Handyerziehung in 14 Punkten

Smartphone-Verbote für Kinder bringen nichts. Was Eltern stattdessen tun können, erklärt ein neues Buch.

Es gibt keine Familie, die den Medienkonsum der Kinder im Griff hat – und wer was anderes behauptet, lügt. Foto: Getty Images

Es gibt keine Familie, die den Medienkonsum der Kinder im Griff hat – und wer was anderes behauptet, lügt. Foto: Getty Images

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Die Mutter schwankt zwischen ewigem Kampf und Resignation. Wenn ihre Tochter am Nachmittag von der Schule nach Hause komme, habe sie fünf Minuten Zeit, den Teenager zu fragen, wie der Tag war. Als Antwort folgt der nicht gerade erhellende Einwortsatz: «Gut.» Dann verschwindet die Jugendliche in ihr Zimmer und chattet mit Freundinnen oder schaut sich an, was sie auf Instagram verpasst hat. Hausaufgaben? Nicht so wichtig. Der Bruder ist zwar nicht so oft auf Whatsapp unterwegs, versinkt dafür aber ­regelmässig in Youtube-Filmchen oder nicht enden wollenden Videospielen. Der Konflikt ist programmiert. Die Mutter sagt, sie kenne keine Familie, die den ­Medienkonsum ihrer Kinder im Griff habe.

«Und diejenigen, die das behaupten, lügen», ergänzt Thomas Feibel etwas überspitzt in der witzigen und hintergründigen Art, mit der er auch seinen flott zu lesenden Elternratgeber geschrieben hat, der kürzlich erschienen ist. Der deutsche Autor und Medienexperte ist oft in Schulen unterwegs und spricht mit Eltern, Kindern, Lehrern und Wissenschaftlern über das Thema neue Medien. Den Titel seines Taschenbuches «Jetzt pack doch mal das Handy weg!» möchte er explizit doppeldeutig verstanden wissen. Und so muss sich die Leserschaft, die auf einfache Patentrezepte hofft, wie sie dem Nachwuchs die Elektro­geräte wieder abgewöhnen kann, erst einmal mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen. «Ich erlebe immer wieder, dass mir Kinder sagen, ihre Eltern sollten doch mal das Handy weglegen und ihnen zuhören», sagt Feibel.

Der Autor sieht es kritisch, wenn eine Mutter oder ein Vater für einen Anruf – «da muss ich jetzt ran» – den Nachwuchs stehen lässt. Natürlich müssten die Kleinen ­lernen, dass sie auch mal warten müssen. Aber wenn ständig das Smartphone wichtiger ist, «dann rächt sich das schon ein paar ­Jahre später».

Ein Radio, ein Fotoapparat, ein Videogerät und eine Agenda

Und das geht schneller, als man denkt, schliesslich besitzt von den 6- bis 13-Jährigen in der Schweiz etwa jedes zweite Kind ein eigenes Handy und von den bis zu 19-Jährigen dann so gut wie jeder Jugendliche. Dabei ist das Smartphone nicht für Kinder gemacht, was Feibel so beschreibt: «Als der selige Steve Jobs seinerzeit mit seinem Team am ersten iPhone herum­bastelte», habe er bestimmt keine fröhlich vor sich hinstiefelnden ­Primarschüler mit Prinzessin-Lillifee-Thek als Zielgruppe im Sinn gehabt.

Vor Smartphones und Tablets ging alles in der Erziehung ein wenig einfacher, räumt Feibel ein, der selbst vier Kinder hat, das jüngste ist 16 Jahre alt. Den Fernseher im Wohnzimmer zu ignorieren ist einfacher, der «klingelt, bimmelt und vibriert ja auch nicht». Ausserdem kann man mit ihm nur fernsehen. Das Smartphone hingegen ist ein Wecker, ein Kommunikationsmittel, ein Radio, ein Videogerät, ein Taschenrechner, eine Agenda, ein Fotoapparat, ein Spiegel (wenn die Selfies genutzt werden, um zu schauen, ob die Frisur sitzt).

Wir haben es beim Smartphone also mit einem komplett anderen Medium zu tun. Wenn die Kinder vor dem Fernseher, dem Computer oder der Playstation hocken, wissen ihre Erzieher zumindest ansatzweise, was sie tun und wie lange sie dort ihre Zeit verbringen. Mit dem Smartphone und unbegrenztem Internetzugang indes entzieht sich der Nachwuchs weitestgehend der Kontrolle.

