«Der Schmerz findet immer einen Weg»

Joaquin Phoenix spielt einen Behinderten im neuen Film von Gus Van Sant, vermisst das Zuschlagen von Türen und sagt etwas, das der Interviewer leider nicht auf Tonband hat.

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Wenn er will, kann Joaquin Phoenix richtig böse sein. Er hat schon Rächer gespielt, den römischen Fiesling Commodus in «Gladiator» und wird bald als Batmans Gegenspieler Joker auftreten, also in jener Rolle, die Heath Ledger so selbstverzerrend auf die Leinwand gebracht hat. Jetzt rollt dieser Joaquin Phoenix die Augen, fixiert den Interviewer und sagt: «Du warst böse, Matthias, du . . .» Doch beginnen wir am Anfang.

Am Anfang ist es ein normales Festival-Interview an der Berlinale. Es geht um den Film «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot», ein Porträt des amerikanischen Comiczeichners John Callahan. Der hat sich in seinen Cartoons gerne über körperliche Unzulänglichkeiten und Minderheiten lustig gemacht. Er sah sich legitimiert dazu, weil er nach einem Autounfall unter Alkoholeinfluss selber im Rollstuhl sass. Joaquin Phoenix spielt ihn und macht das hervorragend. Zu Beginn schaut er wie gewohnt etwas schläfrig in die Journalistenrunde und fragt beiläufig: «Seid ihr eigentlich alle eifersüchtig aufeinander?»

Zweimal wollte er das Showbiz verlassen

Natürlich sind wir Journalisten das, wir rennen dem besten Zitat hinterher, dem besten Film, dem besten Gesprächspartner. Und da steht Joaquin Phoenix ganz oben auf der Liste: Er, der mit drei Geschwistern in einer Hippiefamilie aufgewachsen ist und schon als Kind vor der Kamera stand. Der drei Oscarnominierungen holte, eine als Johnny Cash in «Walk the Line», wofür er auch die Songs selber sang. Der aber immer wieder grosse Absenzen hatte und sich zurückzog, einmal nach dem Drogentod seiner Bruders River Phoenix im Jahr 1993. Und ein zweites Mal 2008, als er sagte, er wolle jetzt Rapper sein, sich einen Bart wachsen liess und wirres Zeugs in TV-Shows erzählte – was sich später als Part für einen Fake-Dokumentarfilm entpuppte.

Dieser 43-Jährige, der alles gesehen hat, will also vorläufig nicht antworten, sondern erkundigt sich nach jedem Detail im Journalistenleben. Er steht unter dem Eindruck einer Pressekonferenz, die er gerade gegeben hat, und wundert sich über die Fotografen und Journalisten, die einander offenbar kein Wort, kein Bild gönnen. Vielleicht ist dieses Erstaunen aber einfach nur Schutz, um nicht selber antworten zu müssen, sein Interviewtag ist lang. Jetzt scheint ihm das auch selber aufzufallen, er gibt sich einen Ruck und sagt, als sei er sein eigener Medienberater: «Und nun zum Film.»

Schwarzer Humor: «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot» zeigt eine knurrige Weltsicht. Video: Youtube/Filmcoopi Zürich

Zum Film. Gerne, es ist nämlich nicht der Schlechteste. Gedreht hat ihn Gus Van Sant, dieser grosse Pendler zwischen Oscargeschichten wie «Good Will Hunting» und total unabhängigem Kino (Matt Damon spaziert durch die Wüste in «Gerry»). Der Regisseur hatte Joaquin Phoenix seine erste seriöse Erwachsenenrolle gegeben, 1995 im Nicole-Kidman-Film «To Die For». Der Schauspieler erinnert sich immer noch daran: «Als Kinderdarsteller wirst du ja richtiggehend dressiert: ‹Schau auf die Markierungen, bewege dich genau so!› Jede Abweichung wird bestraft.» Ganz anders aber Gus Van Sant: «Der sagte schon damals: ‹Egal, wo du stehst, spiel einfach, die Kamera fängt es dann schon ein!› Da war die Schauspielerei plötzlich ein ganz anderer Beruf für mich. Eine Befreiung.»

