Das Ende des Augusts

Der Sommer: Zeit des Lesens. Eine Kolumne von Milo Rau.

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Der August neigt sich dem Ende zu. Die Tage werden kühler, die Zeit der heissen, mückengeplagten Nächte ist vorbei. In ein paar Tagen beginnt der September, die Theater starten ihr Herbstprogramm, und jede Minute erscheint eine neue Mail in meinem Mailordner. Der Monat August aber ist im Theaterbetrieb der tote Monat. Sechs Wochen lang gibt es keine Aufführungen, und alles fällt in tiefen Schlaf. Natürlich, man probt für die Premieren im September, man geht auf die Sommerfestivals. Aber man tut das alles in einer entspannteren Weise als im März oder November. Man tut es fast träumerisch, geborgen in der Schwüle des Sommers.

Abgesehen von einem Besuch auf dem Filmfestival Locarno und ein paar Probentagen in Belgien war ich in keinen abgedunkelten Räumen. Letztes Jahr probte ich intensiv an «Empire», vorletztes Jahr war ich an der Biennale in Venedig und quälte junge europäische Künstler mit einem Workshop. Diesen August nichts davon. Ich schwamm mit den Kindern im Meer, und da jeder Druck weg war, schrieb ich viel: ein Drehbuch, ein paar Essays, unter anderem über Ursina Lardi, mit der ich ab September wieder an «Lenin» proben werde.

«Train Dreams» ist die beste Erzählung, die es gibt in dieser Welt – und vielleicht auch noch in ein paar anderen»

Und ich las viel, aber völlig ziellos. Romane von Boris Sawinkow, das faszinierende «Was auf dem Spiel steht» von Philipp Blom, ein Buch der halb vergessenen Kathy Acker und die «Chronicles» von Bob Dylan. Zum vielleicht zehnten Mal in meinem Leben las ich die «Orestie» von Aischylos, die ich im Nordirak auf die Bühne bringen werde. Und wenn es abends etwas abkühlte und die Kinder im Bett waren, schauten wir auf der Veranda «Twin Peaks».

Vor allem aber las ich, wie jeden Sommer, Denis Johnson. Vergangenen Mai ist er gestorben. Ich habe mich nie bemüht, ihn kennen zu lernen, und das bereue ich jetzt. Seine Bücher erzeugen in mir eine Art Verzweiflung, gepaart mit grosser seelischer Helligkeit. Ich meine diese haltlose Verstörung, wie nur wirkliche Kunst sie über uns bringt. Man versteht nicht, woher dieser Mensch dies alles weiss und beschreiben kann. So schrecklich und wahr sind Johnsons Geschichten. Seine Figuren verfolgen mich wirklich, wie Träume in der Kindheit. «Train Dreams» ist die beste Erzählung, die es gibt in dieser Welt – und vielleicht auch noch in ein paar anderen.

Der Sommer also: Zeit des ­Lesens. Der Sommer, das ist der Süden, das sind die erstarrten Eidechsen, die an der Mauer ­kleben und auf einmal mit abgehackten Bewegungen in einer ­Ritze verschwinden. Und natürlich das orchestrale Schnarren der ­Zikaden. Wenn es aus geheimnisvollen Gründen plötzlich abbricht, entsteht ein Loch im Hirn, ja eigentlich im Dasein. Und genauso ist es mit dem August, denke ich. Wenn er plötzlich vorbei ist, dann erschrickt man, als hätte er ewig fortdauern müssen.

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