraus. Bei 23 gesunden Testpersonen bewirkte ein orales Abführmittel, dass die Anzahl der Darmmikroben um das 31-Fache abnahm, und bei jedem Fünften verschwand das spezifische Keimmuster der Darmflora. Es dauerte zwei Wochen, bis das Mikrobiom wieder aufgebaut war.

Eine Darmreinigung, wie sie vor einer Darmspiegelung durchgeführt wird, bringt das Mikrobiom sogar für einen Monat durcheinander, haben italienische Forscher an zehn Probanden herausgefunden. Nach vier Wochen war beispielsweise noch immer die Anzahl der Lactobazillen reduziert, die laut Rogler und Frei einen «günstigen Effekt auf die Gesundheit haben sollen».

Kosten für Darmentgiftungen sind «inakzeptabel»

Ob das zeitweilig veränderte Mikrobiom aber positive oder negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat, ist noch nicht erforscht. Völlig unbekannt sei zudem, ob das Abführen eine Toxinreduktion oder Entgiftung bewirken kann, schreiben Rogler und Frei.

Das Gleiche gilt auch für die rektale Darmreinigung, zum Beispiel durch spezielle Einläufe, die Colon-Hydro-Therapie. Zwar empfinden manche Anwender die Darmentleerung als wohltuend. «Es gibt jedoch keine klinischen Studien, die zeigen, dass Colon-Hydro-Therapien einen Effekt auf die allgemeine Gesundheit haben», schreiben Frei und Rogler. Der Nutzen sei limitiert, dafür ­bestehe das Risiko, dass die Behandlung zu Infektionen führt, Elektrolytstörungen auslöst oder dass der Darm durch ein zu grosses ­Volumen an Flüssigkeit verletzt wird. Fazit: Es ist nicht erwiesen, dass eine Detoxifikation mit anschliessendem aufwendigem probiotischem Aufbau irgendetwas nützt. Deshalb seien die Preise, die für derartige vermeintlichen Darmentgiftungen gefordert werden, «inakzeptabel», finden Frei und Rogler.

Mit der Darmreinigung soll entgiftet werden. Andere Methoden sind das Fasten, die Umstellung der Ernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminpräparate oder Antioxidantien. Michael Ristow von der ETH Zürich hält auch davon wenig. Fasten sei zwar eine Möglichkeit, das Körpergewicht zu reduzieren, sagt der Internist, aber es müsse sinnvoll erfolgen. Für eine Entgiftung könne es sogar eine gegenteilige Wirkung haben. Im Fettgewebe können sich Schadstoffe abgelagert haben, die beim plötzlichen Abnehmen in erhöhter Konzentration freigesetzt werden.

Die Kapazität der Leber übersteigt die täglichen Anforderungen um ein Vielfaches.

Generell sei es ungünstig, nur zeitweilig auf kalorienreduzierte Ernährung umzustellen, sagt Ristow. So komme es zum Jo-Jo-Effekt. Das Gewicht geht wieder hoch. Diese Abläufe belasten den Stoffwechsel. Man müsse seine Ess- und Trinkgewohnheiten «grundsätzlich und dauerhaft» ändern, betont der Mediziner. Zum Entgiften könne man seiner Leber und den Nieren vertrauen. Die Kapazität der Leber übersteigt die täglichen Anforderungen um ein Vielfaches.

«Es gibt aber auch Substrate, welche die Leber schnell in Mitleidenschaft ziehen», sagt Ristow. Ein Beispiel ist ein hoch konzentrierter Grüntee-Extrakt. «Grüntee ist als Flüssigkeit gesund, könnte krebsvorbeugende Wirkung haben und Beschwerden bei der Menopause lindern», sagt Ristow. Ein Kaffeelöffel Grüntee-Extrakt beinhaltet jedoch eine Konzentration wie sonst mindestens zehn Liter Tee. «Und das kann die Leber schädigen.»

«Mit Extrakten, Supplementen, Vitaminen oder Antioxidantien kann man keine ausgewogene Ernährung ersetzen.»Michael Ristow, ETH Zürich

Das Problem von Extrakten und Supplementen sei: «Sie müssen nicht wie Medikamente einen anspruchsvollen Zulassungsprozess durchlaufen.» Der Markt ist deshalb unübersichtlich und kaum reguliert.

«Mit Extrakten, Supplementen, Vitaminen oder Antioxidantien kann man keine ausgewogene Ernährung ersetzen», sagt Ristow. «Sie können nicht ansatzweise die gesunde Wirkung etwa von Ge­müse oder Beeren ersetzen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.01.2019, 17:31 Uhr

Laufen und Obst statt Detox

Spezielle Detox-Kuren sind teuer, wissenschaftlich nicht überprüft und unnötig. Finger weg also von Nahrungsergänzungsmitteln! Sinnvoll ist es, dauerhaft auf eine abwechslungsreiche Ernährung umzustellen mit viel Gemüse, Obst (vor allem heimische Beeren) und Vollkornprodukten. Wer zum Abnehmen periodisch fasten möchte, kann das tun, beispielsweise eine Mahlzeit am Abend oder am Morgen weglassen. Oder jeden zweiten Tag nur eine Mahlzeit zu sich nehmen. Dazu sich regelmässig bewegen, am besten draussen – 20 bis 30 Minuten täglich. (afo)

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