Der Eiskalte übernimmt Verantwortung

Er wollte wie Maradona sein, er ist Ricardo Rodriguez geworden – und das ist sehr gut so.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Rostow am Don Ricardo Rodriguez hat seine Art, die Dinge zu verknappen. Er ist nicht der Typ, der nach einem Spiel alles, was passiert ist, in lange Sätze verpacken kann. Und wenn er etwas nicht kann, versucht er es gar nicht erst. So sagt er das selbst.

Rodriguez wird gefragt, wie das jetzt so sei in Toljatti. Er ist nicht der Erste, der etwas darüber berichten soll. Yann Sommer hat zum Beispiel von einem «sehr idyllischen» Ort geredet. Aber Rodri-guez sagt: «Am Anfang habe ich gedacht: Wo sind wir jetzt hier?»

Man muss erst auf die Idee kommen, Toljatti, diese Autostadt 1000 Kilometer hinter den Lichtern von Moskau, zum Basislager für diese WM zu machen. Der Schweizer Fussballverband hat sie gehabt, er hat ein Hotel direkt an der Wolga für sich bekommen und einen neu verlegten Rasen im Trainingsstadion. Rodriguez befindet nun: «Das hat er gut gemacht.»

«Viel ist möglich. Klar wollen wir gewinnen.»

Die Spieler sind gut bewacht. Nur eine kleine Strasse führt zu ihrem Quartier, das zum Hoch­sicherheitstrakt abgeriegelt ist, wie das bei grossen Fussballturnieren inzwischen der Standard ist. ­Heute gibt es kein Verstecken mehr, ­heute ist Brasilien. «Gut, dass es losgeht», sagt Rodriguez diese Woche. «Das erste Spiel. Viel ist möglich. Klar wollen wir gewinnen.»

Vor ein paar Wochen, es war drei Tage vor Beginn der WM-Vorbereitung, wurde er schon einmal zur WM befragt, zu den Aussichten für die Schweiz, was für sie wohl möglich sei. Auch da redete er in kurzen Sätzen, aber irgendwie fühlte er sich unbeschwert und gut aufgehoben mit seinen Brüdern Roberto und Francisco an der Seite. Es war ja auch seine Heimat, in der er im Mittelpunkt stand, seine Heimat ist Schwamendingen, das Schulhaus Auzelg. Das ist da, wo das 10er-Tram die grosse Schleife macht und zurück in die Stadt Zürich fährt.

Es ging um das eben erschienene Buch «Rodriguez – Drei Brüder, eine Familie». Die Rückkehr zu den Wurzeln war eine Werbeveranstaltung mit Bier und Würsten, die gesponsert waren, Festbänken, einem Lastwagen als Bühne und TV-Moderator Röbi Koller, der den Brüdern Fragen stellte.

Die Schweizer bereiten sich in Rostow am Don auf das grosse Spiel vor. Video: Tamedia

«Ich will in den Final. Das ist ja normal ...»

Koller fragte Ricardo nach der WM, nach den Chancen für die Schweiz. Und Ricardo sagte Rodriguez-Sätze: «Wir haben eine gute Mannschaft. Wir haben es zweimal in den Achtelfinal geschafft. Jetzt denke ich, dass wir den Viertelfinal schaffen müssen. Ich will in den Final. Das ist ja normal.»

Das ist ja normal … Bei vielen würde sich das arrogant anhören, aber nicht bei ihm, denn er ist ­vieles, nur eines nicht: arrogant. Er selbst mag ein Wort um einiges lieber. Eiskalt. Zumindest macht er diesen Eindruck, weil er es in seine Sätze immer wieder einbaut. «Wir müssen eiskalt sein», sagt er vor dem Match gegen Brasilien.

Er wird es sein, kein Zweifel, denn er ist es immer. Er ist es schon immer gewesen. Woher das kommt? «Schwer zu sagen», sagt er, «auf dem Feld sieht man halt die Ruhe, die ich habe.» Was er an Nervosität vor dem Spiel verspürt, verliert er, sobald es begonnen hat.

Den Willen zu überleben

Das muss in seinen Genen liegen, an seiner Geschichte, die vor knapp 25 Jahren mit einer schweren Krankheit begann. Da war diese Zwerchfellhernie, die Bauchorgane waren falsch platziert, mehrere Operationen waren nötig. Die Ärzte sagten, die Chancen stünden 50 zu 50, und bestellten einen Pfarrer. «Ich habe viel gesehen», sagte Rodriguez auf dem Lastwagen zu Koller, «auch Kinder, die noch schlimmer ausgesehen haben als ich.»

