Der «Tiger» ist bereit zum Angriff

General Suhail al-Hassan dirigiert die syrischen Truppen in der Schlacht um Idlib – er könnte dereinst sogar den syrischen Präsidenten Assad beerben.

Volksheld der Regimetreuen und Poet mit martialischem Einschlag: General Hassan (2. v. r.) spricht im Dezember 2016 zu seinen Männern. Bild: AFP

Volksheld der Regimetreuen und Poet mit martialischem Einschlag: General Hassan (2. v. r.) spricht im Dezember 2016 zu seinen Männern. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bevor der «Tiger» zum Sprung ansetzt, folgt er festen Ritualen. Wenn Bilder im Netz erscheinen, die Suhail al-Hassan in der Nähe eines Helikopters zeigen, weiss man in Syrien, dass bald eine Schlacht beginnt. Wenige Tage später ist der Brigadegeneral mit dem Nom de Guerre «al-Nimr» (arabisch für Tiger) dann an der Front zu sehen, umringt von seinen Kämpfern. Dort trägt er gerne selbst geschriebene Gedichte vor, um die Moral der eigenen Truppe zu heben und die des Feindes zu erschüttern, der über Lautsprecher mithören darf.

Teil eins dieser Inszenierung erfolgte am vergangenen Dienstag. Hassan bestieg bei Aleppo einen Helikopter, für nur eine kurze Strecke: Die Offensive, die seine Qawat al-Nimr – die Tiger-Kräfte – gerade vorbereiten, wird sich gegen die benachbarte Region Idlib richten. Die letzte verbliebene Rebellenhochburg, in der nach Schätzungen der UNO 2,5 Millionen Zivilisten und 70'000 zumeist islamistische Kämpfer umstellt sind.

Bildstrecke: Dreiergipfel zu Syrien in Teheran

Sätze wie «Ihr werdet die Flammen der Hölle sehen. Und wenn ihr deshalb um Hilfe schreit, werdet ihr nur Wasser bekommen, so heiss wie flüssiges Metall» hat Hassan bisher aber nicht gesprochen; das Fanal für den Beginn der Schlacht wird jeden Moment erwartet. Und auch wenn diese Verse von ihm reichlich geschmacklos sind: Übertreibung kann man dem vielleicht wichtigsten General von Präsident Bashar al-Assad nicht vorwerfen, wenn er den Menschen in aufständischen Gebieten die Hölle auf Erden ankündigt.

Suhail al-Hassan hat jene Kriegstaktik perfektioniert, mit der und dank russischer Hilfe aus der Luft das Regime Gebiet um Gebiet zurückerobern konnte. Ost-Aleppo, Palmyra, das vom IS gehaltene Gasfeld Shaar und die von ihm belagerte Stadt Deir al-Sour, in diesem Jahr Ost-Ghouta und schliesslich Daraa im Süden: Erst werden die Gebiete der Gegner mit heftigen Luftangriffen zu Schutt gebombt (siehe Box), dann rücken Hassans Tiger-Kräfte vor und spalten von dem Gebiet kleinere Teile ab. Die Eingekesselten geben dann meist bald auf.

Wladimir Putin ist ein Fan des syrischen Generals

Der General, dessen Alter meist mit 48 Jahren angegeben wird, scheint zu spüren, an welcher Stelle der Gegner am schwächsten ist. «Er zerschneidet die Gebiete der Terroristen, wie Moses einst das Wasser teilte», schwärmt ein Anhänger – Fans wie diesen hat Hassan viele. Der «Tiger» ist der populärste Soldat im Dienste des «Löwen», wie sich Assad aus dem Arabischen übersetzt. In regimetreuen Gebieten tragen manche sein Porträt mit dem akkurat getrimmten Dreitagebart und dem tief in die Stirn gezogenen Soldatenkäppi gar als Tattoo.

