«Der Kerl im Weissen Haus hat sich selbst ins Drehbuch geschrieben»

Spike Lee erzählt in «BlacKkKlansman» eine explosive Geschichte aus den 1970er-Jahren und sagt, was das mit der Gegenwart zu tun hat. Und mit der Hauptstadt der Schweiz.

Weiss genau, wie weit er gehen kann:
Regisseur Spike Lee, 61. Foto: Getty Images

Weiss genau, wie weit er gehen kann: Regisseur Spike Lee, 61. Foto: Getty Images

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Sein Ritual bei Interviews geht so: Der Befrager muss sagen, aus welchem Land er kommt, Spike Lee nennt dann die Hauptstadt. «Schweiz?» Er zögert. «Zürich. Nein, nicht Zürich, da bin ich schon mal reingefallen. Sie heisst anders. Bern.» Dann strahlt er übers ganze Gesicht, als ob er gerade einen Oscar gewonnen hätte. Und fügt hinzu: «Ich habe heute schon viele Hauptstädte richtig getippt. Leider ist das alles, was ich weiss, von den meisten Ländern. Aber es ist immerhin mehr, als unser Präsident weiss.»

Da ist vieles drin, schon in diesem Anfangsgeplänkel: Der Schalk des Regisseurs, der auf jeden Gesprächspartner spielerisch eingeht. Der Triumph, wenn er recht hat, und sei das auch nur bei einer Hauptstadt. Der politische Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten, den er nie beim Namen nennt, sondern giftig als «Agent Orange» bezeichnet (auch das Wort «Motherfucker» fällt ab und zu). Und überhaupt, die Freude, sich mit seinen 61 Jahren in Geografiespielen zu messen, wie ein Kind.

Bissiger Witz mit knallharter politischer Botschaft

Apropos Geografie: Niemand hätte ihm übel nehmen können, wenn bei der Hauptstadt der Schweiz das Wort «Locarno» gefallen wäre. Denn da, am Filmfestival, ist 1983 sein Stern in Europa so richtig aufgegangen, als er einen bronzenen Leoparden gewann für «Joe’s Bed-Stuy Barbershop: We Cut Heads». Schon darin kombinierte er bissigen Witz mit knallharter politischer Botschaft, Dinge, die er in Filmen wie «Do the Right Thing» (1988) perfektionierte. 35 Jahre nach seinem Durchbruch in Locarno ist er erneut präsent im Tessin, nicht persönlich, aber mit dem explosiven Film «BlacKkKlansman», der beim Publikum auf der ­Piazza bestens ankommt. Schon nach den ersten Bildern wird klar: Der Regisseur präsentiert sich erstmals seit vielen Jahren wieder in alter Form.

Vom Wort Comeback will Spike Lee aber beim Interview nach der Weltpremiere in Cannes nichts wissen. «Hey, Mann, ich war immer da», sagt er, «manchmal braucht es grosse Filme, manchmal kleine Aktionen. Für mich ist beides wichtig.» Und fügt hinzu, dass ihn ab und zu ein Spiel seines Lieblings-Basketballclubs New York Knicks mehr beschäftige als die Politik. «So ist der Mensch. Man darf sich auch unterhalten. Aber sollte dabei den Fokus nicht verlieren.»

Trailer «BlacKkKlansman». Video: Youtube

In «BlacKkKlansman» richtet Spike Lee die Aufmerksamkeit auf eine alte Geschichte: Dem Polizisten Ron Stallworth ist es in den 1970er-Jahren gelungen, als Schwarzer den örtlichen Ku-Klux-Klan in Colorado Springs zu unterwandern und auszuspionieren. Er tat das vor allem am Telefon, wo er vorgab, ein Rassist zu sein, und damit das Vertrauen der Clan­leute gewann. Bei den Gruppentreffen wurde er dann von einem weissen Polizeikollegen gedoubelt. Die beiden deckten gemeinsam die Vorbereitungen eines Attentats auf, an dem die höchste Spitze der Rassistenvereinigung beteiligt war, die in weissen Kapuzengewändern und mit brennenden Kreuzen Angst und Schrecken verbreitet.

Bitte nicht auf Instagram stellen!

Das alles klingt nicht unbedingt nach einer Komödie. Aber Spike Lee geht es durchaus spielerisch an, baut eine Liebesgeschichte ein, schildert alltägliche Hänseleien auf der Polizeistation, wo ein schwarzer Beamter in dieser Zeit ein Exot war. Wie hält er das Gleichgewicht zwischen den lustigen Seiten und den ernsten? «Ich bin kein Wissenschaftler, aber da gibt es schon so etwas wie eine Gesetzmässigkeit. Man darf auf keine Seite übertreiben, sonst sieht es aus wie beim Laufen, wenn ein Bein kürzer ist als das andere.» Dann unterbricht er sich selbst. Hat er da etwa einen Spruch gemacht, der Menschen mit Behinderung herabsetzen könnte? Er sagt auf jeden Fall sofort: «Ich will mich über niemanden lustig machen, stellen Sie diese Bemerkung also bitte nicht auf Instagram . . .»

