Das Verhoeven-Evangelium

Der «Basic Instinct»-Regisseur erfindet sich wieder einmal neu – und präsentiert mit dem Isabelle-Huppert-Film «Elle» eine hinterhältige Provokation.

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Matthias Lerf@MatthiasLerf

Eigentlich wollte Paul Verhoeven schon lange einen Jesus-Film drehen, er ist Christ, hat ein Buch über den Heiland geschrieben. Aber dieser Film ist immer an der Finanzierung gescheitert. Deshalb drehte er einen über ein Vergewaltigungsopfer. Und ist mit «Elle» plötzlich wieder im Geschäft.

Jesus? Paul Verhoeven ist doch der Regisseur von sexuell aufgeladenen Hits wie «Basic Instinct» und des legendären Flops «Showgirls». Es gab eine Zeit, da tanzte in Hollywood alles nach seiner Pfeife. Aber zwischendurch, wenn er Zeit hatte, forschte er immer wieder über Jesus, versuchte die Figur ohne theologischen Überbau zu erfassen. Und auf die Frage, wieso das lange niemand wusste, pflegte er zu sagen: «Hätte ich etwa mit Arnold Schwarzenegger über meine Jesus-Theorien diskutieren sollen?» Nein, mit ihm drehte er «Total Recall».

Der Golden Globe und eine Oscarnominierung

Aber das ist lange her, Verhoeven ist inzwischen 78 Jahre alt. Und als der in Hollywood bekannt gewordene Holländer im vergangenen Mai plötzlich in Cannes mit einem französischen Film auftauchte, nachdem er zehn Jahre lang nichts mehr realisieren konnte, und dieser Film erst noch ganz am Ende des Festivals programmiert wurde, war allen klar: Die Aufnahme in den prominentesten Filmwettbewerb der Welt ist eine Art Gnadenbrot für den legendären Regisseur. Aber siehe da. «Elle» rüttelte die ermüdeten Kritiker noch einmal gehörig durch. Wurde zu einem der meistdiskutierten Filme der Saison. Und brachte Isabelle Huppert zu Beginn dieses Jahres einen Golden-Globe-Gewinn und soeben eine Oscarnomination.

Ja, am Anfang und am Ende dieses Films steht die französische Ausnahmeschauspielerin. Isabelle Huppert las den Roman «Oh ...» des französischen Schriftstellers Philippe Djian gleich nach dessen Erscheinen im Jahr 2012. Sie war fasziniert vom Buch, dessen Originaltitel (in der deutschen Übersetzung heisst es ebenfalls so) sich auf die Reaktion einer erfolgreichen Geschäftsfrau bezieht, die in ihrem Haus von einem Maskierten überfallen und vergewaltigt wird. «Oh ...», sagt sie nur, tut gegen aussen so, als ob nichts gewesen wäre, lässt sich aber auf ein gefährliches und zerstörerisches Spiel mit dem Peiniger ein.


«Was für eine Provokation, das will ich spielen», sagte sich la ­Huppert, schlug den Stoff dem Polanski-Produzenten Saïd Ben Saïd vor, der die Rechte erwarb und bald darauf Verhoeven engagierte. Auch der sah das Potenzial, wollte aber höher hinaus und ein Comeback in Hollywood versuchen, mit einem US-Star, «am liebsten der Sharon Stone von heute», wie er in Cannes erzählte (ohne zu sagen, wen er genau meinte). Der Amerikaner David Birke schrieb das Drehbuch, die Geschichte spielte nun in Seattle, alles war bereit.

Aber es fand sich kein Star weit und breit. Niemand auf der A-Liste wollte sich den Ruf mit diesem Thema ruinieren. Verhoeven blieb nichts anderes übrig, als sein Drehbuch zurück ins Französische übersetzen zu lassen und bei Isabelle Huppert zu Kreuze zu kriechen. Die sagte, trotz allem ... nein, nicht «Oh», sondern «Oui».

Eine dunkle Vergangenheit und lächerliche Männer

So entstand der im besten Sinn des Wortes hinterhältigste Film seit langem. Und zwar nicht nur wegen der Vergewaltigung, die zum Motor der Geschichte wird (siehe Interview). Sondern auch, weil diese Frau – Elle – ihren einmal eingeschlagenen Weg konsequent weitergeht und Stärke verkörpert, wo sie auch schwach ist. Und weil es eine psychologische Erklärung für ihr Verhalten gibt, die aber so hanebüchen ist, dass sie niemals ernst gemeint sein kann. Und, ach ja, weil Jesus am Rand auch noch seinen Segen gibt – oder je nach Interpretation alles verdammt.