«Weisst du, ich kann keine Türen zuschlagen»

Zwei Jahrzehnte später, in «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot», war jetzt aber die Bewegungsfreiheit des Hauptdarstellers schon etwas eingeschränkt: «Vor Drehbeginn sagte ich zu einem Freund: ‹Weisst du, ich spiele diesen Gelähmten, ich kann nicht einmal Türen zuschlagen oder mit Requisiten um mich werfen, wenn ich wütend bin.› Der antwortete aber trocken: ‹Das ist vielleicht auch gut so.›» Und es stimmt schon, Joaquin Phoenix macht aus dem Wenigen ganz viel. Dazu hat er Videos studiert, mit dem 2010 verstorbenen echten John Callahan, die es im Spital, wo er behandelt wurde, noch gab.

Die Videos erschüttern ihn noch jetzt, wenn er erzählt: «John machte darauf ein seltsames Gesicht, und ich wollte wissen, wieso. ‹Er hat Schmerzen›, sagte mir die Krankenschwester, mit der ich mir das anschaute, was mir unerklärlich war, denn er war ja gelähmt, und ich dachte, diese Personen empfänden nichts am Körper. Ich hatte natürlich schon von Phantomschmerzen gehört; dass die so stark sein können, wusste ich allerdings nicht. ‹Doch, doch›, sagte die Schwester, das drücke sich nur anders aus. Und dann sagte sie diesen Satz, den ich nie vergessen werde und der zum Motto für mein Spiel wurde: ‹Der Schmerz findet immer einen Weg.›»

«Der Schmerz findet immer einen Weg», wiederholt Phoenix fast wie für sich. Dabei kam es ihm auf Details an, er fand zum Beispiel, dass er bei den Dreharbeiten zu bequem im Rollstuhl sass, wenn er sich selber hineinsetzte. Darum habe er die Mitglieder der Filmcrew gebeten, ihn jeweils hochzuheben und zu platzieren, nur so habe er die richtige Position gefunden. Zur Vorbereitung habe er auch die Autobiografie von John Callahan durchgearbeitet und mit Notizen versehen: «Dummerweise habe ich sie verloren, nach zwei Dritteln der Lektüre, und musste noch einmal von vorne damit beginnen. Später habe ich sie wieder gefunden. Und wissen Sie, was? Die Notizen waren fast wörtlich die gleichen.»

Drei Oscargewinner der letzten Dekade spielten Behinderte

Jetzt hat sich Joaquin Phoenix in Fahrt geredet. Er spricht über die Provokationen der kleinen Zeichnungen: «Dieser Mann konnte so viel zeigen, mit so wenigen Strichen.» Das Glück, sich in so eine Arbeit zu vertiefen: «Man vergisst alles, die Sorgen, die Sucht, die Schmerzen. Mir geht es beim Spielen manchmal auch so. Ihnen beim Schreiben etwa nicht?» Und über die Preise, die solche Rollen gerne für Darsteller abwerfen, schliesslich spielten drei der Oscargewinner der letzten zehn Jahre einen Behinderten: «Ach wissen Sie, immer wenn ich einen Preis erhalte, wie 2017 in Cannes, denke ich, das muss ein ganz schlechtes Festival gewesen sein, dass die mich ausgewählt haben.»

Was ist das nun? Koketterie? Eine Masche? Bescheidenheit, schliesslich hat er im «Maria Magdalena»-Film mit seiner Freundin Rooney Mara in der Hauptrolle gerade einen äusserst zurückhaltenden Jesus gespielt? Schwer zu sagen und keine Zeit mehr, das herauszufinden, obwohl Joaquin Phoenix jetzt dasitzt, als ober er noch stundenlang weitersprechen wollte. Aber die Festival-Interviews sind getaktet, eine Mitarbeiterin drängt zum Abbruch, ruft laut: «Alle Journalisten, ausser Matthias, folgen mir für das Interview mit Gus Van Sant.»

Hei, jetzt schaut er mich an. Fixiert mich richtig und ruft: «Du warst böse, Matthias, du darfst nicht zum Regisseur. Du musst zum Schulvorsteher, er wird dich bestrafen . . .» Dummerweise habe ich das Tonband schon abgeschaltet, ich hätte viel gegeben, das verewigt zu haben. Aber immerhin sage ich ihm spontan, dass das Interview mit ihm bereits alle meine Ansprüche erfüllt habe. Und das ist nicht gelogen.

«Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot» läuft jetzt in den Kinos (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2018, 18:20 Uhr

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