Aber selbstverständlich weiss Spike Lee genau, wie weit er gehen kann. Zum Beispiel bei der Schilderung des alltäglichen Rassismus in den 1970ern. Dabei kann er auf ausgezeichnete Darsteller zählen. Der weisse Kumpel des Under­coveragenten wird von Adam Driver gespielt, dem Bösewicht aus der aktuellen «Star-Wars»-Serie. Bei der Polizei halten diesen alle für einen Juden, deshalb sei er für Probleme von Minderheiten sensibilisiert. Die Hauptfigur aber verkörpert ein gewisser John David Washington. Wer? «Ach, der ist schon mit sechs Jahren auf meinen Knien gesessen», sagt Spike Lee.

Ja, John David ist der Sohn des grossen Denzel Washington, einer der zahlreichen afroamerikanischen Stars, die Spike Lee entdeckt und gefördert hat. Der Junior hatte zuerst eine Karriere als Footballprofi eingeschlagen und sich erst nach einer Verletzung ernsthaft der Schauspielerei zugewandt. Aber damals, als sein Vater für Spike Lee die Hauptfigur in «Malcolm X» spielte, war John David dabei, trat in einer kurzen Szene als Sechsjähriger auf. Spike Lee macht ihn noch heute mit piepsiger Stimme nach: «Mein Name ist Malcolm X, mein Name ist Malcolm X.» Und sagt dazu: «Das ist alles, was er damals sagen musste. Zum Glück ist er ein besserer Schauspieler geworden.»

Trailer «Malcolm X» (1992). Video: Youtube

In der Tat, John David Washington verbindet Ernsthaftigkeit mit Witz, ganz im Sinn des Regisseurs. Und Spike Lee ist, wie in alten Tagen, ein Filmemacher, der keine Anspielung auslässt. In «BlacKkKlansman» fallen Sätze wie «America first», Parolen, die man vom aktuellen US-Präsidenten kennt, dessen Name im Interview aber noch immer nicht gefallen ist. «Mein Drehbuchschreiber und ich wussten, dass wir unseren Job als Geschichtenerzähler verfehlt hätten, wenn wir keine Verbindung zu unserer Zeit gezogen hätten», sagt Spike Lee. Und setzt zu einem historischen Exkurs über die Geschichte von «America first» an, das im Ersten Weltkrieg erstmals von Präsident Woodrow Wilson als Slogan verwendet worden war und dann in den 1930er-Jahren zum Motto der amerikanischen Nazi-Sympathisanten wurde. «Der Spruch hat eine dreckige Geschichte», sagt Spike Lee. Und: «Durch die intensive Verwendung hat sich der Kerl im Weissen Haus selbst in unser Drehbuch reingeschrieben.»

Wütende Anklage der Rechtsextremen von heute

Das ist Spike Lee. Er jongliert mit der amerikanischen Geschichte genauso wie mit der Frage, ob der Held des 1972 beliebten Trashfilms «Superfly» – es geht um einen Kokaindealer mit Superkräften – die schwarze Sache nun vorwärtsgebracht habe oder nicht. Er inszeniert die Undercoveraktion der Polizisten gerad­linig und spannend, umrahmt sie aber mit einem historischen Prolog, der mit dem Filmklassiker «Vom Winde verweht» beginnt. Und er beendet den Film mit einem wütenden Epilog, in dem die Ereignisse der rechtsextremen Demonstrationen von Charlottes­ville und der Anschlag auf die Gegendemonstration gezeigt werden. Man lacht viel in «BlacKkKlansman», verlässt ihn aber aufgewühlt. So wuchtig war in letzter Zeit kein Film.

Trailer «Superfly» (1972). Video: Youtube

Im Interview dagegen sind wir zum Abschied wieder bei der Geografie. «Die Hauptstadt der Schweiz ist Bern, nächstes Mal weiss ich es auf Anhieb», sagt Spike Lee beim Aufstehen. Wird dann aber noch einmal ernst und stellt die Frage, die ihn in diesem Zusammenhang am meisten beschäftigt: «Gibt es dort auch ein Basketballteam?»

«BlacKkKlansman» läuft ab dem 23. August, vorher gibt es zahlreiche Vorpremieren

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.08.2018, 17:25 Uhr

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