Er hatte den Willen zu über­leben, sich durchzusetzen. Und er hatte das Glück, über ein besonderes Talent zu verfügen. Das war der Fussball. Nur den hatte er im Kopf, nichts sonst. Mit 10, 12 Jahren legte er sich fest, was er ­werden wollte. In der Schule war er nicht gut, «ich ging auch nicht so gerne hin», erzählte er dem ­«Tages-Anzeiger» einmal, «also war mir klar, dass ich etwas machen musste, das ich beherrschte.»

Er ging den Weg, den die Ärzte ihm nicht zugetraut hatten. Und wenn es nicht geklappt hätte? «Ich befürchte, dass es schwierig geworden wäre.»

Die Nummer 68 tragen sie alle

Aber er wäre nicht endlos gefallen, die Familie hätte ihn aufgefangen, mit dem Vater aus Spanien und der Mutter aus Chile. Die Mutter, Marcela, war die starke Kraft der Rodriguez aus Schwamendingen. Sie betete, dass ihre drei Söhne es schaffen, Profis zu werden. Ricardo sagt: «Wir glauben an Gott. Ein Tor widmen wir immer unserer Mutter. Sie schaut immer zu.» Die Mutter ist im November 2015 an Krebs gestorben. Die drei Söhne tragen im Club die 68 zu ihren Ehren, es ist ihr Jahrgang.

Ricardo spielte für den FCZ und für Wolfsburg, wo er jährlich bis zu 8 Millionen Euro verdiente. Seit einem Jahr für Milan, er kam für eine Ablöse von 20 Millionen Franken und verrichtet seither seine Arbeit wie ein Metronom. Er spielt auch hier, als wäre er auf dem Pausenplatz seiner alten Schule.

Lob vom Captain Lichtsteiner: Ich und Rodriguez harmonieren. Video: Tamedia

Wer ist als Linksverteidiger besser als Rodriguez?

Als er Ende Mai dahin zurück­gekehrt war, erwiesen um die 500 Leute ihm und seinen Brüdern die Ehre. Sie applaudierten ihnen, ­viele holten Autogramme, ein paar kauften sich das Buch, und Rodriguez erzählte: «Früher wollte ich Maradona sein.»

Dazu hat es trotz des linken Fusses nicht ganz gereicht, Rodriguez ist Linksverteidiger geworden, aber immerhin einer, der einen zum Nachdenken anregt: Wer ist auf dieser Position weltweit besser als er? Marcelo, klar, Jordi Alba, David Alaba. Viele sind es sonst nicht mehr, die sich ­aufdrängen. Rodriguez mag bei dieser Spielerei davon profitieren, dass es auf seiner Position kein Überangebot an Klasseleuten gibt. Ihn braucht das nicht zu stören.

Mit 19 debütierte er im Nationalteam, im Oktober 2011 in Wales, das war zwei Jahre nach dem Gewinn der U-17-WM. Wer ihn seit jenem Tag bei Zusammenzügen neben dem Platz sucht, muss nur nach Granit Xhaka ­Ausschau halten. Die beiden sind unzertrennlich, «Pilz» nennen sie einander, einfach so.

Freistösse, Corner und Elfmeter: Rodriguez

Seit jenem Tag in Wales gibt es auch keine Frage mehr, wer bei der Schweiz links hinten verteidigt. Dass er nicht so dynamisch wirkt, soll nicht zum Eindruck verleiten, er sei langsam. Rodriguez ist vor allem gedanklich schnell. Das hilft ihm, auch Sprinter wie Robben oder Di Maria zu kontrollieren. «Wie viele Tore fallen über meine Seite?», fragt er. Den Ball spielt er sauber und präzis, auch in höchster Bedrängnis. Er tritt Freistösse und Corner. Und Elfmeter.

Rodriguez beim Elfmeter: Einfach eiskalt. Video: SRF

So war das letzten November, im verregneten Belfast, als die Schweiz in der WM-Barrage gegen Nord­irland einen Elfmeter zugesprochen erhielt. Es stand 0:0, es war die Chance zum Sieg in der 58. Minute. «Alle erwarteten, dass ich ihn reinmache», erzählte er. Das nennt man Drucksituation, er denkt sich: «Es käme nicht gut, wenn ich in ­diesem Moment Angst hätte.»

Er legte sich den Ball hin, lief an, sah, dass der Torhüter in eine Ecke ging, und schob den Ball in die andere. Später wurde er gefragt, was das für eine Qualität sei. Er sagte: «Entweder kann man das, oder man kann es nicht. Ich kann es einfach.» Darum gewann die Schweiz die Barrage und konnte Rodriguez im Auzelg munter vom WM-Final als Ziel reden.

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