Konkret: Isabelle Huppert spielt die Inhaberin einer Videospielfirma, die ihre Untergebenen mit harter Hand führt. Sie lebt allein mit ihrer Katze in einer Vorortsvilla, hält sich den Mann ihrer besten Freundin als Liebhaber, ist garstig zu ihrer Mama, die sie wieder verheiraten will. Es gibt eine sehr dunkle Vergangenheit, lächerliche Männer um sie rum (zum Beispiel den Ex-Mann und den Sohn) sowie eine Nachbarin, die so blond ist wie gläubig (hinreissend: die französischsprachige Entdeckung des Jahres Virginie Efira). Alles passt perfekt zusammen, ist auf den ersten Blick – ja, man muss es so sagen, auch bei diesem Thema – wunderbar unterhaltend. Auf den zweiten Blick aber ...

Paul Verhoeven sorgt für ­Kontroversen wie eh und je

Verhoeven ist ein Regisseur des zweiten Blicks, unter der glatten Oberfläche seiner Geschichte ist stets mehr verborgen. Das ist vielleicht das einzige Konstante in einer Karriere, in der er sich mehrere Male neu erfand (ausser den ewig wiederkehrenden Themen wie Sex, Krieg, Religion natürlich). In den 1970er-Jahren war er in seiner Heimat der zornige Provokateur. Mitte der 1980er wurde er dann Hollywoodregisseur, der vor nichts zurückschreckte, mit allen Genreregeln spielte und enorm erfolgreich war. Dann kam «Showgirls», seine glitzernde Sozialstudie über eine Stripperin, die – er galt damals als «schlechtester Film aller Zeiten» – zum totalen Flop wurde. «Von da an haben sie mir in Hollywood nur noch lächer­liche Science-Fiction-Filme angeboten», sagt Verhoeven.

Doch – zweiter Blick – «Showgirls» gilt unterdessen längst als Kultfilm und hat Fans auf der ganzen Welt (Quentin Tarantino gehört genau so dazu wie der vor einem Jahr verstorbene strenge Franzose Jacques Rivette). Verhoeven aber drehte noch zwei «lächerliche Filme» in Hollywood, zog sich nach Holland zurück – um jetzt als französischer Regisseur aufzutauchen: «Wirklich Kopfschmerzen bei den Dreharbeiten machte mir nur die Frage, ob ich die Sprache gut genug beherrsche.»

Es hat gereicht. «Elle» spielt bei den Oscars, bei den Césars und wie die Preise des Winters alle heissen, eine Hauptrolle. Und wichtiger: Er sorgt für Kontroversen wie eh und je. Aber bevor man vorschnelle Schlüsse zieht – Vergewaltigungsfilm, puhh – sollte man ihn sich ein zweites Mal ansehen. Oder wenigstens ein zweites Mal darüber nachdenken. Es lohnt sich.

Und jetzt? Verhoeven will unbedingt in Frankreich weiterarbeiten. Er plant einen Film über die Résistance in Lyon. Und natürlich denjenigen über Jesus.


«Elle»: ab Donnerstag im Kino


Paul Verhoeven zu «Elle», Vergewaltigungen und Comebacks

Ist Ihr neuer Film eine Vergewaltigungskomödie?
Blödsinn. Es stimmt, da gibt es eine Vergewaltigung. Später tauchen komödiantische Elemente auf. Aber niemand lacht, wenn diese Frau misshandelt wird.

Sie reagiert kaum auf die Gewalttat, führt ihr ­Leben weiter.
Jawohl, diese Frau tut das. Andere würden ganz anders reagieren, zum Beispiel die Polizei informieren. Das wäre eine sinnvolle Reaktion, aber es gäbe keinen Film.

Also ist die Vergewaltigung doch unterhaltend?
Damit das klar ist: Eine Vergewaltigung ist niemals unterhaltend, sondern ein schweres Verbrechen. Eine Frau anzufassen, wenn sie das nicht will, geht bereits Richtung Vergewaltigung. Das ist meine feste Überzeugung. Aber mit «Elle» habe ich einen Film über diese bestimmte Figur gedreht. Sie steht nicht für alle da.

Ohne Isabelle Huppert wäre das ­unvorstellbar!
Der Film ist 100 Prozent Huppert.

Was heisst das?
Es gibt eine Szene, bei einer Weihnachtseinladung, in der sie einem Mann eine fürchterliche Geschichte erzählt. Ihr Zuhörer ist völlig fertig. Sie jedoch schlägt ihm aufs Knie, sagt «pas mal, eh!» und steht auf, als ob nichts geschehen wäre. Das sind nur drei Worte, die sie selber hinzufügte, aber sie verbessern die Szene ungemein.

Was ist speziell an ihrer Figur?
Sie will kein Opfer sein, nicht einmal als Opfer angesehen werden. Am Ende gewinnt sie, ohne im Stil eines Rachethrillers zu wüten.

Ihnen war schon klar, dass Sie ­damit anecken würden?
Ich habe meine Moralvorstellungen, aber die decken sich nicht immer mit denjenigen des Publikums. Das ist mir egal, denn sobald ich an die Zuschauer denke, gehe ich Kompromisse ein. Da ecke ich lieber an. Das tat ich ja schon oft.

Wieder einmal ist von Ihrem Comeback die Rede!
Ist es das zweite Comeback? Oder schon das dritte? Ich habe aufgehört zu zählen.

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