Karte vergrössern

Sein Aufstieg war Hassan möglich, weil er Rettung versprach, als das Assad-Regime zu fallen drohte. Als Offizier beim Geheimdienst der Luftwaffe hatte er mit seinen Leuten sichergestellt, dass Rekruten den Schiessbefehl auf Demonstranten befolgten. Später soll er Folterungen geleitet und zur Niederschlagung kleinerer Aufstände Massaker befohlen haben; Menschenrechtler werfen ihm Kriegsverbrechen vor. Als im Jahr 2013 Berichte seiner kriegerischen Effizienz Damaskus erreichen, wird aus Hassan der «Tiger»: Er erhält den Auftrag, eine tausend Mann starke Eliteeinheit aufzubauen, die zwei Jahre später zum bevorzugten Partner der russischen Armee wird.

Hassan ist in Jableh geboren, einem Dorf nahe bei Assads Heimatort. Wie der Diktator gehört er der alawitischen Minderheit an, die im Land bestimmend ist. Auf der anderen Seite der Küstenstrasse, an der Jableh liegt, befindet sich der grösste Stützpunkt der russischen Armee. Hier wird Hassan nach einem Sieg in Idlib wohl gefeiert werden. Zwei Orden hat er dort bereits empfangen und viele warme Worte, im Dezember 2017 sogar von Wladimir Putin. Beobachter leiteten daraus ab, dass Russlands Präsident auf den Tiger setzen will, falls er den Löwen für eine politische Neuordnung Syriens fallen lassen muss.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 22:39 Uhr

Heftige Angriffe am Samstag

Die syrische Regierung hat zusammen mit ihrem Verbündeten Russland Menschenrechtlern zufolge die schwersten Luftangriffe auf die Rebellenprovinz Idlib seit einem Monat geflogen. Mindestens vier Zivilisten seien getötet worden, darunter zwei Kinder. Dies berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte gestern Samstag. Die Provinz sei von etwa 80 Bombardements getroffen worden. Es seien «die stärksten» Angriffe, seitdem die Regierungen in Damaskus und Russland vor einem Monat eine Offensive angekündigt hatten.

Idlib ist das letzte grosse Rebellengebiet in Syrien. Die Regierung hatte dort in den vergangenen Wochen ihre Truppen zusammengezogen und mit einer Offensive gedroht. Sie will nach eigenen Angaben das ganze Land wieder unter ihre Kontrolle bringen. Bereits in den vergangenen Monaten hatte sie wichtige Gebiete wieder eingenommen, darunter die lange umkämpfte Region Ost-Ghouta bei Damaskus und den Süden des Landes.

Laut UNO wird Idlib von rund 10 000 Milizionären gehalten. Die meisten von ihnen haben sich islamistischen Gruppierungen angeschlossen. Die Vereinten Nationen haben wiederholt vor einer humanitären Katastrophe im Fall einer Armee-Offensive gewarnt. In der Region leben drei Millionen Menschen. Noch am Freitag war die Türkei bei einem Gipfeltreffen in Teheran damit gescheitert, die Syrien-Verbündeten Russland und Iran von einer Waffenruhe in Idlib zu überzeugen. (SDA)

Artikel zum Thema

In Syrien kommt die Stunde der Wahrheit

Analyse Es ist nun an den Garantiemächten Russland und Türkei, in Idlib ein Massaker und eine Massenflucht abzuwenden. Mehr...

«Blitzgipfel» endet ohne konkrete Lösung zu Idlib-Offensive

Die Präsidenten von Russland, der Türkei und Irans haben in Teheran über das Schicksal der knapp drei Millionen Menschen in der syrischen Provinz verhandelt. Mehr...

Heftige Luftangriffe auf die letzte grosse Rebellenhochburg

Die syrische Regierung und Russland haben die schwersten Luftangriffe auf Idlib seit einem Monat geflogen. Es könnte der Beginn einer grossangelegten Offensive sein. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...