Der grosse Knall am Stadttheater Bern

Als die SonntagsZeitung den Theaterleiter mit ihren Recherchen konfrontieren wollte, trat er per sofort zurück. Die Geschichte hinter dem abrupten Abgang.

Abrupter Abgang: Am letzten Freitag demissionierte Stephan Märki als Berner Stadttheater-Intendant. Foto: Adrian Moser

Abrupter Abgang: Am letzten Freitag demissionierte Stephan Märki als Berner Stadttheater-Intendant. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Ende ging alles ganz schnell. Und dies, nachdem immer mal wieder von Machtmissbrauch, Günstlingswirtschaft und einem Klima der Angst die Rede war, das am Theater herrsche – subventionert mit Steuermillionen. Insgesamt über sechs Jahre hinweg. So lange dauerte zumindest die Intendanz von Stephan Märki am Konzert Theater Bern (KTB), dem grössten Subventionsnehmer der Bundesstadt in Sachen Kultur, dem einzigen Vierspartenhaus der Schweiz, das Oper, Ballett, Schauspiel und ein Orchester unter einem Dach vereinigt.

Vor zwei Monaten begann die SonntagsZeitung zu den Konflikten am Theater zu recherchieren. In dieser Zeit führten wir gut hundert Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern, trafen Insider in Fumoirs, Beizen und Hotels von Bern, sammelten Aussagen und Belege. Bis vorletzte Woche, als wir Stephan Märki zum Interview baten: Während etwas mehr als neunzig Minuten kreisten wir im Büro des Intendanten mit Fragen die Probleme seiner Direktion ein. Bis am vergangenen Freitag um 9 Uhr gaben wir Märki Zeit, das verschriftlichte Interview zu autorisieren, wobei dem Berner Intendanten klargemacht wurde, dass am Grundsatz «gesagt ist gesagt» nicht gerüttelt werden sollte.

Abgang unter Tränen, selbst verschuldete Probleme

Es kam anders: Am Freitag kurz nach neun Uhr teilte eine Mitarbeiterin des Theaters mit, der Intendant verbiete, das Interview für die Berichterstattung über die Vorgänge an seinem Haus zu verwenden; er ziehe es als Ganzes zurück. Bis um 13 Uhr sollte sich die SonntagsZeitung damit einverstanden erklären. Um 14 Uhr gab Stephan Märki im Hotel Schweizerhof in Bern per sofort seinen Rücktritt bekannt.

Wobei Märki – ein ausgebildeter Schauspieler – bei seinem Auftritt vor den Medien seine schriftliche Erklärung nicht zu Ende lesen konnte, da ihm die Tränen bereits in den Augen standen. «Lies du weiter», sagte er zur Stiftungsratspräsidentin Nadine Borter, die neben ihm sass. Mit seiner Erklärung versuchte Märki, sich zum Opfer zu stilisieren. Aber letztlich gab er seinen Kritikern recht: Der 63-Jährige räumte ein, was seit längerem von anderen öffentlich gemacht wurde, was man ihn auch im Interview gefragt hatte – und was er stets bestritt: Dass er eine Beziehung mit einer langjährigen Mitarbeiterin hat, die bereits während seiner Weimarer Intendanz seine Assistentin war, die mit ihm am Berner Theater in der Geschäftsleitung sass – und wegen der es wiederholt zu Konflikten kam. Wobei diese so heftig waren, dass andere Mitarbeiter nicht mehr am Theater arbeiten konnten und wollten.

«Wir haben lange dagegen gekämpft», sagte Märki. Aber es sei so, wie es ist: Seit Frühjahr 2017 sind er und Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation und Sonderprojekte am Berner Theater, ein Paar. Gegen eine Beziehung unter erwachsenen Menschen hat niemand etwas. Auch nicht an einem Stadttheater. Warum dieser Kampf? Warum dieses späte Bekenntnis zur Liebe?

