Der Wind dreht

«Herbstzeitlosen»-Regisseurin Bettina Oberli ist zurück auf der Piazza von Locarno, mit mehr Gelassenheit als vor zwölf Jahren.

«Il 71. Locarno Festival presenta . . . un film di Bettina Oberli»: Die Regisseurin auf der Piazza Grande. Foto: Claudio Bader

«Il 71. Locarno Festival presenta . . . un film di Bettina Oberli»: Die Regisseurin auf der Piazza Grande. Foto: Claudio Bader

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Die «Herbstzeitlosen»-Premiere gilt als eine der erfolgreichsten Piazza-Vorführungen in der Geschichte des Festivals von Locarno, aber die Regisseurin hat diesen 4. August 2006 ganz anders in Erinnerung. Mitten im Publikum sitzend, machte sie sich nervös Gedanken: Ist ihr ursprünglich fürs Fernsehen gedrehter Film nicht zu klein für die Riesenleinwand? Kommt der schweizerdeutsche Dialekt in der lateinischen Schweiz an? «Ich war mir überhaupt nicht sicher, ob der Film verhäbt», sagt Bettina Oberli heute.

Er hat «verhäbt», wohl gerade auch, weil er so eigenständig ist wie dieses Dialektwort, für das es keine Hochdeutsch-Übersetzung gibt. Tosender Applaus ertönte damals, Hauptdarstellerin Stephanie Glaser, die mit 86 Jahren ihre erste Kinohauptrolle spielte, wurde auf einen Stuhl gehoben und winkte ins Publikum, im Kino wurden die «Herbstzeitlosen» zum erfolgreichsten Schweizer Film seit den «Schweizermachern». Und jetzt?

Jetzt steht für Bettina Oberli, 45, eine zweite Piazza-Premiere an. Der Film heisst «Le vent tourne». Sie sagt: «Eine Komödie ist es also nicht.» Nein, es ist ein Liebesdrama, gedreht im Jura. Zwei in ihrer Heimat Frankreich bekannte Schauspieler spielen ein Bauernpaar: Mélanie Thierry («La princesse de Montpensier») ist die Besitzerin des Hofes, auf dem es ein paar Kühe, Schweine und Federvieh gibt. Pierre Deladonchamps («L’inconnu du lac») ist ihr Mann, der den Hof nach biologischen Kriterien bewirtschaftet und möglichst viel Unabhängigkeit erlangen will. Um eigenen Strom zu erzeugen, soll dafür ein Windrad errichtet werden. Aber die Aussenwelt lässt sich nicht einfach aussperren.

«Ich hatte Lust, meine Komfortzone zu verlassen»

«Le vent tourne» ist zum einen ein ganz pragmatischer Titel, wegen der Windenergie. Aber er hat auch eine grössere Bedeutung. Die Bäuerin – sie heisst Pauline – beginnt ihre Werte plötzlich zu hinterfragen.

­Es ist also wieder eine Hauptfigur, die aus ihrer wohlgeordneten Welt ausbricht, wie oft bei Bettina Oberli. «Kürzlich meinte ein ‹Variety›-Kritiker, ‹Der Wind dreht› könnte als Titel über all meinen Filmen stehen», sagt sie.

Von vielen wird Oberli sowieso einfach als Regisseurin der Erfolgs­komödie «Die Herbstzeitlosen» wahrgenommen, in der die alten Damen tatsächlich die Emmentaler Welt auf den Kopf stellen. Doch bereits zuvor drehte sie – man beachte den Titel – das Drama «Im Nordwind» (ein Mann wird arbeitslos, er verheimlicht es vor der Familie). Später folgte in Deutschland die Bestsellerverfilmung «Tannöd» (Morde erschüttern das Leben im Dorf). Dann die Schweizer Komödie «Lovely Louise» (ein 50-Jähriger wird endlich erwachsen). Und im letzten Dezember strahlte das Fernsehen den Zweiteiler «Private Banking» aus (eine junge Frau übernimmt aus dem Nichts eine Privatbank).