Von rigorosen Handyverboten hält Feibel aber nichts, schon gar nicht als Strafe. Das sei eine «erzieherische Kapitulation», sagt der Autor. Dabei meinen es die meisten Eltern nur gut. Sie haben die Warnungen von Wissenschaftlern im Kopf. Ein prominenter Vertreter ist der deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer, der mit seinem Buch «Digitale Demenz» vor einigen Jahren einen gewissen Alarmismus verbreitete: Insbesondere bei dem sich noch entwickelnden ­Gehirn von Kindern und Jugendlichen verminderten Bildschirmmedien drastisch die Lernfähigkeit. Und es gebe keine Studie, die einen Nutzen des Computers für Kinder und Jugendliche zeige, lautet eine unter Experten umstrittene Aussage Spitzers. Zudem warnt er vor der Onlinesucht.

Die Onlinezeit alleine ist kein Mass für eine Sucht

Von derartigen absoluten Thesen und vor allem den strikten Empfehlungen, die sich daraus ableiten, hält Daniel Süss, Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, nichts. Die meisten Jugend­lichen in der Schweiz zwischen 12 und 19 Jahren zeigen ein «unproblematisches Onlineverhalten», belegen die neuen Zahlen, die Süss zusammen mit seinem Team im Auftrag der Swisscom erhoben hat. Vier Fünftel der Teenies hätten demnach ihre Internetnutzung im Griff. «Knapp zwölf Prozent zeigen jedoch ein risikohaftes Onlineverhalten und weitere neun Prozent gar ein problematisches», sagt Süss.

Dabei sage allein die Zeit, die der Nachwuchs am Handy verbringt, noch nichts darüber aus, ob eine Sucht besteht. «Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel politisch sehr engagiert ist und dazu oft das Internet nutzt, ist das etwas ­anderes, als wenn er Videogames spielt», sagt Süss.

Was können Eltern also tun, damit ihr Nachwuchs lernt, Handy und Tablet auch mal wegzulegen und nicht in eine Onlineabhängigkeit hineinrutscht? Das Ziel müsse sein, den Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit Onlinemedien zu vermitteln, sind sich Daniel Süss und Thomas Feibel einig. Je früher, desto besser.

Aufklären über Datenschutz: Den gibt es nicht im Internet

Wichtig sei, von vornherein Regeln aufzustellen – gemeinsam mit dem Kind. Auch Routinen einzuführen, sei hilfreich, etwa dass Tochter und Sohn, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, ihr Gerät in einen Korb legen oder auf die Ladestation – ausserhalb ihres Zimmers – und erst ihre Aufgaben erledigen.

Von den Eltern verlangt Feibel, dass sie sich mit dem beschäftigen, was ihre Töchter und Söhne am Smartphone, Tablet und Computer treiben und sie anleiten und aufklären: «Die Kinder und Jugendlichen sollten so wenig von sich preisgeben wie möglich, Datenschutz im Internet gibt es nicht», betont der Fachmann. Sie sollten zudem wissen, dass Facebook und Co. Daten verkaufen, aus denen Firmen Algorithmen entwickeln, um Produkte zu be­werben. Dass es aber auch möglich ist, durch gezielte Informationen die Meinungen der späteren ­Wählerinnen und Wähler zu beeinflussen.

Feibel rät aber auch zu mehr Gelassenheit. Statt das Tun der Kinder zu verteufeln, könnten ­Eltern zeigen, wie sich das Smartphone kreativ nutzen lässt. «Jungs, die sich stundenlang mit Ballerspielen beschäftigen, wissen oft gar nicht, dass es auch andere, anregendere Spiele gibt», sagt Feibel. Eltern sollten ein hohes Problembewusstsein haben und sich vor ­allem Zeit nehmen, herauszu­finden, was ihr Kind am Handy, ­Tablet oder Computer macht und wovon es fasziniert ist. Um mehr über Youtube, Instagram, Whats­app, Snapchat oder «Clash of Clans» zu erfahren, können die Erziehungsberechtigten einfach ­«Experten befragen, die sich exzellent mit dieser Thematik aus­kennen und diese sogar sehr gut erklären und vermitteln.» Diese Fachleute seien meist kleiner als viele Mitmenschen – «und wohnen bei uns zu Hause», schreibt Feibel.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.10.2017, 10:50 Uhr

Buchhinweis

Thomas Feibel, «Jetzt pack doch mal das Handy weg! Wie wir unsere Kinder von der digitalen Sucht befreien»,

Ullstein-Verlag, 11.50 Franken

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