Das Problem in der Beziehung Krempls und Märkis besteht darin, dass beide zur Geschäftsleitung des Theaters gehörten – und sie damit mutmasslich gegen die Regelungen des Hauses verstiessen, sobald sie ein Paar waren. Denn in der Geschäftsordnung wird festgehalten, dass alle Mitglieder der Leitung – der Intendant wie seine Geliebte – bei Interessenkonflikten in den Ausstand zu treten hätten. «Die nicht offengelegte persönliche Verbindung bewirkt im Ergebnis einen Verstoss gegen die Ausstandsregeln der Geschäftsordnung», das ist der Standpunkt des Rechtsanwalts Marcel Brülhart, der bis zum 1. Juli als Stiftungsratspräsident amtierte.

Wer hat in den Vertrag des Schauspielleiters eingegriffen?

Brülhart betont, dass der Stiftungsrat es nicht akzeptiert hätte, dass Stephan Märki und seine Geliebte der Geschäftsleitung angehörten. Wenn man denn gewusste hätte, dass die beiden ein Paar sind. Erfahren habe man davon erst am Dienstag der vergangenen Woche. Also am Tag, nachdem die SonntagsZeitung ihr Interview mit Märki zum Autorisieren nach Bern geschickt hatte.

Die Konsequenzen, die Stephan Märki und Sophie-Thérèse Krempl aus ihrem Liebesverhältnis hätten ziehen müssen, scheinen klar: Krempl hätte die Sonderprojekte am KTB nicht leiten dürfen, solange ihr Partner Intendant war. Und sie hätte nach ihrem Wechsel aus der Schauspieldramaturgie nicht die Leitung der Abteilung Kommunikation übernehmen dürfen, denn auch die gehört zur Geschäftsleitung. Der mutmassliche Verstoss gegen die Geschäftsordnung bleibt nicht der einzige Bereich, in dem es zu Ungereimtheiten kam: In der Geschäftsordnung ist es so geregelt, dass der Schauspieldirektor seine Dramaturgie leitet. Der jetzige Direktor, der wegen Konflikten mit Krempl seinen Vertrag nicht über die nächste Spielzeit hinaus verlängerte, hätte also über die Geliebte des Intendanten bestimmen können, solange diese für seine Dramaturgie tätig war. Das war bis Dezember 2017 der Fall. Zugleich gehörte Krempl als Verantwortliche für Sonderprojekte ebenfalls der Geschäftsleitung an. Diese verschachtelte Struktur von sich widersprechenden Hierarchien machte die Geschäftsleitung so kompliziert und anfällig für Konflikte.

Aber das war nicht der einzige Grund, warum es am KTB zu Unklarheiten kam: Im Vertrag des jetzigen Schauspieldirektors Cihan Inan wird nicht erwähnt, dass Inan die Dramaturgie leitet. Das sagt Marcel Brülhart, der den Vertrag mitunterzeichnet hat. Gewiss, am Stadttheater Bern zählt allein die übergeordnete Geschäftsordnung, die Teil der Verträge ist. Dennoch stellt sich die Frage, ob und warum Stephan Märki eigenhändig eine Änderung im Vertrag des Schauspieldirektors vorgenommen und den Vertrag dem Stiftungsratspräsidenten zur Unterschrift vorgelegt hat?

«Claudia Meyer ist neben den fünf alten Ensemblemitgliedern die einzige ästhetische Setzung, die ich dir als Bedingung für die Schauspieldirektion vorgegeben habe.»E-Mail von Stephan Märki

«Wir haben Berufliches und Privates voneinander getrennt», sagte Märki bei seinem Rücktritt. Hat er das wirklich? Die jetzige Geliebte ist nicht die einzige Person aus seinem Liebesleben, mit der er am Stadttheater Bern zusammengearbeitet hatte: Märki setzte es auch durch, dass seine frühere Lebensgefährtin Claudia Meyer am Berner Theater als Hausregisseurin verpflichtet wurde. In dieser Funktion hatte Meyer nicht nur jedes Jahr Anrecht auf zwei Regiearbeiten am KTB, sie konnte es auch mitprägen, indem sie bei der Auswahl der Schauspieler beteiligt war. Und dies, obwohl Meyer mit wenigen Ausnahmen nur an Häusern inszeniert hatte, die Märki leitete. Also auf eine Regiekarriere zurückblickt, deren Qualität und Eigenständigkeit man hinterfragen kann.