Trailer «Le vent tourne». Video: Youtube

Jetzt also eine Produktion mit Frankreich, dieser traditionsreichen Filmnation. Hat auch für Bettina Oberli der Wind gedreht, ist es eine Art Neuanfang? «Das wäre zu viel gesagt», antwortet die Regisseurin. Sie fühle sich einfach dem französischen Kino zugetan. Bewundere, welchen Stellenwert das Kino in Paris habe, wo die Menschen bereits morgens um neun anstehen, um den neuen Film von André Téchiné oder Jacques Audiard zu sehen. Ihre Filmgeschichte habe sie schon früh beim Schreiben im Jura angesiedelt, wo man nun mal Französisch spreche. Und: «Ich hatte Lust, meine Komfortzone zu verlassen.»

«Es gibt nur Boden, Tannen, Himmel, sonst nichts»

Bettina Oberli hat zwar Emmentaler und Berner Oberländer Wurzeln, aber die französische Sprache ist ihr vertrauter als das, was wir in der Schule mitbekommen. Französisch ist die Muttersprache ihres wichtigsten Mitarbeiters, des Kamera- und Ehemannes Stéphane Kuthy. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf. Und beim Verfeinern des Drehbuches mit der renommierten Autorin Céline Sciamma, beim Schnitt des Films und der Vertonung hat sie viel Zeit in Paris verbracht – «wir sind Fussball-Weltmeister», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Und: «Was für eine schöne Mannschaft, da wird noch viel kommen.»

Was für ein schöner Film, könnte man analog schon nach wenigen Bildern sagen. Die Landschaft spielt eine Hauptrolle. «Das Plateau der Franches-Montagnes war wichtig für die Geschichte, es gibt nur Boden, Tannen, Himmel, sonst nichts, keine Aussicht», sagt Bettina Oberli. Dort wurde für die Dreharbeiten tatsächlich ein Windrad errichtet, 18 Meter hoch. Die Kühe hat ein regionaler Bauer beigesteuert, rätisches Grauvieh, «eine robuste, eher seltene Rasse». Und als Kontrast gibt es die senkrechten Felswände des Creux du Van.

Die vielseitigste Schweizer Regisseurin

Wie war das jetzt mit der Komfortzone? Oberli verhehlt nicht, dass die Arbeit mit den französischen Stars nicht immer einfach war, «es gab mehr Diskussionen, als ich mir gewohnt bin, sie schlagen traditionell viel vor, was sie in ihr Spiel einbringen wollen». Manchmal sei das im Konflikt mit dem visuellen Konzept des Filmes gestanden. «Ich hatte bestimmte Bilder im Kopf, da musste ich mich durchsetzen.»

Es hat sich gelohnt. Bettina Oberli ist spätestens jetzt die vielseitigste und erfahrenste Schweizer Regisseurin. Sie möchte unbedingt einen weiteren Film in Frankreich drehen; es gibt auch ein Projekt in Deutschland, und mit dem Team von «Private Banking» entwickelt sie zwei TV-Serien. Der Wind wird dabei noch ein paarmal drehen. Hoffentlich.

Zuerst aber die Piazza-Premiere. «Le vent tourne» beginnt mit wunderschönen Nachtbildern im strömenden Regen . . . «Hoffentlich regnet es an diesem Abend nicht», unterbricht Bettina Oberli lachend. Nun, der Wetterbericht ist gut, ein Gewitter kann aber im Tessin nie ausgeschlossen werden. Die Regisseurin hat sich vorgenommen, dieses Mal die Premiere so oder so zu geniessen («ich kann sowieso nichts mehr ändern am Film»). Und noch etwas will sie tun: Sobald das Licht löscht und die sonore Ansagestimme erklingt, will sie auf den Audio-Aufnahmeknopf ihres Telefons drücken, um festzuhalten: «Il 71. Locarno Festival presenta . . . un film di Bettina Oberli.»

«Le vent tourne» läuft morgen auf der Piazza von Locarno und ab Dezember in den Deutschschweizer Kinos.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 19:50 Uhr

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