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Das Geheimnis von Pilates

Im Spitzensport machen es längst alle: Das Training, das ein deutscher Preisboxer im letzten Jahrhundert entwickelt hat.

Bettina Weber

Bei Balletttänzerinnen, diesen grazilen Kraftmaschinen, gehört es zur Standardausbildung. Aber auch bei Rugby-Spielern und Roger Federer ist es Teil des regelmässigen Trainings – weil man im Spitzensport längst um die Vorteile von Pilates weiss.

Aber auch wenn viele den Namen schon einmal gehört haben, scheint oft unklar, worin genau diese als besonders effektiv geltende Methode besteht. Oder es heisst, es handle sich um einen «Frauensport», womit gesagt werden soll, es sei nicht sehr intensiv. Tanja Frey, diplomierte Tanz- und Bewegungstherapeutin und seit 10 Jahren Pilates-Trainerin in Zürich (goodvibespilates.ch), lächelt, wenn sie das hört. Und sagt, sie habe als Bewegungsmensch und während ihrer Ausbildung viele Sportarten ausprobiert – und sei immer wieder zu Pilates zurückgekehrt.

Warum, erklärt sie hier.

Was ist Pilates genau?

Ein Training für Körper und Geist, entwickelt vom Deutschen Joseph Pilates. Der ganze Bewegungs­apparat wird mobilisiert, geschmeidiger und flexibler, es erhöht Kraft, Stabilität, Ausdauer und Koordination und sorgt für eine bessere Haltung. Durch Pilates wird man auch in jeder anderen Sportart besser, weil es hilft, den Körper ergonomischer und effizienter zu nutzen. Im Zentrum steht die Kräftigung der tiefen Rumpfmuskulatur: Das sind die Muskeln in der Lendengegend, zwischen Rippenbogen und oberem Beckenrand.

Das klingt nach schrecklich vielen Sit-ups.

Mit dem Rumpf ist nicht nur der Bauch gemeint, dazu gehören auch Rücken und Beckenboden! Ein starkes Zentrum ist essenziell. Es sorgt zum Beispiel für eine gesunde Wirbelsäule – so gesehen, ist Pilates auch ein Anti-Aging-Workout.

Weshalb?

Wenn man davon ausgeht, dass man sich so alt fühlt, wie sich die Wirbelsäule anfühlt, dann macht Pilates jung, denn die Wirbelsäule wird gestärkt und beweglicher: Wer mit 80 noch Ski fahren kann, weil der Rücken mitmacht, fühlt sich jung. Genauso wie jemand, der in diesem Alter noch stolz aufrecht gehen kann. Pilates verbessert die Haltung – was nützt der schönste Körper, wenn man krumm dasteht?

Bekommt man denn einen schönen Körper?

Pilates macht lange, schlanke Muskeln, keine Berge. Es sorgt für einen harmonischen, ausgeglichenen, gesunden Körper. Man wird von innen gestrafft, weil an der tiefen Muskulatur gearbeitet wird. Die Bewegungen werden geschmeidiger, es zieht einen in die Länge – ich bin danach aufrechter als ­vorher, und nicht nur gefühlt, ich finde sogar, das sieht man mir auch an.

Für wen ist es geeignet?

Für alle. Und zwar auch als Prävention und als Rehabilitationstraining, gerade bei Rücken- oder Kniebeschwerden. In vielen Physiotherapien werden Methoden aus dem klassischen Pilates angewendet. Es ist kein Übertraining möglich, es besteht nicht die Gefahr, dass man wegen einer Verletzung pausieren muss.

Wodurch unterscheidet sich Pilates von Yoga?

Die beiden sind sich ähnlich und doch komplett verschieden. Bei beiden ist die Atmung wichtig: Beim Pilates steht dabei mehr der Brustkorb, beim Yoga mehr der Bauch im Fokus. Was heute oft vergessen geht: Der Grundgedanke beim Yoga besteht darin, über den Körper zur Spiritualität zu finden. Beim Pilates soll das Training den Körper stärken, ihn gesund und kräftig machen. Der Körper soll damit für den Alltag gewappnet sein und zwar so lange wie möglich.

Pilates ist aber auch ein Training für den Geist – ­inwiefern?

Einer der Lieblingssätze von Joseph Pilates stammte von Friedrich Schiller: «Es ist der Geist, der sich den Körper baut.» Heisst: Der Geist soll den Körper kontrollieren. Man kann nicht einfach abschalten. Man muss zu sich kommen und sich auf die Übungen, auf die Atmung konzentrieren. Das braucht ein wenig Geduld.

Wieso?

Weil es entscheidend ist, dass die Übung absolut korrekt ausgeführt wird. Im Pilates genügen oft fünf Wiederholungen – weil Qualität vor Quantität kommt. Nur richtig ausgeführt hat die Übung den erwünschten Effekt, die kleinste Abänderung verändert alles.

Was ist das Anstrengende an Pilates?

Beim Pilates werden die tiefen, stabilisierenden Muskeln aktiviert, das muss man zuerst lernen. Sind die gestärkt, hilft das bei jeder Bewegung, um sie effizienter zu machen. Anstrengend ist es auch, weil in vielen Übungen eine Dehnung drin ist – das mögen gerade Männer anfangs nicht so, weil sie weniger beweglich sind.

Gilt es deshalb als «Frauensport»?

Es ist eigentlich ein sehr männliches Training! Joseph Pilates hatte seine Übungen ursprünglich für Boxer konzipiert, er war selbst einer. Deshalb waren die meisten Übungen für Frauen anfangs viel zu streng. Seine engste Mitarbeiterin hat das Training für den weiblichen Körper angepasst.

Wie lange dauert es, bis sich ein sichtbarer Effekt einstellt?

Joseph Pilates sagte es so: «Nach 10 Stunden spürst du den Unterschied, nach 20 Stunden siehst du einen Unterschied und nach 30 Stunden hast du einen neuen Körper.» Entscheidend ist nebst der Präzision, dass man die Übungen drei- bis viermal wöchentlich absolviert. Das lässt sich daheim problemlos machen, 15 Minuten reichen schon.

Wie weiss man allein zu Hause, ob man präzise genug turnt?

Wenn es anstrengend ist. Und sich irgendwie so richtig gut anfühlt.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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