«Claudia Meyer ist neben den fünf alten Ensemblemitgliedern die einzige ästhetische Setzung, die ich dir als Bedingung für die Schauspieldirektion vorgegeben habe», heisst es in einer E-Mail, die Stephan Märki am 8. Januar 2016 seiner damaligen Schauspieldirektorin schickte. «Jetzt hast du dich auch daran zu halten.» Seitens des Berner Stadttheaters war wiederholt von «flachen Hierarchien» in der Geschäftsleitung die Rede. Wie die E-Mail von Märki belegt, wurden diese in entscheidenden Momenten nicht gelebt.

Versagt hat nicht zuletzt die Berner Exekutive, die noch vor einigen Tagen auf Anfrage dem scheidenden Intendanten ihr Vertrauen aussprach. Und sich sicher war, dass man am Theater die Lektionen aus früheren Konflikten gelernt habe, die zahlreich gewesen waren: Während Märkis sechsjähriger Intendanz gaben drei Schauspieldirektoren überraschend ihren Abschied bekannt.

Geht man gegenüber dem Berner Gemeinderat ins Detail, erhält man nicht nur zweifelhafte Informationen, sondern auch solche, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können: Woher etwa nahm der Gemeinderat noch im Juni die Sicherheit, dass das Theater trotz zahlreicher, äusserst ungewöhnlicher Wechsel in Leitungspositionen im Vergleich zu anderen Theatern «eine hohe Stabilität» aufweise? Man stütze sich dabei «auf Angaben von KTB», teilte der Gemeinderat mit. Hat die Exekutive gar keine eigenen Abklärungen getroffen und blind vertraut?

Der Intendant erhält einen goldenen Fallschirm

«Ab jetzt bin ich privat», sagte Märki, als er am Freitag nach Verlesen seiner Erklärung sein Köfferchen in die Hand nahm, das er gerne mit sich führt, und sich von den Medien verabschiedete. Ohne Fragen zuzulassen. Mitleid mit Märki muss man nicht haben. Einerseits, weil er bis Ende April 2019 weiter seinen Lohn als Intendant erhalten wird. Zudem wird Märki mit «Tristan und Isolde» am Stadttheater Bern im nächsten Frühjahr eine Oper inszenieren. Märki wird dann 64 Jahre alt und im pensionsfähigen Alter sein.

Gut unterrichtete Quellen sagen, dass es nach Märkis Liebesbekenntnis Anfang dieser Woche zum Bruch zwischen ihm und dem Stiftungsrat gekommen ist – und hinter den Kulissen nach einer Lösung gesucht wurde, wie man sich möglichst rasch vom Intendanten trennen konnte. Und zwar ohne dass man sich genötigt sieht, Märki bis zum Vertragsende den Lohn auszuzahlen, was den Steuerzahler teurer gekommen wäre, denn der Intendantenvertrag wäre noch für drei Jahre gültig gewesen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.07.2018, 10:40 Uhr

Artikel zum Thema

Abrupter Abgang

Der umstrittene Intendant des «Konzert Theater Bern», Stephan Märki, tritt per sofort zurück, wie er an einer emotionalen Medienkonferenz bekanntmachte. Mehr...

Subventionierter Machtmissbrauch

Analyse Nach dem Rücktritt des Intendanten müssen die Vorgänge am Berner Stadttheater lückenlos aufgeklärt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...